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Lebendige Tradition gepflegt

Sackelhausener Kirchweih: Heimattag und Gedenkgottesdienst mit Kranzniederlegung

 

Reutlingen.  Zum 55. Mal haben die Banater Schwaben, die einst im Ort Sackelhausen lebten, in Reutlingen ihr Kirchweihfest mit Heimattag und Gedenkgottesdienst gefeiert und so eine lebendige Tradition beibehalten.

 Das Kirchweihfest ist die größte kirchlich-weltliche Feier im Banat. Weil die Banater Schwaben ihre Heimat im heutigen Rumänien verlassen mussten, und viele in der Reutlinger Region eine neue Heimat fanden, feierten sie am Samstag in der Rommelsbacher Wittumhalle. "Wir sind längst hier angekommen und integriert", hatte vor wenigen Tagen erst Katharina Ortinau, die Vorsitzende der Heimatortsgemeinschaft Sackelhausen, betont. Und Edeltraud Willjung unterstrich diesen Gedanken am Samstagabend einmal mehr: "Inzwischen sind die meisten der Sackelhausener Reutlinger, Metzinger, Wannweiler geworden, aber auch Augsburger, Nürnberger und Österreicher."

Dementsprechend klein oder groß waren auch die Anfahrtswege der rund 400 Besucher des Kirchweihfestes. "Die Menschen kommen aus ganz Deutschland", ergänzte Nikolaus Fuhry. Und sogar aus den USA, aus Pennsylvania war jemand angereist. Warum? "Das Fest ist eine Möglichkeit, um miteinander zu feiern, aber auch, um Verwandte und Bekannte wieder zu treffen", so Willjung. "Das Leben der Anderen interessiert noch immer", sagte die Hüterin der süßen Schätze, die im Foyer wie in einer Edel-Confiserie präsentiert wurden.

 28 Frauen hatten 33 verschiedene Sorten Pralinen, Pralinées und Kleingebäck gezaubert, eins eine größere Augenweide als das andere. Kalorienbomben, mit Sicherheit, aber allein vom Anblick her schon unwiderstehlich. Erwähnenswert sind allerdings auch die Namen: Magdalena- oder Lia-Schnitten hießen die einen süßen Verführungen, Londoner Stangen oder Kojak-Türmchen andere. Woher die Mimosenschnitte ihren Namen erhielt? Die Produzentin hätte es im Vertrauen vielleicht verraten - wenn sie greifbar gewesen wäre. Probieren durften die Gäste die süßen Köstlichkeiten aber erst ab 23 Uhr. So lange wachte Edeltraud Willjung über die Kostbarkeiten. "Sonst wäre ja gleich alles weg gewesen", begründete sie.

Im Saal waren in der Zwischenzeit die Trachtenpaare der Jugendlichen und Kinder eingezogen und begeisterten mit ihrem Auftritt alle Gäste. Farbenprächtig und schick waren dabei nicht allein die Kleider der jungen Damen, sondern vor allem auch die Hüte der jungen Männer. Und - eine große Rolle spielt bei den Banater Schwaben immer wieder der Rosmarinzweig. Auch Bürgermeister Peter Rist war mit solch einem Ästlein geschmückt in die Halle gekommen. Erstaunlich war nicht nur, dass er sein Grußwort in Versen vortrug - "ich will nicht mit langen Reden plagen, aber ein Gedicht jetzt wagen" - Rist gab zudem mit der Donauschwäbischen Blaskapelle Reutlingen ein Beispiel für seine Sangeskunst.

Begonnen hatte der Festtag der Sackelhausener aber schon am Samstag Nachmittag mit einem Gedenkgottesdienst und Kranzniederlegung auf dem Friedhof Römerschanze. Bis nachts um 1 Uhr ging schließlich die Kirchweihfeier in der Wittumhalle - dass es schon die 55. ihrer Art in Reutlinger Gefilden war, "das ist ein Zeichen der Kontinuität, des langen Atems und für eine lebendige Tradition", hatte Katharina Ortinau betont.

Zuvor hatte die Gemeinde zu einem ausgedehnten Gottesdienst in die Aussegnungshalle des Friedhofs Römerschanze zum jährlichen Kirchweihfest mit anschließender Kranzniederlegung an der nahen Gedächtnisstätte eingeladen. Mehr als 250 Sackelhausener Landsleute und Gäste trafen sich ab 14 Uhr in der Festhalle zu Gesang und Gebet mit Pfarrer Robert Dürbach.

Festrednerin Margarete Dimster und der ehemalige Handball-Nationalspieler Hans-Günther Schmidt gedachten den verfolgten und vertriebenen Donauschwaben mit bewegenden Worten und Anekdoten aus der gemeinsamen Geschichte. Von der "neuen Heimat" in Reutlingen sprach Dimster und erklärte den Gedenktag zur Tradition für den Rückblick in eine Zeit, die tiefe Wunden hinterlassen hatte, aber auch für die Vermittlung von Geschichte und von Identität aus der alten Heimat für jüngere Generationen. Pünktlich zum Glockenschlag um 16 Uhr begleitete die Donauschwäbische Blaskapelle die Gesellschaft zur Gedenkstätte unter den Ehrenmalen auf dem Friedhofsgelände. Für ein Zeichen der Wertschätzung steht der geschmückte Kranz, der am Gedenkstein niedergelegt wurde. Auf den Bänken in der ersten Reihe beobachtete die Generation des Geburtsjahrgangs 1951 die Zeremonie - nicht wenige waren ob der Erinnerungen gerührt. Ein Ritual könnte für die Hoffnung stehen, die aus der Nachkriegszeit der deutschen Heimatvertriebenen erwuchs: Nach dem "Vaterunser" wurden die Hände der Nächsten mit den Worten geschüttelt: "Friede sei mit dir!"

Jonas Blum & Nico Andel, swp, 27.09.2011