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Literarischer Nachmittag in Reutlingen am 14.06.2009

 

„Die Erinnerung bleibt“

Ein schönes Wort im Deutschen heißt Erinnerung. Schön ist nicht allein der Klang, mit dem Dichter gut umgehen können oder wehmütige Lieder sich gern bis an den Rand füllen lassen; Erinnerung, das hebt ab, das geschieht mit einem, in einem. Ins Innerste geht’s. Hinwenden, versenken, zurückfühlen, heraufbeschwören. Manchmal ist’s wie ein Überfall.

So beschreibt Heinrich Lauer in seinem Versuch über die Erinnerung, dieses Vermächtnis, dass sich mit Sprache und Brauch verbindet, mit Namen von Menschen, mit Namen von Dingen.

„Die Erinnerung“ stand im Mittelpunkt des Literarischen Nachmittags bei allen vier Referenten.

Herr Johann Steiner,

geboren 1948 in Billed im Banat, studierte Germanistik an der Universität in Temeswar. Von 1971 bis 1979 war er Redakteur der Tageszeitung „Neuer Weg“ in Bukarest und Temeswar. 1980 Umsiedlung nach Deutschland, ab 1981 war Herr Steiner Redakteur in Düsseldorf beim Verlag Telepress und bei der Rheinisch-Bergischen Verlags- und Druckerei GmbH. Von 1985 bis 2007 Redakteur beim General-Anzeiger in Bonn.

Wenn sich die Sonne in den 1970er und 1980er Jahren im Westen neigte, haben viele rumänische Staatsbürger, aber auch manch ein Deutscher aus der DDR die Flucht über die Westgrenze Rumäniens gewagt. Stacheldraht und Wasser, die Donau, Schießbefehl und Folter haben sie nicht abgeschreckt. Der Drang nach Freiheit war so groß, dass sie ihr Leben riskierten. Die knapp 1000 km lange Westgrenze Rumäniens ist in den 1980er Jahren zur blutigsten in Europa geworden.

Vermutlich sind an dieser Grenze mehr Menschen ums Leben gekommen als an der innerdeutschen. Doch das ist unbekannt. Denn von den Untaten der Soldaten an der Grenze zu Ungarn und Jugoslawien hat nur selten ein Journalist berichtet. Rumänien war ausschließlich von kommunistischen Staaten umgeben. Selbst die Presse im relativ liberalen Jugoslawien musste auf die Befindlichkeiten des nördlichen Nachbarn Rücksicht nehmen. 17 Jahre nach dem Sturz des rumänischen Diktators Nicolae Ceausescu sind die Gräueltaten an diesem Teil des Eisernen Vorhangs unbekannt. Die Archive sind noch immer unzugänglich, die Behörden verhindern Recherchen. Zeugen oder Familienangehörigen von Ermordeten und Erschossenen, die in Rumänien leben, wollen nicht sprechen. Einfacher ist hingegen die Recherche in Deutschland, wo viele der Flüchtlinge oder deren Angehörige leben. Ein Teil von ihnen kommt in diesem Buch zu Wort. Der Band ist ein Versuch, ein wenig Licht in dieses dunkle Kapitel europäischer Geschichte zu bringen. Denn Ceusescus Grenzer haben willkürlich geschossen, sie haben gefasste Flüchtlinge tot geprügelt, in der Donau ertränkt oder mit Schnellbooten überfahren. Viele Opfer sind auf dem serbischen

Donau-Ufer begraben worden. Auf jedem Friedhof auf der serbischen Seite gibt es wenigstens eine Reihe von Gräbern, in denen Opfer des unmenschlichen Grenzregimes ihre letzte Ruhe gefunden haben. Auf den inzwischen verfaulten Holzkreuzen stand einst auf serbisch „Name unbekannt“.

In dem Buch „Die Gräber schweigen“ wird aber nicht nur von Tod, Mordschlag und Folter berichtet, sondern auch von Erfolgen. Flüchtlinge haben sich stets was einfallen, nicht nur jene, die die innerdeutsche Grenze überwinden wollten.

Herr Dr. Matthias Plack,

wurde 1936 in Paulisch, im Banat geboren. Er studierte Medizin in Temeswar wo er 1960 promovierte. 1975 übersiedelte er mit seiner Familie, Ehefrau und zwei Kindern, in die Bundesrepublik. In Erdmannhausen, im Stuttgarter Raum, fand er eine neue Heimat und gründete eine eigene Praxis. Hier arbeitete er als Facharzt für Allgemeinmedizin bis 2002, als er in Ruhestand trat. Seither konnte er sich seinem Hobby widmen und Erfahrungen seiner langen beruflichen Laufbahn und oft schwer geprüften Lebens in Gedichten verarbeiten.

Das Leben ist ein großes, aus vielen Teilen bestehendes Mosaik, wobei die kleinen Steinchen überwiegen. Die Einzelheiten dieses Mosaiks werden erst durch die kleinen Steinchen sichtbar.

In seinem Buch: „Begegnungen im Leben- An einem Dornenstiel erblüht die Rose“, dass er seiner Frau Hilde, seiner Tochter Dietlinde, sowie dem Andenken an seinen verstorbenen Sohn Norbert widmet, hat Herr Dr. Plack sich bemüht, je mehr unterschiedliche solcher Steinchen zu sammeln und zusammenzufügen.

Herr Hansi Schmidt,

In der Handball-Welt war Hans-Günther Schmidt in den 60er und 70er Jahren als Schrecken aller Torhüter und als "Bomber der Nation" gefürchtet. Vor allem seine unnachahmlichen, verzögerten Sprungwürfe machten "Hansi" berühmt.
In Deutschland fand Hansi Schmidt eine neue Heimat, nachdem er 1963 geflüchtet war und im idyllischen oberbergischen Land in Gummersbach seine Zelte aufschlug. Dort erlangte "Hansi-Bär", wie er wegen seiner stämmigen Figur gerufen wurde, durch seine Handball-Künste Weltruhm.
"Hansi war einer der besten Spieler der Welt. Er hatte aus der zweiten Reihe Wurfvarianten drauf wie kaum ein anderer, seine Schüsse aus der Hüfte waren einzigartig", sagt der ehemalige Gummersbacher Meistertrainer und Ex-Bundestrainer Petre Ivanescu über die Vorzüge des Goalgetters.

Klaus Westebbe (58), 52-maliger deutscher Nationalspieler, von 1969 bis 1983 beim VfL aktiv, teilte jahrelang mit Schmidt ein Zimmer: "Wenn es in wichtigen Spielen drauf ankam, war er immer da. Er war ein Sprungwunder und konnte Spiele allein entscheiden."

Daher kann Hansi Schmidt auf eine glanzvolle Karriere zurückblicken. Mit dem VfL gewann er zahlreiche Titel, die Schlachten in der Dortmunder Westfalenhalle sind unvergessen. Viermal errang Schmidt mit Gummersbach die Europapokalkrone, warf in 53 Europacup-Auftritten 338 Tore, wurde siebenmal deutscher Meister mit dem einst erfolgreichsten Handballverein der Welt mit 27 Titeln. Für Deutschland bestritt der Vater der beiden Söhne Hans-Günther (38) und Christoph Eric (35) 98 Länderspiele (484 Tore), zuvor hatte er 18-mal das Nationaltrikot des viermaligen Weltmeisters Rumänien getragen.

Inzwischen ist es ruhig geworden um den einstigen Torjäger. Seit Juli 2006 ist der ehemalige Hauptschullehrer Pensionär. In seiner Freizeit schwingt er am liebsten das Tennis-Racket. Aber er spielt auch gerne Tischtennis, beschäftigt sich mit dem Laptop oder liest gerne ein gutes Buch.

Herr Stefan Teppert,

1956 in der donauschwäbischen Siedlung Entre Rios in Brasilien geboren, studierte in Freiburg, Wien und Tübingen Philosophie, Germanistik und Geschichte mit Magister Abschluss. Nach Presse und Verlagstätigkeiten arbeitet er seit 1988 als Kulturreferent der Landsmannschaft der Donauschwaben in Sindelfingen. 1990, als die Regierung Schröder antrat, verloren viele Kulturreferenten ihre Arbeitsplätze, darunter auch Stefan Teppert.

Donauschwäbische Belletristik ist innerhalb deutscher Literaturszene auf weite Strecken „Terra incognita“. Nur vereinzelt erreichten Schriftsteller aus den Reihen der im 18.Jahrhundert besonders aus Süddeutschland nach Südosteuropa Ausgewanderten einen überregionalen Bekanntheitsgrad. Diese Anthologie möchte mit Kurzbiographien und Porträtfotos, repräsentativen Texten und Bibliographien jeweils einen möglichst ergiebigen Eindruck von zahlreichen donauschwäbischen Autoren der Nachkriegszeit vermitteln, die heute zerstreut in vielen Ländern der Erde leben. Um erst mal das Vorhandene übersehen zu können und einer ausstehenden Erforschung und Bewertung nicht vorzugreifen, kommt hier als Auswahlkriterium der Primat des Ästhetischen nur bedingt zur Geltung, weil die Maßstäbe für eine notwendige interkulturelle Betrachtung dieser Literatur nahezu vollständig fehlen. Paradoxerweise sind gerade in Zeiten der Not und infolge seelischer Spannung und Verletzung schöpferische Energien als ein sich Aufbäumen des Überlebenswillens zutage getreten, auch da, wo sie vorher nicht zu vermuten standen. Selbst kaum der Schrift Kundige greifen zur Feder, um das Leid in Worte zu fassen und vielleicht eine sangbare Weise der Klage zu finden. Das schwergeprüfte Leben muss geäußert, vom Herzen geschrieben und gestaltet, der Welt mitgeteilt werden, damit es tragbar bleibt. Verdrängte Probleme sind keine gelösten; nur wer sich erinnert, kann Heilung erlangen, kann verzeihen und die Hand zur Versöhnung reichen, vorbehaltlich

dessen, dass auch die andere Seite sich erinnern will. Es wäre überheblich und fatal, eine Literatur, die viel zur so genannten Vergangenheitsbewältigung beiträgt, zu missachten, weil sie vermeintlich wenig virtuos und artifiziell ist. Man muss sie in den Kontext ihrer Entstehungsbedingungen situieren, sie aus ihrem eigenen Denk-, Vorstellungs- und Wahrnehmungssystem interpretieren, um nicht gleich von Epigonalität und Zweitrangigkeit zu sprechen. Ihr innovatives und utopisches Potential liegt nicht so sehr im literarästhetischen Feld, sondern im Vermögen des Gedächtnisses, die Zukunft zu bewahren. Deshalb gehört die literarische Erinnerung an Flucht, Vertreibung, an Deportation und Lager, an den Verlust der Heimat und an die Erfindung einer neuen zu der Erbschaft, die eine neue Völkerverständigung in Europa aufnehmen muss.

Es sind Bestandteile der europäischen Erinnerungskultur.

Katharina Ortinau