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Lesung und Buchpräsentation in Reutlingen

 

von Hildegard Lutz und Edeltraud Willjung

 

Auf Einladung der HOG Sackelhausen, des Kreisverbandes und Ortsverbandes Reutlingen waren am 28. Februar 2010 die Autoren Johann Lippet, Mathias J. Kandler und Dr. Franz Marschang in der Gaststätte Schwarz-Weiß zu Gast. Durch das Programm führten Annemarie Pittner, Michael Koppi und Norbert Merkle.

Den Anfang machte Mathias J. Kandler mit seinem Debüt-Roman „Nr. 657. Im Donbass deportiert.“. Das Buch entstand auf Wunsch seiner Tochter, die – nachdem Mathias J. Kandler immer wieder von seiner Russlanddeportation erzählte – ihren Vater aufmunterte, doch mal alles aufzuschreiben. Dies befolgte der Autor zuerst in seiner Muttersprache, dem Johannisfelder Dialekt. Doch seine Tochter, „eine Studierte“, stolperte über die Lektüre und sie überzeugte ihren Vater alles ins Hochdeutsche zu übersetzen. Dies erwies sich zum Teil schwieriger als vom Rumänischen ins Deutsche, so Kandler. Also las Kandler aus seinem Buch vor, las aus seinen erlebten Erinnerungen als Sechzehnjähriger, als Überlebender, er las vom Hunger im Lager, von der Arbeit und auch von Freundschaften und Begegnungen, die im Lager entstanden sind. Letztendlich widmet er sein Buch auch diesen schicksalhaften Begegnungen: „Es ist mein Gedenken an alle, die mit uns gelitten und im Besonderen an jene, die nicht das Glück hatten >HEIMZUKEHREN<“.

Johann Lippet stellte gleich zwei Bücher vor: „Dorfchronik, ein Roman“, das noch druckwarm war und das er am Sonntag selbst zum ersten Mal in der Hand hielt, und sein zweites Buch, „Das Leben einer Akte“, in dem es – wie der Titel schon verrät – um die Bespitzelung und zugleich die Unfähigkeit der Securitate geht. Lippet las Passagen aus diesem Buch vor und erzählte aus seiner Zeit in der Aktionsgruppe Banat, in der die Securitate das Geschriebene der Gruppe misstrauisch überwachte, sich vor dem Nicht-Geschriebenen ängstigte, vor Symbolischem, und sie ließ das geschriebene Wort von anderen Autoren sezieren, setzte diese wie Spürhunde auf eventuelle Vieldeutigkeit an und bestrafte daraufhin die Autoren mit Verhören.

Die Pause haben Mathias Wanko, Johann Frühwald und Reinhold Lauer musikuntermalt. Bücher wurden gekauft, signiert und mit den Autoren konnte man ins Gespräch kommen. Nach der Pause stellte Dr. Franz Marschang seine Erzähl-Tetralogie „Am Wegrand der Geschichte“ vor. Dr. Marschang erzählte Historisches, Geografisches und Politisches über die Anfänge der Siedler bis hin zur Rückwanderung ihrer Nachkommen, und las aus seinem vierten Band, „Die andere Welt“ vor.

Viele der zahlreich erschienenen Zuhörer konnten eigene Erinnerungen mit den Vorträgen verbinden.

Es geht jedoch um Fiktion und historische Tatsachen. Zu Recht darf gefragt werden, „wie langlebig ist Erinnerung?“. Und darf die jüngere Generation sie nicht auch zum Thema machen – auf ihre eigene Art?

Somit stand der Name der Nobelpreisträgerin Herta Müller im Raum, die „die Leiden unserer Eltern und Großeltern für die heutige Generation nachvollziehbar gemacht und unsere Themen in die Weltliteratur gebracht hat“ (Prof. Dr. K. Gündisch). Darf man ihr das abstreiten? Die Diskussion am Ende der Veranstaltung blieb aus. Was wäre die richtige Reaktion gewesen? Es gab Zustimmung, aber auch Sprachlosigkeit bis zu Resignation durch Verlassen des Raumes.