Wappen

Der Ort Sackelhausen

Kreis Temesch 1924, Sacklas (Szakalhaza) westlich von Temesvar
Blick zum Beichtstuhl und zur Kanzel (1940)
Altarraum der Kirche (1940)
Orgel (1940)
Die Kirche in ihrer damaliegen barocken Ausstattung (1940)
Blick zur Orgelempore (1940)

1392: erste urkundliche Erwähnung des Ortes

Die erste urkundliche Erwähnung des Ortes stammt aus dem Jahre 1392, worin der Besitz Zakalhaza mit all seinen Liegenschaften dem Blasius de Peterd, seinen Erben und Nachkommen zugesprochen wurde.
In einem Schriftstück aus dem Jahre 1707, wird der Ort, bewohnt von rumänischer Bevölkerung, Zakalhaz genannt.
In den Akten des Hofkammerarchivs (Wien) erscheint bereits um 1717 das Dorf bestehend aus 66 Häusern.
Diese Häuser und eine Kirche (ca. 20x12 m) und dem größeren Haus des Oberkneses (Ortsvorsteher) Schiwoin (Jivoin) standen, geschützt vor den Fluten des jährlich drohenden Hochwassers, auf der leichten Anhöhe der heutigen walachischen Gasse.

1765: die ersten deutschen Kolonisten

Die ersten deutschen Kolonisten kamen im Jahre 1765. Es waren vorerst nur einige wenige Familien, der größere Zustrom erfolgte erst 1766 und einzelne Familien bis 1770. Ein bedeutender Neuzugang fand nochmals 1784 bis 1787 statt.

Die Siedler kamen aus:

Rheinland-Pfalz (Moselgegend und Hunsrück, Rheinhessen-Pfalz), Saarland, Hessen, Baden-Württemberg, Luxemburg, Lothringen, Elsaß sowie verschiedene Gegenden (Österreich / Wöcklabruck; Bayern / Fürstenfeld; Sachsen / Eisenberg; Ostpreußen / Marienburg; Ungarn / Csaba).

Die heute noch gesprochene Mundart ist eine Mischmundart der Einwanderungsgegenden.

Die deutschen Kolonisten wurden im alten rumänischen Dorf bis zur Fertigstellung ihrer Häuser untergebracht.
Erst im Jahre 1766 erhielt der Temesvarer Ingenieur Johann Zacharias Sax den Auftrag, gemeinsam mit dem damaligen (landeskundigen) Oberknesen Schiwoin (Jivoin) einen entsprechenden Bauplatz für das neue Kolonistendorf auszusuchen.

Mehrere Varianten zur Errichtung des Kolonistendorfes wurden erstellt und erst die dritte Variante, nach der das Kolonistendorf einige Klafter ostwärts vom alten rumänischen Dorf entfernt, entstehen sollte, stellte die Siedler zufrieden.. "Sax" steckte die neue Dorfanlage für 300 Häuser aus, mit je 2 Häuserreihen, von Osten nach Westen verlaufend, für jede der 7 geplanten Gassen. In der Hauptgasse blieben vorläufig 10 Bauplätze nicht nummeriert als Dorfplatz liegen. Die hier ausgemessene Dorfanlage liegt ca. 10 km westlich von Temesvar. Der Ort wurde in den Schriftstücken der Zeit Szakalhasz und auch Szakelhaz genannt, später erst von den deutschen Einwohnern Sackelhaus und Sackelhausen, und gehörte zum Temeswarer Distrikt.

Die Seelsorge unterlag dem Franziskanerpater Joachim Gärtner (28.7-24.9.1766).

1767: Abzug der Rumänen

Laut einem kaiserlichen Erlass musste die rumänische Bevölkerung (60 oder 80 Familien) ihr altes Dorf verlassen.
Die Familien machten sich im Jahre 1767 (am Tage ihres Heiligen Sf. Gheorghe) auf einen beschwerlichen Weg und erreichten ihr Ziel, heimgesucht von Krankheiten und mit dezimierten Viehherden, erst im Monat August, den Ort Torak, unweit Großbetschkerek (Zrenjanin) im heutigen serbischen Banat. Die Menschen konnten ihre Heimat nicht vergessen und nannten ihren neuen Wohnort bis 1780 Sacalaz.

Einem Bericht aus dem Jahre 1767 an die Hofkanzlei ist zu entnehmen, dass die Kolonistenhäuser sich seit 1766 im Bau befinden. Die Häuser waren aus Lehmerde gestampft und mit Rohr gedeckt.

Anfangs waren die Siedler 6 Jahre steuerfrei, alles andere aber, ausgenommen Holz zum Hausbau und zum Heizen, was sie sonst noch erhielten (Reisegeld, Zugvieh, Werkzeuge, Saatgut, Viehfutter, u.a.) sollte innerhalb von drei Jahren zurückbezahlt werden. Im neuen Kolonistendorf gab es zu dieser Zeit noch keine Schule, kein Pfarrhaus und keine Kirche.

1767: Massensterben: Malaria / Ruhr. Hochwasser

Das erste Hochwasser gab es im Jahre 1767. Ausbrechende Epidemien dezimierten die Bevölkerung. 1768 wurde die rumänische Kirche abgetragen und nach Torak transferiert.

1768: fast 50% der Häuser sind unbewohnbar. Die Neugasse entsteht

Im September des gleichen Jahres war die Lage des Ortes trostlos. Die kaum ein Jahr vorher fertiggestellten Häuser befanden sich in einem üblen Zustand. Die Dächer, meistens aus schlechtem und krummen Waldholz errichtet, waren zusätzlich noch mit zu geringem Gefalle ausgeführt. Die Häuser hatten keine Öfen und Herde, keinen Putz, der die gestampfte Lehmerde schützte. Von den 300 Häusern waren nur noch 152 bewohnbar, 11 eingestürzt und 137 in einem so üblen Zustand, dass sie nicht mehr zum Wohnen taugten. Die Betroffenen zogen aus den meist nördlich gelegenen Gassen in die Schwarzwälder- und Neugasse und gründeten die Neugasse. 1769 wurde die Walachische- Gasse gegründet.

1770: Typhus, 1771: Ruhr, 1772; Niedrigste Einwohnerzahl

Die Entwicklung der Dorfgemeinschaft wird immer von ausbrechenden Epidemien gefährdet. Ruhr und Typhus reduzierten die Einwohnerzahl auf 1038 Personen (1772)

1772: Erbauung der Kirche

Am 22. Februar 1772 entwarf der Ingenieur Carl Alexander Steinle den Plan für die neue katholische Kirche, die (mit Pfarrhaus) noch bis zum Jahresende in der Dorfmitte errichtet wurde.

Bereits im Jahre 1772 waren im Dorfe 303 Kolonistenfamilien ansässig.
Die Bewirtschaftung der Felder wurde durch die Impopulations-Hauptinstruktion vom 11. Januar 1772 geregelt: die gesamt Feldfläche wurde in drei gleiche Teile aufgeteilt, eine Fläche für die Herbstsaat, eine für die Frühjahrssaat und ein Drittel Brachland, und der Wechsel erfolgte im Abstand von zwei Jahren (Dreifelderwirtschaft). Jede Familie wurde verpflichtet, 20 Obstbäume zu pflanzen und auf dem Grundstück des Wohnhauses 12 Maulbeerbäume für die Seidenraupenzucht.

1810: erstmaIs über 2000 Einwohner

Bis zum Jahre 1809 stieg die Einwohnerzahl langsam an und im Jahre 1810 fand ein sprunghaftes Anwachsen bis über die 2000-Marke hinaus statt.
lm Jahre 1811 wurden neue Hausnummern eingeführt. Diese schafften endlich Ordnung in das Dorfbild (bis 1852 / 53). Es erscheint erstmals die Aufspaltung eines ganzen Hausplatzes - 1811- in zwei Teile (halbe "Grechtigkeit" genannt), eine Erscheinung, die im Laufe der Jahre immer mehr zunehmen wird.

1831: Gemeindesiegel: Kuh / Melkerin

Im Jahre 1826 verzeichnet die Gemeinde einen bedeutenden Viehbestand, darunter allein 1749 Milchkühe. Das erste noch erhaltene Gemeindesiegel mit Kuh und Melkerin stammt aus dem Jahre 1831, als Symbol der florierenden Milchwirtschaft. Der gesamte Grundbesitz gehörte seit 1767 ausschließlich der deutschen Bevölkerung, es gab von diesem Zeitpunkt an (bis 1945) nur deutsche Bauern und Gewerbetreibende im Ort.

1836: verheerend wütet die Cholera

Am 12. Juli 1836 brach die Cholera aus. Nur in einem Monat allein gab es 136 Tote, insgesamt starben an der Seuche 236 Dorfbewohner.

Im Ort bestand die konfessionelle Trivialschule, Direktor war der Pfarrer Franz Xaver Wurum, der Kaplan hatte den Lehrauftrag für den Religionsunterricht. Unterrichtsfächer in jener Zeit waren: Religion (deutsch), biblische Geschichten (deutsch), Übungen im Schreiben (deutsch und ungarisch), Übungen im Lesen (deutsch und ungarisch), Arithmetik (deutsch), Orthographie, Übungen mit verschiedenen Themen, Sprachlehre in ungarischer Sprache.

1848 / 49: die ungarische Revolution und ihre Folgen

Am 18. März 1848 dehnte sich die ungarische Revolution auch auf das Banat aus.
Am 17. Oktober 1848 wurde Sackelhausen "entwaffnet", vorhandene Waffen, Gabeln, Sensen, u.a. ähnliche Geräte wurden beschlagnahmt.
Am 2. Oktober 1849 unterzeichnen 13 Banater Gemeinden die "Bogaroscher Schwabenpetition" an den Kaiser, worin klargestellt wird, dass die geplante neue Verwaltung unter der serbischen Woiwodina und des Temescher Banats angenommen wurde.
Um 1852 / 53 werden wieder neue Hausnummern eingeführt, die bis in das 3. Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts gültig waren.

1854: nach der Revolution wieder Deutschunterricht

Nach der Revolution wurde im Jahre 1854 die deutsche Sprache wieder als Unterrichtssprache eingeführt.
Bereits nach dem "Urbarium" (1852), nachdem die Bewohner von einer Reihe von Lasten befreit wurde, steigerte sich der Hausbau in vorher nicht gekanntem Ausmaß, hauptsächlich in den Jahren 1852 / 53 und 1857 / 58. Die gesamte Weidefläche des Dorfes wurde von der Gemeindeverwaltung übernommen unter der Bezeichnung "Kompossessorat", dazu gehörten auch die Zuchttierbestände (Reproduktion) der Hengste und Zuchtstiere. Diese Einrichtung überdauerte viele Jahrzehnte (bis zur Agrarreform 1945)

1857: aus der amtlichen Beschreibung des Ortes

Zur ewigen Erinnerung an die verheerende Seuche - die Cholera von 1836 - steht auf dem Friedhof die von der Gemeinde 1841 erbaute Kapelle.
1857 hat der Ort ein Pfarr- und Gemeindeamt sowie eine Trivialschule mit 3 Klassen. Das Pfarrhaus wurde 1846 erweitert und erhöht. Die Schule wurde 1830 und 1854 mit je einer Klasse erweitert, an den drei Klassen unterrichten 3 Lehrkräfte. Es gibt eine Landstraße durch den Ort von Temesvar nach Beregsau. 1857 wurde auch die Eisenbahn und der Bahnhof erbaut.

1860: Anschluss und Magyarisierung

Trotz des Anschlusses (1860) des Banats an Ungarn war die Magyarisierung des Dorfes vorerst von geringer Bedeutung. 

1862: Das Dorf in den Aufzeichnungen von Jakob Pless

  1. Wohnhäuser: Es gibt 439 Hausnummern, davon sind 9 unbebaute Grundstücke.
  2. Die Einwohner: Es werden insgesamt eine Anzahl von 2906 Einwohnern aufgelistet (die Einwohner auf den verlorenen Blättern in den Häusern 1 bis 14 und 75 bis 89 nicht mitgezählt). Somit müsste die Einwohnerzahl die 3000- Marke überschritten haben.
  3. Die häufigsten Familiennamen: Hummel, Müller, Egler, Ortinau, Wagner, Messmer, Götz, Mayer, Wilhelm, Schäfer, Kühn, Schneider, Tettambel, Huschitt, Pleß, Fingerhut, Potye, Lutz, Michels, Hoffmann.
  4. Die häufigsten männlichen Vornamen: Johann, Jakob, Peter, Mathias, Nikolaus, Josef, Friedrich, Franz, Adam, Wilhelm, Georg
  5. Die häufigsten weiblichen Vornamen: Katharina, Margarete, Barbara, Eva, Magdalena, Anna, Susanna, Elisabeth, Gertrud
  6. Altersstruktur der Einwohner: bis 10 Jahre (31 %), 11 - 14 Jahre (25%), 15- 18 Jahre  (21 %), 19-30 Jahre (12%),
    über 30 Jahre (11%).
  7. Knechte und Mägde: Um diese Zeit sind 65 Knechte vermerkt und 63 Mägde namentlich aufgezeichnet.
  8. Adoptionen: Die große Anzahl von Kindern und die niedrige Lebenserwartung der Eltern trugen dazu bei, dass es im Dorf viele Waisen gab. Diese Kinder wurden innerhalb des Dorfes von Pflegeeltern, die oftmals Verwandte waren, adoptiert.
  9. Einrichtungen, Betriebe, Handwerker: Zu den Einrichtungen jener Zeit zählen die Kirche mit Pfarrer Franz Xaver Wurum, das Gemeindehaus, das "Spitalhaus". Dieses war eine Art Asylstätte für notleidende Menschen in jener Zeit, die mit Nahrung von der Dorfbevölkerung versorgt wurden. Später verschwand diese Bezeichnung (Spitalhaus) und wurde in "Armenhaus" umgewandelt und nachher in Totenhaus, weil man die Toten, die keine Angehörigen hatten, hier aufbahrte. Weitere Einrichtungen waren das „Schulhaus“, das Große Wirtshaus, 2 Waldhüterhäuser, das Hengsteshaus, der Bickastall (=Haus der Zuchtstiere). Weiter gibt es die Eisenbahnstation, die Wassermühle, das Wasserregulierungshaus, eine Ölmühle.

Im Jahre 1863 hatte das Dorf eine Wassermühle. Es bestanden aber noch zu gleicher Zeit 9 andere, mit Pferden getriebene, Mühlen.

1863 / 64: Dürre und Notstand

Im Jahre 1863 hat es vom Frühjahr bis im Spätherbst überhaupt nicht geregnet. Es folgte eine verheerende Dürre, die Saaten vertrockneten. Die Frühjahrssaaten versagten ganz, der Mais ging zwar auf, aber er vertrocknete schon Anfang Juni. Der Viehbestand der Gemeinde war sehr groß, im Herbst war kein Futter mehr vorhanden. Die Behörden bewilligten ein Ansuchen der Gemeinde, im Wald, Laub sammeln zu dürfen, das als Viehfutter verwendet wurde. Als im Spätherbst und Winter die Futternot noch mehr anstieg, wurden alle mit Stroh gedeckten Nebengebäude und Lehmmauern, welche die Anwesen umzäunten, abgedeckt und als Viehfutter verwendet. Der Viehbestand schrumpfte zusammen.
Im Frühjahr 1864 erreichte auch in der Bevölkerung die Not ihren Höhepunkt, es wurden Notstandskommissionen gebildet, eine Notstandsküche eröffnet, in der zwischen 200-300 bedürftige Menschen täglich eine warme Mahlzeit bekamen.
Ab 1868 erreicht und überschritt die Einwohnerzahl die 3000 Marke und verblieb über dieser bis zum Ende des zweiten Weltkrieges. Auch der Viehbestand des Dorfes stieg wieder. Milch und Butter wurden zum Verkauf nach Temesvar gebracht.

1870 / 79: Wasserjahre, Cholera, Diphteritis

In den siebziger Jahren regnete es viel, der Boden blieb feucht, die Ernte fiel gering aus. Eine neue Wirtschaftskrise bahnt sich an, die "die siebziger Wasserjahre" genannt wurde. Gleichzeitig fielen in diese Zeit die letzten beiden großen Epidemien: die Cholera 1873 (17. Juli - 22. September, mit 174 Opfer) und die Diphtherie 1878 (18. Mai-Dezember, mit 236 Kindesopfern). Nach einer anderen Kinderepidemie im Jahre 1886 mit 73 Opfern war nun endlich die Zeit der großen Epidemien und des Massensterbens vorbei.

1880: die konfessionelle Schule übergeht an die Gemeinde

Am 25 März 1880 wird beschlossen die bis dahin konfessionelle katholische Schule in eine Gemeindeschule umzuwandeln. In dieser Zeit nimmt die Magyarisierung immer mehr zu, beginnend mit dem Jahre 1886 und endete mit einem vollständigen Unterricht in ungarischer Sprache im Jahre 1901. Zum Glück der Gemeinde gab es aber noch an der Schule tüchtige deutsche Lehrer die, die Kinder ordentlich unterrichteten, ihnen sogar die deutsche Rechtschreibung erfolgreich beibrachten. Einer dieser Lehrer war Johann Schipper (1886-1894).  In diese Zeit, um 1880, fällt auch der erste eigentliche wirtschaftliche Aufschwung der Gemeinde.
Das Dorf wird weiter ausgebaut, es entsteht die Bahnhofsgasse (oder Bahngasse), und die Dreibrunnengasse wird mit 9 Häusern erweitert. Durch die Errichtung der Eisenbahn (1857) konnten größere Mengen an Weizen leichter zu den großen Abnehmern an die Mühlen nach Temesvar und Kikinda geliefert werden.
Im Jahre 1882 wurde ein Spar- und Vorschussverein als Genossenschaft ins Leben gerufen. Im Jahre 1896 folgten der Selbsthilfs- und Kreditverein.
Im Jahre 1884 wurde die Dampfmühle errichtet, die bei der Gründung, Eigentum von drei Personen war, 1907 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde, 1925 modernisiert und erweitert wurde.
In diese Zeit fällt auch die Errichtung einer Ziegelei auf der Gemarkung des Utviner Dorfes von dem damaligen Gemeindenotar Josef Fleischer und einer Holzhandlung innerhalb des Dorfes in Sackelhausen.

Um 1888 erreichte die Einwohnerzahl 3650 Personen.

Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Jahre 1914 prägt und beeinflusst der wirtschaftliche Aufschwung das Leben im Dorf. Die Wohnhäuser waren größtenteils schön, groß, geräumig und hoch, aus nichtgebrannten Ziegeln gebaut, mit Ausnahme der Kirche, des Pfarrhauses, des Großen Wirtshauses, die aus gebranntem Material errichtet wurden.
In dieser Zeit wird der Eichenhochwald (vom Weißen Kreuz bis Temesvar) gerodet. Nach 1918 wird das Feld durch eine Agrarreform den besitzlosen Kriegsteilnehmern aufgeteilt.
Diesen wirtschaftlichen Aufschwung begleitet parallel und in die folgenden Jahrzehnte versetzt auch eine Art von kultureller Tätigkeit und leider auch (bis 1918) ein stetig andauernder Störfaktor: die Magyarisierung.

Im Jahre 1892 erscheint im Dorf ein Verein der Schützen und der Feuerwehr mit 105 Mitgliedern.
1894 wurde die erste Klasse des Kindergartens errichtet, 1911 die zweite Klasse.
1896 wurde der Leichenbestattungsverein gegründet.

Nach 1890: Beginn der Auswanderung nach Amerika

Das Anwachsen der Einwohnerzahl sowie die weitere Konzentration des Feldbesitzes hatten mit Beginn des letzten Jahrzehntes dieses Jahrhunderts auch eine Anzahl sozialer Folgen in der Bevölkerung. Die Einwohner ohne oder mit geringem Feldbesitz (und / oder mit vielen Kindern) pachteten Feld von reichen Bauern, auch oftmals außerhalb der „Sackelhausener Gemarkung“, aber viele suchten ihr Glück auch in der Ferne. In dieser Zeit begann eine Abwanderung ganzer Familien in andere Banater Ortschaften, nach Gisela und Josefsdorf, und nach Amerika. Die Abwanderung nach Amerika - hauptsächlich nach St. Louis / USA und Kitchener / Kanada setzte sich bis zu Beginn des Ersten Weltkrieges fort, dann in den zwanziger und noch zu Anfang der dreißiger Jahre, und wieder nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges (1945). Ein großer Teil der nach Amerika Abgewanderten (bis ca. 1930) kehrte aber wieder mit dem ersparten Geld in das Dorf zurück, kaufte sich Felder oder baute sich Häuser.

Der "Volkswille", eine in Temesvar gedruckte sozialdemokratische Zeitung, war auch in Sackelhausen abonniert.

Bereits im Sommer 1897 kam es in Sackelhausen zum Streik der Schnitter; diese legten während des Getreideschnittes die Sensen nieder und forderten eine höhere Entlohnung für ihre Arbeit. Die Streikenden hatten einen erbitterten Gegner, im Großbauern Wilhelm Besch, der von der  Überzeugung ausging, dass die sozialistischen Ideen die Leute im Dorfe verderben.

1901: Gründung der Milchgenossenschaft

Der wirtschaftliche Aufschwung ging ungehemmt weiter. 1901 gibt es einen neuen Schulbau, 1906 das neue „Große Wirtshaus“, 1911 wurde das Arzthaus errichtet, die Gehwege und Fahrwege in den Kreuzgassen wurden gepflastert. Seit 1900 gab es auch ein Postamt mit Telefon. Im Jahre 1901 wird begonnen die Milchproduktion industriell zu verarbeiten. Es wird ein großer Separater mit einer Kapazität von 2000 Liter / Stunde installiert, eine Milchgenossenschaft mit 388 Mitgliedern und 923 Aktien gegründet. Monatlich wurden bis zu 3000 kg Butter erzeugt, und im Jahre 1904 waren es fast eine Million Liter Milch, die man hier verarbeitete.

1901: Neubau und Verstaatlichung der Schule

Im Jahre 1901 wurde der damals ansehnliche Neubau der Schule errichtet. Die Gemeindeverwaltung konnte sich durchsetzen, die bisherige Gemeindeschule zu verstaatlichen, wahrscheinlich um für die Baukosten nicht aufzukommen und Gemeindemittel zu sparen. Die Unterrichtssprache war ungarisch.

Die Einwohnerzahl erreicht im Jahre 1903 einen Höchststand von 4112 Personen.

Bei den Parlamentswahlen im Jahre 1910 forderte der Kandidat Johann Röser die Zulassung der deutschen Sprache in der Schule. Röser erhielt allerdings bei den Wahlen nur 170 Stimmen, sein Gegner von der Regierungsparte allerdings 1243 Stimmen und gewinnt somit die Wahlen.

1914 - 1918: der Erste Weltkrieg

Alle wehrfähigen Männer des Landes mussten sich kurzfristig bei ihren Militäreinheiten melden. Viele Dorfbewohner und die zum Militär Einberufenen nahmen am 27. Juni an einer von Pfarrer Christoph Ballaur zelebrierten Messe teil.
Der Eisenbahnverkehr wurde für die Bevölkerung eingestellt. Die Schule wird bis 1917 zu einem Militärlazarett umgewandelt. Die Männer standen in dieser Zeit an den Fronten in Russland, Italien und Frankreich, die ersten Verlustmeldungen kamen bereits im ersten Kriegsjahr ins Dorf.
Am 1. November 1918 als der Krieg zu Ende war, zählte die Gemeinde 101 Gefallene, 15 Vermisste und 14 Personen, die an Kriegsverletzungen daheim verstarben. Auf dem Kriegerdenkmal an der Kirche sind ihre Namen eingraviert.

1920: Die Gemeinde gehört zu Rumänien

Nach Inkrafttreten des Vertrages von Trianon (4. Juni 1920) wird das Banat zwischen Serbien, Ungarn und Rumänien aufgeteilt. Der größte Teil fiel an Rumänien. Im gleichen Jahr wird die deutsche Sprache in der Schule als Unterrichtssprache wieder eingeführt.
In diese Jahre fällt auch die Gründung mehrerer Vereine: 1920 der Verein der Landwirte, 1921 die Ortsgemeinschaft Sackelhausen und der Jugendverein, 1922 der Handels- und Gewerbebund.

1923: Stuttgarter Kinder zur Erholung

Aus Deutschland und Österreich kommen Kinder für die Dauer von sechs oder acht Wochen auf Erholung. 1923 waren es 45 Knaben und Mädchen aus Stuttgart, die von ihren Pflegeeltern und der Blaskapelle am Bahnhof empfangen wurden.

Nach Kriegsende trat erneut ein großer wirtschaftlicher Aufschwung ein. Besonders die Milchproduktion und der Schweineexport florierten.

1925: Egidius Haupt verfasste die Geschichte der Gemeinde

Anläßlich der 16OJahrfeier (1925) verfasste Egidius Haupt das Buch "Geschichte der Gemeinde Sackelhausen 1765-1925".

1925: die 160-Jahrfeier

Mit der Aufgabe eine 160-jährige Ahnengedächtnisfeier zu organisieren, wurde im Jahre 1925 der damalige Schuldirektor Adam Weidmann betraut.
Am 5. September um 17 Uhr ging eine Prozession zum Friedhof, wo Pfarrer Uitz zum Gedenken der Ahnen eine Totenvesper zelebrierte. Die Gedenkrede hielt der Kaplan Jakob Maus.    Am Abend des gleichen Tages versammelte sich die Jugend um das Geläute der Glocken in den Räumen des Jugendvereines, bildete unter Anschluss vieler Einwohner einen Fackelzug, zog durch die Gassen und dann zur Wohnung von Egidius Haupt.

Zum Schluss sang der Chor das von den Gefeierten verfasste und von Adam Weidmann vertonte Gedicht "Ich kenn ein schmuckes Schwabendorf im herrlichen Banat".
Im Hofe des Großen Wirtshauses dirigierte Martin Loris die Platzmusik. Am Nachmittag um     14,00 Uhr, desselben Tages, erreichten die Feierlichkeiten mit dem Umzug des Festzuges ihren Höhepunkt.

Ende der zwanziger / Anfang der dreißiger Jahre, als sich die Weltwirtschaftskrise auch hier ausbreitete wurde, laut Überlieferungen, das Getreide so billig, dass mancher Bauer die Säcke, die er nach Utvin aufs Schiff bringen wollte, lieber in die Bega schüttete.
Als der Schuldirektor Adam Weidmann und zwei andere deutsche Lehrer im Jahre 1935 in den Ruhestand traten, wird der Unterricht in rumänischer Sprache ausgedehnt, ein Zustand der einige Jahre andauerte, bis wieder ein deutscher Direktor an die Schule kam. Viele der Ortsbewohner schickten ihre Kinder nach der vierten  oder fünften Klasse in die in der Zwischenzeit gegründeten deutschen Schulen der Banatia nach Temesvar zum Studium.

Um diese Zeit nahm die Zahl der Vereine und ihrer Mitglieder ständig zu. Aus der Loris'schen- Knabenkapelle wurde der Musikverein.

1931: Banater Jugendtag: im Dorf

1931 beschloss man, den Banater Jugendtag ins Dorf zu holen. Es wurde ein riesiges Fest gefeiert: ein großes Zelt wurde aufgestellt, in dem Gottesdienste und Festversammlungen stattfanden. Es waren über tausend Jugendliche und hunderte Erwachsene anwesend. Man hatte in den Häusern 2000 Tische für Jugendliche und Gäste gedeckt und eine große Anzahl von Übernachtungsmöglichkeiten geboten.
Im Jahre 1932 wurde noch ein katholischer Mädchenkranz gegründet. Die Jugendarbeit dieser Art sollte aber nur bis 1935 funktionieren als sie eine andere Richtung bekam.

In den Jahren 1935-1938 entstanden zwei deutsche Parteien in Sackelhausen: die Volksgemeinschaft und die Volkspartei. Diese beiden Parteien bekämpften sich, hatten ihre Anhänger, wurden von den jeweiligen Führungskräften aufgehetzt, so dass so manche Feindschaften in dieser Zeit entstanden. Ab 1938 anerkannte die rumänische Regierung nur die "Volksgemeinschaft der Deutschen in Rumänien" als alleinige Vertreter der Deutschen in Rumänien an. Nun mussten sich die beiden Parteien im Dorf zu einer Partei zusammenschließen.

1940: Der Nationalsozialismus in der Gemeinde

Im November 1940 wird von der rumänischen Regierung per Gesetz die sogenannte "Deutsche Volksgruppe in Rumänien" als juristische Person des öffentlichen Rechts anerkannt, die Deutschen in Rumänien erhielten Schul- und Kulturautonomie. Dies hatte zur Folge, dass sowohl die dörflichen Gemeindeschulen als auch die konfessionellen in die Verwaltung der Volksgruppe übergingen. Die älteren Jahrgänge, die bereits den Ersten Weltkrieg miterlebt hatten, begegneten dieser Entwicklung mit Besorgnis.
Von der Volksgruppe wurde eine Dienststelle im Dorf eingerichtet. Seit 1940 bestand auch die volksdeutsche NSDAP (die Partei Hitlers) in Rumänien, hatte auch einige Mitglieder in der Gemeinde. Die Zahl war aber so gering, dass sie keinen Einfluss auf das Dorfleben nehmen konnte und so ging alles seinen gewohnten Gang weiter.

Bereits im Jahre 1940 wurden 5 Jugendliche als Freiwillige nach Deutschland geschickt. 1941 führte die Volksgruppe ein Volkszählung durch: es gab noch 4030 Einwohner deutscher Nationalität. Dies sollte sich aber bald ändern. Nach der Zerschlagung der rumänischen Militäreinheiten bei Stalingrad (1943) erklärte sich die rumänische Regierung (Antonescu) bereit, die Volksdeutschen aus Rumänien der deutschen Wehrmacht dienen zu lassen. Im Juni 1943 fanden die Musterungen statt. Die Männer wurden auf Pferdewagen nach Temesvar gebracht, auf die Transporte verteilt und mit der Eisenbahn nach Wien geschickt.

Im Jahre 1944 gab es die beste Ernte seit dem Bestehen des Ortes. Es war um diese Zeit ein gewaltiges Wirtschaftspotential vorhanden. Die Landwirtschaft war mit dem auf Zeitniveau gebrachten Maschinenvorrat und Geräten bestens ausgerüstet.

1944: der Krieg kommt nach Sackelhausen

Am 15. September 1944 rückten deutsche Truppen ins Dorf und versuchten in erbitterten Kämpfen Temesvar zu erobern, was aber nicht gelang, da in der Zwischenzeit russische Truppen die Stadt erreichten. Die Dorfbewohner erhielten am 17. September (Sonntags) den Befehl das Dorf zu verlassen. Mit Pferdewagen, Traktoren und Handwagen, verließen die Menschen das Dorf, in Richtung Hatzfeld, Kleinjetscha und Deutsch-Sankt-Michael. Zurück blieben einige alte und kranke Einwohner. Am 19. September 1944 kam Temesvar in russische Hand.
Die in Hatzfeld Einquartierten, wurden vom 27. September bis Anfang Oktober auf Güterwagen verladen und per Eisenbahn in Gebiete innerhalb der damaligen Grenzen des Deutschen Reiches transportiert. Die Transporte kamen nach Thüringen, Nieder- und Oberösterreich, nach Bayern, Schlesien und Böhmen.

1945 (15. Januar): die Verschleppung nach Russland

Die in Kleinjetscha und Deustch-Sankt-Michael Verbliebenen kehrten am 14. Oktober 1944 in das von russischen Militäreinheiten eroberte Sackelhausen zurück. Im Herbst 1944 wurden Listen von den daheimgebliebenen deutschen Einwohnern erstellt, um die Männer zwischen 16 und 45 Jahren und die Frauen zwischen 17 und 30 Jahren in russische Arbeitslager zu transportieren. Am 15. Januar 1945 wird das Dorf von Polizei, Militär und auch von rumänischen Freiwilligen aus den umliegenden Ortschaften umstellt, abgesperrt und die Betroffenen in der Schule konzentriert. Zu Fuß mussten sie zur nächsten Sammelstelle nach Freidorf gehen und hier wurden sie dann in Viehwagons nach Russsland abtransportiert. Sie kamen hauptsächlich in die Arbeitslager (Kohlengruben) des Donezbeckens um Stalino, in die Gegend um den Dnepr, nach Krivoirog und Dnjepropetrowsk. Hunger, Kälte und mangelnde ärztliche Betreuung dezimierten sie, es starben 23 Sackelhausener.

1945: Rückkehr und Enteignung

Im Sommer und Herbst 1945 kehrten die meisten geflüchteten Dorfbewohner aus Thüringen, Böhmen, Niederösterreich und teilweise auch aus Bayern nach Sackelhausen zurück. 569 Personen blieben im Ausland, in Österreich und Deutschland, einige von ihnen wanderten später nach Amerika aus.
Die heimgekehrten Familien erwartete ein schweres Schicksal: ihre Häuser waren in der Zwischenzeit von rumänischen Kolonisten besetzt worden. Sie mussten sich den Wohnsitz in ihren eigenen Häusern mit Schmiergeldern erkaufen. Im Sommer 1945 wurde die Agrarreform in Sackelhausen durchgeführt, die Deutschen waren laut Gesetz enteignet.

Eine Hochrechnung ergab, dass im Jahre 1947 noch 2980 Einwohner, also ¾ der deutschen Einwohner, in der Gemeinde lebten.

Von 1767 bis 1944 war Sackelhausen eine deutsche Gemeinde, Wirtschaft und Kulturleben wurden ausschließlich von der deutschen Gemeinde bestimmt, von nun an bis zur vollständigen Auflösung des deutschen Dorfes (in den neunziger Jahren) war es nur noch eine rumänisch-deutsche Ortschaft.

1951 (18. Juni): die Deportation in den Baragan

Am 17. Juni 1951, an einem Sonntag, wurden auf dem Bahnhof Güterwaggons bereitgestellt und im Dorf, Militär zusammengezogen. Am nächsten Morgen wurden die betroffenen Familien aus den Betten geholt und unter Militärbewachung mit in der Eile zusammengepackten Hab und Gut in die bereitstehenden Viehwaggons gesteckt. Die Aktion dauerte bis donnerstags; die Züge rollten mit 63 deutschen Familien und 224 Personen der Baragan-Steppe entgegen. Sie wurden auf freiem Feld ausgesetzt. Gegen die Witterung wurden zuerst Erdgruben ausgehoben, dann nach und nach rohrgedeckte Häuser errichtet - ähnlich wie zur Zeit der Ansiedlung von Sackelhausen. Bis zu ihrer Entlassung im Jahre 1955 / Januar 1956 starben hier 14 Personen. Unter den Verschleppten waren nicht nur Deutsche aus Sackelhausen, sondern auch Deutsche aus vielen Banater Ortschaften, und auch Serben und Rumänen. Aus Sackelhausen waren jene Kolonisten, die man "Mazedonier" (aus dem Pindusgebirge stammend) nannte, fast vollzählig hierher deportiert wurden, wo sie sich neu ansiedelten und nie mehr zurückkehrten.
Im Jahre 1951 entstand die Kollektivwirtschaft und die Staatsfarm. In diesen landwirtschaftlichen Betrieben verblieben aber nur wenige Deutsche, die meisten pendelten nach Temesvar, qualifizierten sich für einen Industrieberuf und waren hier in den Betrieben tätig, bis sie nach einigen Jahrzehnten Rumänien verließen.
Die Stelle der Gemeindeverwaltung waren von Rumänen besetzt, später gab es auch einen deutschen Vizebürgermeister. Ab 1960 gab es durch die Elektrifizierung des Landes erstmals elektrischen Strom im Dorf.
In den sechziger Jahren begann sich das Leben im Dorf zu normalisieren. Viele Deutsche begannen ihre von Staat wieder zurückerhaltenen Häuser zu modernisieren und umzubauen. Da nun elektrischer Strom vorhanden war wurden Bäder errichtet und Elektrogeräte angeschafft. In den Höfen und Gärten wurden Weinreben und Obstbäume gepflanzt. Es gab wieder Blasmusik im Dorf, die Kapellen von Schuster und Piskay, und dann die von Pitzer und Schmitz, und auch die alten traditionellen Feste (Kirchweih) lebten wieder auf, zumal sich auch der Unterricht in der Schule mit einer rumänischen und deutschen Abteilung (bereits seit der Schulreform 1947 / 48) geregelt hatte.

1965 (10. 0ktober): die 200-Jahrfeier

Ein Höhepunkt der kulturellen Veranstaltung der Gemeinde, unter Mitwirkung der Schule, deren damaligen deutschen Direktorin Edith Fosz, war die 200-Jahrfeier der deutschen Gemeinde Sackelhausen am 10. Oktober 1965.
Die Feierlichkeiten orientierten sich an der 1925 stattgefundenen „16O-Jahrfeier“ mit einem zusätzlich eingerichteten Museum mit noch vorgefundenen Schriftstücken und Trachten, sowie  einer Schau aus den jüngsten kommunistischen Errungenschaften. Die Feierstunde wurde durch eine Rede (in rumänischer Sprache) des damaligen Bürgermeisters Maruster eingeleitet, gefolgt von einer Rede in deutscher Sprache, gehalten von Diplom-Ingenieur Josef Pitzer. Ein großer Festumzug krönte die Feier. Die symbolischen Wagen fuhren von Richtung Temesvar kommend an einer vor dem Doktorhaus aufgestellten Fest- und Ehrentribüne vorbei, begleitet von der Musikkapelle Hans Schmitz. Das ganze Dorf hatte an diesem Tag etwas Besonderes an sich. Geschmückt waren nicht nur die Hauptgasse mit großen Girlandenbogen, auch die anderen Straßen vermittelten ein Gefühl von Festlichkeit und Ehrfurcht. Und niemand ahnte, dass es eine ähnliche Festlichkeit nie mehr geben würde. Unser Dechant Franz Schmidt starb nach Kriegsende (1945), er war in Sackelhausen 19 Jahre im Amt.
Von seiner Hand stammen die Ölgemälde der Leidensstationen Christi in der Kirche, auch erstellte er eine Art alphabetischer Familienbücher, die von seinem Nachfolger fortgesetzt wurden.
Sein Nachfolger im Amt war Josef Hampel, eine lange Zeit von 30 Jahren bis zu seinem Tode im Jahre 1975. Seinen Nachforschungen in Wien sowie den Forschungsarbeiten von Jakob Schuch verdanken wir die heutigen Kenntnisse über die Anfänge des Dorfes.
Nach dem Ableben von Josef Hampel, riss die Reihe hervorragender Priester nicht ab. Es folgte Dr. Franz Kräuter (1975-1 978). In seine Zeit fallt die Wiedererrichtung des 1944 heruntergeschossenen Kirchturms unter der Bauleitung von Jakob Divo und dem damaligen Kirchenratsvorsitzenden Josef Egler. Als Dr. Kräuter in eine andere Gemeinde wechselte, war das Ende des deutschen Sackelhausen schon zu erahnen.
In den nun folgenden Jahren setzten die großen Auswanderungsströme ein. In diese Zeit fällt das Wirken von Dr. Lorenz Zirenner in Sackelhausen. Unser heute betagter Banatia-Professor begleitete würdig, aber mit wehem Herzen die Gemeinde auf ihrer letzten Wegstrecke bis zu ihrem Ende.

So kamen die beiden letzten Jahrzehnte heran. In den Betrieben Temesvars, wo die meisten Berufstätigen des Dorfes ihrer Arbeit seit Jahrzehnten nachgingen, hatten sich viele zu Vorarbeitern und Meistem hochgearbeitet.
Es galt aber immer noch in allen Betrieben, zwar nicht in gleicher Weise, die Personalakte. Dadurch waren alle benachteiligt, die von wohlhabenden Eltern stammten, in deutschen Militäreinheiten dienten, vor den Russen 1944 flüchteten oder Verwandte im westlichen Ausland hatten. Es gesellten sich in den siebziger Jahren noch andere Benachteiligungen hinzu, als die Landwirtschaft zunehmenden Mangel an Arbeitskräften meldete. Die Betriebe wurden von den Parteiorganen angewiesen, die auf dem Lande wohnenden Mitarbeiter zu bewegen, in die Landwirtschaft umzusteigen, und vom Lande, ungeachtet der Qualifikation, keinen mehr einzustellen. Aber diese Absicht misslang, da niemand daran dachte, seinen Arbeitsplatz, den er in der Industrie schon jahrelang innehatte, mit einem minderbezahlten in der Landwirtschaft zu tauschen. Es wurden neue repressivere Maßnahmen eingeleitet: jedem Fabrikarbeiter, der auf dem Lande wohnte, wurde ein Rüben- oder Maisfeld zugeteilt, das er mit billiger Entlohnung zu bearbeiten hatte. Weigerte er sich, dann wurde er entlassen. Für diejenigen, die, um diesen Diskriminierungen zu entgehen, ihren Wohnsitz in die Stadt verlegen wollten gab es keine Genehmigungen. Diese Genehmigungen erhielten nur die Staatsbürger, die in weiter entfernten Ortschaften Temesvars wohnten. Dadurch wurden alle, - und es betraf hauptsächlich die deutschen Einwohner der umliegenden Dörfern Temesvars -, die in der Stadtnähe wohnten, benachteiligt, der Zuzug der deutschen Bevölkerung gehemmt und der Zuzug z.B. der Rumänen aus der Moldau gefordert.
Die Eltern wollten aus ihren Kindern keine schlechtbezahlten Landarbeiter machen und schickten sie weiterhin nach Temesvar in die Berufsschulen oder in die Lenauschule. Die Umstände die die Auswanderung beschleunigten, häuften sich. Es wurde die sogenannte "Systematisierung" der Dörfer geplant, es sollten zusätzlich neue Häuserreihen durch die Gärten gezogen werden, ein neuer künstlicher, von oben gestarteter und gesteuerter Nationalismus füllte die Fernsehsendungen am Abend mit der Idee einer großen "sozialistischen Einheits- Nation“, in der die Vielfalt der im Lande lebenden Nationalitäten ausgelöscht werden sollte. Zudem erlaubte man den Auswanderungswilligen - es gab viele um diese Zeit - auszureisen, wenn sie Geldbeträge in ansehnlicher Höhe von Tausenden von DM niederlegten.

1982 (17. Juni): ein Wirbelsturm verwüstete das Dorf

Am 17. Juni um 18.30 Uhr wird das Dorf von einem Wirbelsturm verwüstet, der mit einer Geschwindigkeit von 150 km/h über Sackelhausen hinwegfegte und anschließend die Häuser mit heftigen, sintflutartigen Regengüssen überflutet. Der Sturm beschädigte 90% aller Häuser und  bei etwa 10% wurde das Dach von den Sturmböen hinweggefegt. Das auf den Dachböden sich stauende Wasser musste durch schnell gebohrte Löcher, meistens durch die Wohnzimmer, abgelassen werden, damit die Dachböden nicht aufweichten und einstürzten. In allen Gassen lagen ausgerissene und umgestürzte Bäume, das ganze Dorf war verwüstet.

1983: Höhepunkt der Auswanderung

Im Jahre 1983 erreichte die Auswanderungswelle mit 375 Personen ihren Höhepunkt.  Bis zur rumänischen Revolution im Jahre 1989 war ein Großteil und zwei Jahre danach waren fast alle deutschen Dorfbewohner ausgewandert, in den folgenden Jahren kamen nur noch vereinzelte Personen.
In einem Zeitraum von 1940-1993 sind insgesamt 3516 Personen ausgewandert; in Sackelhausen lebten im Jahre 1993 noch 40 Deutsche, im Jahre 1997 waren es noch 12. Nach einer Bestandsaufnahme im Jahre 1993 lebten von den ausgewanderten Personen noch 2638, davon in Deutschland 2288, in den USA 143, in Österreich 83, in Kanada 49, in Frankreich 12, in Sackelhausen / Rumänien 40 und in anderen Ländern (Spanien, Argentinien, Brasilien, Australien, Schweiz, England, Serbien, Griechenland, Südafrika, Saudi-Arabien) 23 Personen.
Der Wohnort von 6 Personen ist unbekannt. In den Zufluchtsländern Deutschland, Österreich und Frankreich lebten vor 1944 keine Sackelhausener, in den USA und Kanada waren Landsleute über einige Generationen schon ansässig: um 1980 zählte man in den USA 348 und in Kanada 56 aus Sackelhausen stammende deutsche Familien.
In Reutlingen und Umgebung (Wannweil, Metzingen, Pfullingen, Gönningen, Urach u.a. Ortschaften) lebten 1993 1234 aus Sackelhausen stammende Personen, das sind 46,3 % von allen Deutschen, die in dem Zeitraum1940-1993 das Dorf verließen. In Reutlingen ist der Sitz der Heimatortsgemeinschaft mit ihrer derzeitigen Vorsitzenden Katharina Ortinau (vorher war es der  heutige Ehrenvorsitzende Michael Koppi). Hier erscheint alljährlich das "Sackelhausener Heimatblatt" und wird den Landsleuten in aller Welt zugeschickt. Hier kümmert man sich um die Pflege des kulturellen Erbes (mit vielen Veranstaltungen) und um die geschichtliche Vergangenheit Sackelhausens.
Die Sacklehausener haben wieder ihre Blaskapelle und Singgruppen, die in Deutschland und über die Landesgrenzen hinaus sich eines guten Rufes erfreuen. Auf dem Friedhof "Römerschanze" ist ein Gedenkstein für die in beiden Weltkriegen Gefallenen und in der Deportation Verstorbenen errichtet worden. Alljährlich im Herbst findet in Reutlingen ein Treffen von mehreren hundert Landsleuten aus aller Welt statt. Auf dem Friedhof "Römerschanze" wird eine Totenehrung veranstaltet und abends wird in der Wittumhalle  das Kirchweihfest gefeiert.

Quellennachweis:  HOG – Sackelhausen

 

 

Zuverlässige Orientierung für die Debatten der Gegenwart

Einblicke in die Kirchenmusik von Sackelhausen

Von Dr. Franz Metz

Die Orgel

Die katholische Kirche der Gemeinde Sackelhausen wurde in den Jahren 1766-1772 erbaut und im Jahre 1772 geweiht. Laut den Kirchendokumenten stand auf der Empore im Jahre 1826 eine Orgel mit 10 Registern. In den Visitationsakten von Bischof Joseph Lonovich aus dem Jahre 1835 wird eine Orgel mit 10 Registern erwähnt, die um 1840 renoviert wurde. Nach dem ersten Weltkrieg erbaute die Firma Wegenstein aus Temeswar eine neue Orgel für diese Kirche. Von diesem Instrument sind nur Teile des Gehäuses und des Spieltisches übrig geblieben. Im Jahre 1944 wurde nämlich die Kirchenturmspitze von der sowjetrussischen Artillerie zerstört, erst 1977 konnte der Schaden behoben werden. Auch die Orgel wurde 1944 zerstört und bis heute, wegen der Auswanderung der deutschen Einwohner, nicht mehr aufgebaut.

Im Jahre 1994 konnten Teile der alten Orgel auf dem Dachboden der Kirche entdeckt werden. In der Brüstung der Orgelempore sieht man noch heute den Platz der alten Orgel. Von der Wegenstein-Orgel steht seit dem Jahre 1944 nur mehr Prospekt und Spieltisch. Den Aussagen nach, wurden die restlichen unbrauchbaren Orgelpfeifen in den Schuppen getragen oder auf die Straße geworfen.

Hans Egler (26.06.1900 Sackelhausen, Banat - 31.03.1982 Regensburg) wollte seine Hausorgel der Sackelhausener Kirche schenken, doch wegen der Flucht kam es nicht mehr dazu. Hans Egler war eigentlich Eisenbahner und Dreher von Beruf und baute in seiner Freizeit einige Harmoniums und Knopfharmonikas. Eine kurze Zeit assistierte er den Arbeiten in der Orgelbauwerkstatt von Franz Kecskés, Temeswar. Den Rest an Orgelbauerkenntnissen eignete er sich aus Büchern an. Außer der Orgel für die Kirche in Darowa baute er nur noch eine kleine Hausorgel, die bei der Flucht vom 17. September 1944 vor der anrückenden Sowjetarmee in Sackelhausen zurückgelassen werden musste. In Deutschland baute er ein Harmonium, das er seinem Sohn zur Priesterweihe geschenkt hat.

Anmerkungen zum Kirchengesang in Sackelhausen

Anlässlich meines Besuches 2009 in Sackelhausen, konnte ich auf der Orgelempore in einem kleinen Schränkchen das in die Brüstung eingebaut ist, einige verstaubte Musikalien entdecken, die meine Aufmerksamkeit sofort auf sich zogen. Es sind dies keine äußerst wertvolle Handschriften gehobener Kirchenmusik, wie man sie nach 1990 in vielen Banater Kirchen finden konnte, aber es genügt schon diese näher zu untersuchen, um spezifische Merkmale des Sackelhausener Kirchengesangs herauszufinden. Leider ist mit der Auswanderung auch in Sackelhausen jedwelche Spur des deutschen Kirchenliedes verschwunden, doch kann man in der spätbarocken und wertvollen Dorfkirche mit etwas Phantasie noch Vieles von jenem Lob Gottes nachvollziehen, das über Jahrhunderte in diesem Raum aus Freude und Leid erklungen ist.
Wie in allen Kirchen des Banats wurde auch in Sackelhausen an allen Sonntagen der Jahre 1945-1949 am Ende der Heiligen Messe für die nach Russland verschleppten Landsleute gebetet und gesungen. Von diesen Liedern sind uns zwei erhalten geblieben: „Bittgesang zu Maria für die Weggeführten“ und „Mutter, wir rufen dich“. Wie auch diese beiden Lieder, weisen die meisten der Russlandlieder einen Bezug zur Muttergottes auf, eine Parallele zur Sehnsucht nach der eigenen Mutter.

Bittgesang zu Maria für die Weggeführten

O Maria, Mutter aller,
Kinder sind uns weggeführt,
von den Eltern weggerissen,
traurig uns ihr Los berührt.

Doch vereint uns Deine Liebe,
beten zu Dir hier wie dort,
wie uns das auch noch betrübe,
dem Bedrückten bist du Hort.

Deine Hand lass uns erfassen,
heute wenn Verzweiflung drückt;
du hast niemand je verlassen,
dem das Unrecht Leid geschickt.

Im Gebete lass begegnen,
unser aller wehes Herz;
Bei dir die Kraft will uns gewähren,
zu tragen unerhörten Schmerz.

Und dein Sohn der schaue gnädig,
Unser Beten ihr geschickt,
Seine Hilfe ist gar mächtig,
rettet sie, führt sie zurück.

Dann wird dir der Dank gebetet,
wenn ein Ende hat die Not,
am Altare, wenn gerettet,
Kinder essen Eltern Brot.

Mutter, wir rufen dich

Mutter, wir rufen dich, hilf in der Not,
die nun die Lieben rings um bedroht!
Flehe um Rettung am himmlischen Thron,
bitte um Gnade beim göttlichen Sohn.

Schirm in der Ferne die Arbeiterschar,
stähle den Lieben zur Abwehr den Arm.
Hilf in Gefahren und halte du Wacht,
schätze die Lieben in einsamer Nacht.

Wenn sie ein Leid bedrückt, stehe du bei,
hält sie der Feind umstrickt, mach du sie frei.
Stärke die Herzen mit flammendem Mut,
freudig zu opfern, wenn sein muss das Blut.

Sowohl für die Wallfahrten nach Maria Radna wie auch zum Gebrauche bei Maiandachten und Gottesdiensten, wurden von den Sängerinnen des Kirchenchores Liedhefte angelegt, die uns teilweise erhalten geblieben sind. Zu den Mariengesängen gehörten folgende Lieder: Maria breit dein Mantel aus, Mit frohem Herzen will ich singen, Ave Glöcklein, Eine Kind Mariens, Segne du Maria, Ich trag im Herzen fromm ein Bild, Über die Berge schallt, Ein Glöcklein ruft, Ein Mutterherz hab ich gefunden, Rosenkranzkönigin, Dich will ich freudig grüßen, O Maria du wundervoll Schöne, Maria sieh wir weihen, Strecke aus deine milde Hand, O Stern im Meere, Noch glüht deine Liebe, O Maria hilf doch mir, Hier knie ich Maria vor deinem Bild, Milde Königin gedenke, Wenn ich ein Glöcklein wär, u.v.a. Bekannt war auch jener Marianische Wechselgesang, der unter dem Titel „Grüssauer Marienrufe“ bekannt wurde. Pfarrer Eugen Mersdorf, der in der Zwischenkriegszeit in Regensburg studierte, brachte diesen Gesang ins Banat und veröffentlichte ihn in Temeswar unter dem Titel „Münchner Muttergottes-Litanei“ im Jahre 1941.

Von den Messgesängen wurden, wie in allen Banater Kirchen, die beiden Deutschen Messen von Franz Schubert (Wohin soll ich mich wenden) und Johann Michael Haydn (Hier liegt vor deiner Majestät) am liebsten gesungen. Die Schubert-Messe wurde aus einer um 1920 in Temeswar gedruckten Fassung gesungen.

Viele der Weihnachtslieder wurden von den Ansiedlern bereits im 18. Jahrhundert ins Banat gebracht, von den Kantorlehrern aufgeschrieben und so verbreitet. In Sackelhausen sang man aus einer um 1920 im Banat gedruckten Sammlung, die u.a. folgende Werke für gemischten Chor enthielt: Stille Nacht, heilige Nacht (bearbeitet von Josef Gruber), Maria durch ein Dornwald ging (bearbeitet vom Hatzfelder Komponisten Josef Linster), Es blühen die Maien (Volkslied aus der Steiermark), O laufet ihr Hirten, u.a. Vom Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ ist uns eine Handschrift erhalten geblieben, die um 1890 entstanden sein muss und aus einer Singstimme und einer einfachen Klavierbegleitung besteht.

In der Fastenzeit sang man während des Kreuzwegs das Lied „Sie´deinen Heiland an“ (nach der Melodie „O Sünder, mach dich auf“). Zur Auferstehungsfeier wurde der mehrstimmige Chor „Christus ist auferstanden“ gesungen, der von Bläsern begleitet wurde. Danach folgte das feierliche Osterlied „Der Heiland ist erstanden“.

 

Kantorlehrer Hans Graf

(1900-1987)

von Dr. Franz Metz

Hans Graf kam am 6. August 1900 in Perjamosch zur Welt. Er kannte nicht nur den Dichter-Pfarrer Karl Grünn aus seinem Heimatdorf gut, den er mit Schirm auf dem Hotter herumspazieren sah, sondern auch den Perjamoscher Ozeanflieger Georg Endres und den im selben Jahr 1900 geborenen Maler Franz Ferch, mit dem er gemeinsam die Bürgerschule seines Heimatdorfes besuchen konnte. Eduard Schneider widmete Hans Graf einen umfangreichen Artikel in der Neuen Banater Zeitung vom 2. Oktober 1983. Auch in den späteren Jahren sind einige Berichte über ihn in Zeitungen und Zeitschriften erschienen.

Nach dem Besuch der Bürgerschule in Perjamosch und der Lehrerbildungsanstalt in Arad konnte er am 1. September 1920 seine erste Stelle in Schimonydorf (ungarisch Simonyfalva, rumänisch Satu Nou) antreten. Davor war er für nur kurze Zeit als Lehrer bei einem Baron in der Gegend von Deva tätig. In Schimonydorf, einem aus Ungarn und Deutschen bestehenden Ort, wurde erst 1901 ein Bethaus errichtet und 1914 die jetzige Kirche erbaut. Dies war eine schwere Zeit, da 1919 das Banat unter Rumänien, Jugoslawien und Ungarn zerstückelt wurde, und nun der größte Teil zu Rumänien gehörte. Ein Großteil der ehemals deutschen Dorfbewohner hat durch die übertriebene Magyarisierungspolitik Ungarns ihre Muttersprache vergessen und Johann Graf hatte nun die Aufgabe, die Schuljugend in deutscher Sprache zu unterrichten. Diesbezüglich schrieb Karl von Möller in seinem Buch Wie die schwäbischen Gemeinden entstanden sind: „Nicht wenig hat dann der deutschgesinnte und eifrige Lehrer Johann Graf zur Rückgewinnung der Schwabenjugend beigetragen.“

In Schimonydorf wirkte Graf sechs Jahre lang als Lehrer. Im Jahre 1925 legte Hans Graf in Großwardein die Kantorprüfung ab und wurde danach, wie es im Kantorendiplom zu lesen ist, „in den Kreis der Kantoren aufgenommen.“ Dieses Kantorendiplom hatte folgenden Wortlaut:

Kantorendiplom

Graf Johann. Geboren am 6. August 1900 in der Gemeinde Perjamosch, Komitat Torontal, römisch-katholischen Glaubens, der im Mai 1920 in der Großwardeiner römisch-katholischen Lehrerbildungsanstalt ausgebildet wurde für die Elementar- und Volksschule.

Unterfertigte Kommission bestätigt, dass laut Satzung, § 76 der Kandidat geprüft und mit der Bewertung der folgenden Lehrgegenstände in den Kreis der Kantoren aufgenommen wurde.

Liturgie: gut; Harmonielehre: genügend; Kirchengesang: ausgezeichnet; Orgelspiel: gut; Methode des Gesangsunterrichts: gut; Kantorfähigkeit für ungarische und deutsche Sprache.

Mit Unterschrift und Stempel bestätigt. Die Mitglieder der Prüfungskommission
Großwardein, 3. Juni 1925
Kálmán Molnár, Vorsitzender; Mihály Glasz, Oberlehrer; Heilinger József, Direktor; Resch Mihály, Musiklehrer
[Stempel: Scoala normala romano-catolica de Baieti, Oradea-Mare]

Am 1. September 1926 kam Hans Graf als Kantorlehrer nach Sarafol (Saravale) und bemühte sich intensiv um das kulturelle Leben dieser Gemeinde. Im Jahre 1927 heiratete er Anna Nies, die in seinem Chor als Sängerin mitgewirkt hat. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. Nach drei Jahren hat er sich um die Kantorlehrerstelle in Sackelhausen beworben. Damit endete sein dreijähriges Wirken in Sarafol. Die katholische Kirchengemeinde stellte ihm ein Zeugnis aus, in dem es heißt, dass Hans Graf hier „… zur vollsten Zufriedenheit aller Gläubigen, mit Fleiß und Würde unermüdlich wirkte.“

Vom Sarafolaer röm.-kath. Pfarramte

No. 76/1929

Wirkungs Zeugnis

Unterfertigtes r. k. Pfarramt bestätigt dass Hans Graf in der Pfarre als Cantor vom Oktober 1926 bis Ende September 1929 (also 3 Jahre hindurch) zur vollsten Zufriedenheit aller Gläubigen, mit Fleiß und Würde unermüdlich wirkte.

Sarafol, den 22. Oktober 1929
Augustin Witalski [Pfarrer]

Die Gemeinde Sackelhausen, damals mit rund 4.000 Einwohner eine der größten schwäbischen Dörfer im Banat, sollte sich als sehr schulfreundlich und offen für gute Initiativen erweisen. Mit den größeren Klassen „botanisierte“ Hans Graf eifrig. Jeder Schüler ab der Fünften erhielt ein kleines Beet, wo er Bäume züchten, das heißt anpflanzen und veredeln konnte. Zu diesem Zweck sowie für die Anlegung eines kleinen Schulwäldchens und einer Baumschule hatte die Gemeinde vier Joch Hutweide zur Verfügung gestellt. Wenn die Obstbäume veredelt waren und das erste Mal getrieben hatten, wurden sie im Dorf an die Leute verkauft, was der Schule willkommene Einkünfte brachte, die in Schulmaterialien investiert wurden. Hans Graf verstand sich also auch auf gewinnbringendes Wirtschaften. Und es liegt ganz auf dieser Linie, dass er auch landwirtschaftliche Vorträge für die aufgeschlossenen Bauern im Dorf hielt, so über Bodenfruchtbarkeit und Mineraldünger, Gründüngung und Freifelderwirtschaft. Obendrein betreute er noch die so genannte Lehrbubenschule, wo junge Leute in der Fachausbildung sich mit Grundtatsachen der Kultur und der Wirtschaft vertraut machen konnten.

In den dreißiger Jahren hat Kantorlehrer Graf ein lebendiges laienkünstlerisch-musikalisches Wetteifern der Dorfjungen in Sackelhausen zur Entfaltung gebracht: da gab es einen Männer-, einen Schüler- und einen Kinderchor. Die Festmessen gestaltete er mit seinen Chören und der Blasmusik in beeindruckender Weise. Einmal war Bischof Dr. Augustin Pacha nach Sackelhausen gekommen. Und da war er von der musikalischen Gestaltung der Festmesse so angetan, dass er dem Organisten seine Taschenuhr zum Zeichen der Wertschätzung und der bleibenden Erinnerung schenkte. Dieses Geschenk, das er für sein kirchenmusikalisches Wirken in Sackelhausen vom Bischof persönlich erhalten hat, begleitete ihn all die folgenden Jahre auch im Krieg. Nach dem Ende des Krieges, bei der Gefangennahme, hatte er sie sogar im Schuh versteckt. Damit sie ihm nicht entwendet wird, hat er sie sicherheitshalber einer Lehrerswitwe in Bewahrung gegeben, mit der Bitte, sie ihm später an seine Adresse zu schicken. Und, wie ein Wunder, die Uhr ist wirklich nach vielen Jahren angekommen.

Noch im Jahre 1929 beschloss der Pfarrgemeinderat von Sackelhausen die Besoldung des Kantors durch die Kirchengemeinde. Dadurch wurde festgesetzt, welches monatliche Gehalt der Kantor für seine Leistungen bekommt, samt Wohnung, Feld und die Höhe der Stolagebühren. Dieser Gehalts-Brief, ein sorgfältig zusammengestelltes Dokument, ist uns erhalten geblieben und zeugt von der Wichtigkeit der Tätigkeit eines Kantorlehrers für die damalige schwäbische Dorfgemeinschaft.

Gehalts-Brief

des Kantorlehrers in der Pfarrgemeinde Sackelhausen.
Festgesetzt in der am 1. März 1929 abgehaltenen Kirchenrat-Sitzung.

1. Als Bargeld 800,- Lei monatlich; an Feldern 4 (vier) Joch Baufeld im sogenannten „Wald“ und 4 (vier) Joch Wiese.

2. Naturalwohnung von der politischen Gemeinde; u. zw. zwei (2) Gassenzimmer links vom Eingang des Hauses No. 146 in der III. Kreuzgasse, ein Vorzimmer, Küche, Speis, Keller und zur Wohnung gehöriger Hof und Hausgarten.

3. An Solagebühren, u. zw.:
Nach einem Kinderbegräbnis im Chorhemd: 40 Lei
Nach einem Kinderbegräbnis im Vespermantel: 120 Lei
Nach einem Kinderbegräbnis im Vespermantel mit Musik: 120 Lei
Nach einem Kinderbegräbnis im Vespermantel mit Musik und Engelamt: 170 Lei
Nach einem Kinderbegräbnis im Vespermantel mit Musik und musikalisches Engelamt: 200 Lei
Nach einem Begräbnis eines Erwachsenen im Chorhemd: 60 Lei
Nach einem Begräbnis eines Erwachsenen im Vespermantel: 150 Lei
Nach einem Begräbnis eines Erwachsenen im Vespermantel mit Requiem: 200 Lei
Nach einem Begräbnis eines Erwachsenen im Vespermantel mit Requiem und Musik: 250 Lei
Nach einem Hochamt oder Requiem: 35 Lei

Sackelhausen, 10. Oktober 1929

Josef Walter, Schriftführer
Schmidt Franz, Pfarrer

No. 183/1929 Zur Beglaubigung
[Stempel der römisch-katholischen Kirchengemeinde Sackelhausen / Sacalaz]

No. 4813/1929 [Beglaubigung durch das Bischöfliche Ordinariat]
Bestätigt
Temesvar, am 2. Oktober 1929
Stefan Fiedler, Generalvikar
[Siegel des Apostolischen Administrators Dr. Augustin Pacha, Temeswar]

In der katholischen Kirche stand Hans Graf als Organist die kleine Wegenstein-Orgel zur Verfügung, die er, so Heinrich Lauer, „… das Donnern und Brausen, das Zittern und Beben wie das leise und jubelnde Singen lehrte.“ Mit seinem Männerchor trat er bei allen festlichen Anlässen auf und widmete ihm sogar einige kleinere Kompositionen. Eines dieser Werke, komponiert für das Osterfest, ist uns erhalten geblieben. Dieser Chor wirkte aber nicht nur in Konzerten, sondern trat auch bei Theatervorführungen auf. So jedenfalls berichte die Zeitung nach einem solchen Theaterdebüt:

 Sacalazer Männergesangverein im Dienste der Kultur.

Der Sacalazer Männergesangverein hat dieser Tage ein Volksstück „Wenn eine Mutter betet für ihr Kind“ zur Aufführung gebracht. Die Darsteller Nikolaus Lauer, Margarete Kühn, Nikolaus Meßmer, Susanne Katzenmayer, Sepp Egler, Margarete Pappert, Nikolaus Lauer 2, Matz Egler, Anton Kühn, Hans Egler, Anna Hummel und Anna Potje haben ihr Bestes hergegeben und unter der vortrefflichen Leitung des unermüdlichen Lehrers Graf eine Aufführung zustande gebracht, die sich sehen lassen konnte. Was aber besonders lobenswert an der Veranstaltung war, ist die Tatsache, dass das ganze Stück in unserer schwäbischen Mundart vorgetragen und gesprochen wurde und dass jeder der Darsteller und Darstellerinnen so sprechen konnte, wie ihm der Mund gewachsen war. Der Sacalazer Männergesangverein hat mit diesem Entschluss einen Weg betreten, den auch die übrigen Dorfvereine bei ihren Bühnenvorführungen unverzüglich einschlagen sollten. Abgesehen davon, dass hier eine Möglichkeit zur Pflege der Mundart liegt, gibt es unter unseren Dilettanten in den Gemeinden oft welche mit entschieden viel Talent, die sich aber meistens zufolge der Hemmungen, die ihnen durch den Zwang des „Hochdeutsch“ auferlegt wurden, nicht richtig entfalten können.

Diese anhaltende Kulturarbeit in der Schule, an der Orgel, im Garten, zu den natürlich auch das Laientheater gehörte, darunter auch Aufführungen in schwäbischer Mundart, all das ging mit dem Ausgang des Krieges bitter zu Ende. Am 16. September 1944 musste die gesamte Familie wegen der herannahenden Front in Richtung Westen ziehen, die dröhnenden rumänischen Kanonen vom Temeswarer Stadtrand im Rücken. In Hatzfeld angelangt, kam Hans Graf mit seiner Familie in einen Transport in Richtung Österreich. Zwischen Dezember 1945 und Mitte Juli 1946 konnte er sein Talent als Lehrer und Kantor sogar in einer österreichischen Pfarrei unter Beweis stellen. Über ein halbes Jahr unterrichtete er in Münzkirchen Flüchtlingskinder und spielte die Orgel in der katholischen Kirche des Ortes. Vor seiner Rückkehr in die Banater Heimat, überreichte ihm der Pfarrer für sein „eifriges und erfolgreiches Wirken“ in Münzkirchen aus Dank ein Zeugnis:

Vom gefertigten Pfarramte wird bestätigt, dass Herr Johann Graf in den Monaten Dezember 1945 – Mitte Juli 1946 in der hiesigen Schule für die Flüchtlingskinder als Lehrer tätig war. Ebenso hat Genannter auch in liebenswürdigster Weise den Organistendienst in der hiesigen Pfarrkirche besorgt nach dem Tode der Organistin S. M. Ascelina. Für sein eifriges und erfolgreiches Wirken kann Herrn Graf nur das allerbeste Zeugnis ausgestellt und recht innigen Dank ausgesprochen werden.

Pfarramt Münzkirchen (Oberösterreich)
12. Juli 1946
(Unterschrift des Pfarrers unleserlich)

Nach seiner Ankunft im Banat, fand er gänzlich veränderte Zustände vor. So musste er, um seine Familie erhalten zu können, zwischen 1946-1948 die Mühle in Ketfel bis zur Enteignung leiten. Danach wirkte er zwischen 1948-1953 als Direktor der Mehalaer Schule in Temeswar. Doch nach der Schulreform musste er diese Stelle abgeben und durfte nur mehr als Hilfslehrer an mehreren Temeswarer Schulen tätig sein. Durch seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse hat er die Versuchsstation der Jungen Naturfreunde ins Leben gerufen. Dadurch konnte er sein Wissen im Bereich der Pflanzenwelt später auch an die Studenten der Agronomiefakultät weitergeben. Im Jahre 1963 wurde er in den Ruhestand versetzt. Hans Graf starb am 28. September 1987 in Temeswar.

 

 

 

60 Jahre seit der Verschleppung in die Baragansteppe

Kaum waren die Überlebenden aus Russland wieder daheim, wartete bereits die nächste unangenehme Überraschung auf sie.

Bereits am 18. Juli des Jahres 1951 hatte man in den Grenzbezirken zu Jugoslawien mit der Verschleppung in den Baragan begonnen. Die Menschen wurden ohne ein Ziel zu nennen, innerhalb von ein paar Stunden wie wildes Vieh, zusammen getrieben. Zum größten Teil traf dieser weitere Schicksalsschlag Menschen, die erst vor kurzem von der Zwangsarbeit aus Russland zurückgekehrt waren und sich noch nicht einmal wieder richtig in die Gemeinde eingelebt und auch von den ganzen Ereignissen  erholt hatten.

Die Deportation erfolgte aufgrund des Beschlusses Nr. 344 vom 15. März 1951 des Ministerrats der Rumänischen Volksrepublik:

Das Ministerium für innere Angelegenheiten wird ermächtigt, auf Grundlage dieses Beschlusses die Umsiedlung jedwelcher Personen aus überbevölkerten Gebieten zu verfügen, deren Anwesenheit in dieser Zeit nicht gerechtfertigt ist, sowie die Umsiedlung aus jedwelcher Ortschaft jener Personen anzuordnen, die durch ihre Einstellung dem werktätigen Volk gegenüber den Aufbau des Sozialismus in der rumänischen Volksrepublik schädigen. Den Umgesiedelten kann in jeder Ortschaft Zwangsaufenthalt verordnet werden.

Am 14. November 1950 erstellte der Geheimdienst Securitate für die bevorstehenden Deportationen den Plan zur Evakuierung von Elementen über einen Abschnitt von 25 km, deren Präsenz eine Gefahr für das Grenzgebiet mit Jugoslawien darstellen, die innerhalb von drei Monaten abgeschlossen sein sollte. Anders als bei der Russlandverschleppung zum Ende des Zweiten Weltkrieges, bei der nur Personen deutscher Volkszugehörigkeit im arbeitsfähigen Alter verschleppt wurden, waren von der Baragan-Deportation insgesamt 12.791 teils komplette Familien betroffen. Die Zielgruppe von 40.320 Personen aus 64 Dörfern unterteilte sich wie folgt:

Von der Deportation betroffene Ortschaften im Banat, verschleppte Personen deutscher Volkszugehörigkeit, Auswahl

Deutscher Dorfname

Rumänischer Dorfname

Zahl der Deportierten
deutscher Volkszugehörigkeit

Triebswetter

Tomnatic

527

Billed

Biled

506

Lenauheim

Lenauheim

496

Hatzfeld

Jimbolia

486

Ostern

Comlosu Mic

436

Großjetscha

Iecea Mare

388

Perjamosch

Periam

377

Warjasch

Varias

341

Bogarosch

Bulgarus

295

Lowrin

Lovrin

274

Johannisfeld

Iohanisfeld

253

Gottlob

Gottlob

236

Ulmbach

Peciu Nou

229

Grabatz

Graba?i

224

Sackelhausen

Sacalaz

224

Neubeschenowa

Dudestii Noi

170

Marienfeld

Teremia Mare

160

Alexanderhausen

Sandra

48

 

 

 

 

 

Von diesen Personen hatten 9410 deutsche Volkszugehörigkeiten.

Die Zielgruppe sollte mit diesem Plan in die Baragan-Steppe im Gebiet der heutigen Kreise Ialomita und Braila in insgesamt 18 Deportationsorte, darunter die Dörfer Dâlga, Ciulnita, Calarasi, Marculesti, Fetesti, Andrasesti, Perieti, Bucu, Cioara, Lunca Dunarii, Vadeni, Frumusita, Dudesti, Urleasca verbracht werden.

Als Reaktion auf durchsickernde Gerüchte über eine bevorstehende Deportation versuchten einige Betroffene die Flucht über die Grenze zu Jugoslawien, andere Familien wiederum versteckten ihre Kinder bei Freunden oder Verwandten außerhalb der Grenzzone.

Ablauf

Die Deportationen begannen am 16. Juni 1951 mit Hilfe von 10.229 Angehörigen der Grenztruppen-Akademie in Oradea und Vertretern einer Schule für Feuerwehrleute. 1964 Soldaten bildeten eine Interventions-Reserve. Die betroffenen Dörfer wurden erst von Truppen umzingelt, und darauf die auf Namenslisten erfassten und von der Deportation betroffenen Personen in der Mitte der Nacht geweckt und aufgefordert sich innerhalb von zwei Stunden am örtlichen Bahnhof einzufinden. Ihnen war lediglich erlaubt, nur das mitzunehmen, was sie auch tragen konnten. Der Rest ihrer Habe wurde von speziell eingerichteten Kommissionen zu einem Bruchteil des Wertes aufgekauft. Für den Transport wurden 2656 Reisezugwagen und 6211 Güterwagen bereitgestellt. Oft mussten sich zwei oder drei Familien einen Waggon teilen. Das Ziel ihrer Reise wurde ihnen nicht mitgeteilt. Die ersten Züge verließen das Gebiet zwischen dem 16. und 20. Juni 1951. Bedingt durch den Mangel an Zügen mussten viele der Betroffenen in der Sommerhitze ohne Schutz für zwei oder drei Tage ausharren. Die durch Truppen gesicherten Züge vermieden Stopps an den regulären Haltestellen, um eine Kommunikation mit anderen Bürgern zu verhindern.

Nach der Ankunft wurden einige wenige „glückliche“ Deportierte besonderen Siedlungen mit sowjetischen Namen wie Iosip Clisitch (hier 859 Personen) zugewiesen, wo sie in behelfsmäßigen Lehmwandhütten mit Strohdächern untergebracht wurden. Die Mehrheit aber wurde ohne Schutz auf Stoppelfeldern ausgesetzt, wo sie ca. 2500 m² große und mit Pflöcken abgesteckte Haus- und Gartenplätze erhielten. Wasser und Brot wurden nur sporadisch verteilt. Viele Kinder litten an der starken Einwirkung von Sonnenstrahlen.

Trotz des allgegenwärtigen Mangels und der unwirtlichen Umstände mit heißen Sommern und Dauerfrost und Schneestürmen (Crivat) im Winter gelang es den Deportierten, einfache Häuser aus Lehm und Holz zu errichten. Zuerst wurden Gruben ausgehoben, die mit Planen bedeckt als Behausung dienten, bis die Häuser fertig gestellt waren. Danach begann das Schlagen von Lehmziegeln für den Häuserbau; gedeckt wurden die Häuser vielfach mit Schilfrohr. Es war überlebensnotwendig, Brunnen zu erschließen und dem Boden eine Ernte abzuringen.

Die Deportierten durften sich von ihrem Wohnort nur in einem Umkreis von 15 km entfernen und trugen im Personalausweis über dem Lichtbild den Vermerk „D.O.“ (rum. Domiciliu Obligatoriu, dt. Zwangsaufenthalt). Das Empfangen von auswärtigem Besuch war verboten. Etwa ein Viertel der Betroffenen verstarb während der Deportation. Erst nach Stalins Tod und mit dem Ende des Stalinismus in der Sowjetunion wurde den Verschleppten 1956 die Heimkehr erlaubt. Hier fanden viele ihre Häuser von Zuwanderern besetzt oder verfallen vor. Zumeist wurden enteignete Häuser zurückerstattet. Der Anteil der Beschäftigten deutscher Volkszugehörigkeit in der Landwirtschaft ging allerdings von 74 Prozent (1948) auf 22 Prozent (1956) zurück.

Reaktionen der Betroffenen

Unter den Banater Schwaben festigte sich nach der Verschleppung die Ansicht, dass sie nur noch Fremde in ihrer Heimat seien. Bei vielen reifte schon damals der Entschluss so bald wie möglich das Land zu verlassen und in das Land der Vorfahren zurückzusiedeln. Möglich wurde dies jedoch für die meisten erst infolge eines Abkommens zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Rumänien im Jahre 1978. Ab diesem Zeitpunkt begann ein enormer Aussiedlungsprozess, der sich in den 1980er Jahren noch verstärkte und auch nach der Rumänischen Revolution 1989 nicht mehr aufzuhalten war. Die Volkszählung von 2002 ergab für die Kreise Timis, Arad und Caras-Severin nur noch 25.244 Personen deutscher Volkszugehörigkeit, andere Quellen sprechen von etwa 19.000 verbliebenen Banater Schwaben in 2002.

Rehabilitation und Wiedergutmachung

1990 wurde in Timisoara die Stiftung „Asociatia fostilor deportati in Baragan“ (dt. Gesellschaft der ehemaligen Deportierten im Baragan) gegründet. Hauptziele der Organisation sind die wissenschaftliche Aufarbeitung der Deportation durch die Untersuchung der rumänischen Archive sowie die Veröffentlichung der historischen Wahrheit in Publikationen, Filmen, Vorträgen, usw. Die Stiftung steht Betroffenen mit Rat und Tat zur Seite. Im gleichen Jahr wurde von der rumänischen Regierung das Gesetz Nr. 118/1990 erlassen, durch welches die Zeit der Zwangsarbeit und die der Deportation als Dienstjahre zur Berechnung der Rente angerechnet werden, wobei jedes Haft- und Internierungsjahr als ein Jahr und sechs Monate Dienstzeit zählt. Es handelt sich um Zeiten, in denen eine Person nach dem 6. März 1945 aus politischen Gründen in einem Zwangsaufenthalt wohnen musste oder nach dem 23. August 1944 ins Ausland deportiert wurde.

Am 1. Mai 1997 entschuldigte sich der rumänische Außenminister Adrian Severin bei dem deutschen Außenminister Klaus Kinkel für das Unrecht, das der deutschen Bevölkerung während der kommunistischen Diktatur zugefügt wurde. Neben der Deportation der Banater Schwaben in die Baragan-Steppe verurteilte er in dieser Erklärung sowohl das den Deutschen zugefügte Leid in der Nachkriegszeit, als auch die Verschleppung der Deutschen zur Zwangsarbeit in russische Arbeitslager und den entwürdigenden Menschenhandel in den 1970er und 1980er Jahren. Dabei verurteilte er zutiefst diese traumatischen Praktiken und sprach seine Entschuldigung für das Geschehene aus „als eine Geste der moralischen Wiedergutmachung an jenen Bürgern Deutschlands, die früher Bürger unseres Landes waren, deren Schicksal von solchen verdammenswerten Taten bleibend geprägt ist“.

Am 2. Juni 2009 erließ das Parlament Rumäniens das Gesetz Nr. 221/2009 über die Verurteilungen mit politischem Charakter und diesen assimilierten administrativen Maßnahmen, die zwischen dem 6. März 1945 und dem 22. Dezember 1989 ergriffen worden waren. „Das Gesetz sieht vor, dass jede Person, die in genannter Zeitspanne Verurteilungen mit politischem Charakter zu erleiden hatte oder administrative Maßnahmen mit politischem Charakter über sich ergehen lassen musste, binnen drei Jahren nach Inkrafttreten dieses Rechtsaktes bei Gericht die Verpflichtung des Staates auf Gewährung einer Entschädigung sowohl für den erlittenen moralischen als auch den erlittenen materiellen Schaden wie auch die Wiedereinsetzung in die ursprünglichen Rechte beantragen kann, falls durch das Gerichtsurteil die Aberkennung von Rechten oder die militärische Degradierung verfügt worden war.“

Gedenken

Zur Erinnerung wurde auch am 23. Juni 2001 in Fundata (bei Slobozia) ein Denkmal mit den Namen aller Zwangsumgesiedelten in alphabetischer Reihenfolge auf Marmorplatten eingeweiht.

Doch auch diese harte Prüfung nahm für die arg geschundenen Menschen ein Ende. Nach fünfjähriger Schufterei durften die Verschleppten wieder in ihre angestammte Heimat, wenn man das noch so nennen kann, zurückkehren, um dort wieder von vorne zu beginnen.

Von den etwa 40.320 Menschen, die man in den Baragan verschleppt hatte, konnten jedoch etwa ¼ die Rückkehr nicht mehr antreten, da sie inzwischen verstorben waren. Wie viele Menschen tatsächlich nicht mehr heimkehrten, wird man nie mehr genau herausfinden können. Die Zahl der tatsächlichen Todesopfer liegt weiterhin in Dunkeln.

„Es war am 17.Juni 1951, einem Sonntag wie jeder andere auch. Wie immer trafen sich die Nachbarsleute auf der Strasse, aber diesmal wollte keine rechte Stimmung aufkommen. Alles war unruhig und nervös, denn schon seit einiger Zeit wurden Güterwaggons auf den Bahnhöfen zusammengezogen, und an diesem Sonntag kam auch Militär und Miliz ins Dorf. Man wusste, da braute sich etwas zusammen. Am Montag, dem 18.Juni, war es dann soweit. In der Früh um vier Uhr wurden die betroffenen Familien aus den Betten geholt. Alle Ausweispapiere wurden ihnen abgenommen mit der Aufforderung, ihre Sachen zusammenzupacken und in zwei Stunden auf dem Bahnhof zu sein. Bei jeder Familie blieb ein Soldat als Posten, der von nun an jeden Schritt und Tritt überwachte. Nach einiger Zeit kam ein Pferdewagen, um alles Hab und Gut dieser Verschleppten zum Bahnhof zu bringen.

Am Nachmittag wurden die ersten Familien einwaggoniert. Je zwei Familien kamen in einen Waggon. Gegen Abend fuhr der erste Transport ab. Hier spielten sich erschütternde Szenen ab, denn noch wusste niemand, wo man hingebracht werden wird. Auch am Dienstag und am Mittwoch ging je ein Transport ab. Am Donnerstag in der Früh rollten die letzten 13 Familien aus dem Bahnhof. Ein neuer Leidensweg hatte begonnen. Die Fahrt ging über Temeschburg, Craiova, Bukarest nach Osten, und kaum einer zweifelte noch daran, dass es auch diesmal nach Russland gehen würde. Am 23.Juni, in der Nacht, kam der Transport im Bahnhof von Fetesti an. Es hieß ausladen. Man war am Ziel. In der Früh brachten Lastwagen die Verbannten zu ihren Bestimmungsorten. Es war noch ein weiter Weg. Auf einem Stoppelfeld wurde abgeladen. Es standen da ein Pfahl und eine Nummer, sonst nichts. Ein Stück Stoppelfeld 30 x 50m war die neue Heimat. Die mitgebrachten Möbel wurden notdürftig zu einer Hütte zusammengestellt, um wenigstens etwas Schutz zu haben; am Tag vor Hitze und Staub, des Nachts vor Kälte und Insekten. Gekocht wurde in Erdlöchern (sofern man etwas zum Kochen hatte). Danach aber wurde nicht gefragt. Nach einigen Tagen wurden die Leute zusammengerufen und ihnen befohlen, Häuser zu bauen. Je drei oder vier Familien bildeten eine Gruppe. Die Wände wurden aus Lehm gestampft. Fenster und Türen konnte man beim Staat kaufen. Schilf für`s Dach musste aus der „Balta“ (Sumpf zwischen Donau und Borgea) geschnitten werden. Nach ungefähr drei Monaten standen die ersten Häuser. Man war froh, wieder ein Dach über dem Kopf zu haben, denn der Winter kam und mit ihm neue Sorgen. Das Klima war ungewohnt. Der Sommer war heiß und trocken und der Steppenwind trieb ständig Staub und Dreck umher. Im Winter war es der Schnee, der vom dem berüchtigten „Griwetz“ (Crivät) (ein orkanartiger Schneesturm, der tage-, ja manchmal wochenlang ständig aus Nordost kam), selbst durch das kleinste Loch hereingetrieben wurde.

Der Winter 1953-54 war besonders schlimm. Der „Griwetz“ wehte wochenlang ungeheure Schneemassen über das Dorf. Die meisten Häuser waren vollständig eingeschneit und konnten nur noch durch einen durch den Schnee geschaufelten Tunnel betreten oder verlassen werden. Als dann im Frühling die Schneeschmelze kam und das Schmelzwasser nicht rechtzeitig abfließen konnte, drohte eine Katastrophe und viele der mit soviel Mühe erbauten Häuser stürzten ein. Die meisten Verschleppten arbeiteten auf dem Staatsgut und waren wegen Fleiß und Tüchtigkeit von ihren Vorgesetzten sehr begehrt. Man durfte sich nur im Umkreis von 10 km bewegen. Wer sich weiter von dem Dorf entfernte und erwischt wurde, musste damit rechnen, eingesperrt zu werden. Einmal fuhren einige Männer und Frauen über die Donau um von den einheimischen Rumänen Schweine zu kaufen. Bei einer Razzia wurden sie erwischt und kamen für zwei Jahre an den berüchtigten Donaukanal. Auch Besucher aus der alten Heimat durften nicht ins Dorf. Wer dennoch kam und erwischt wurde, musste sofort wieder zurück.

Das Dorf hatte nun auch einen Namen bekommen. Es hieß Valea Viilor (Weingartental).

Hierher hatte man Schwaben aus den Banater Gemeinden Warjasch, Johannisfeld, Billed, Tschene, Keglewitsch, Tolwadin, Dolatz, Obad und jene 13 Familien aus Sackelhausen verschleppt. Die Leute hatten sich mit ihrem Schicksal abgefunden, denn das Leben war schwer, musste aber weitergehen. Und es gab nicht nur trübe Stunden. In freiwilliger Arbeit musste ein „Kulturheim“ errichtet werden. Hierher ging die Jugend zum Tanz, und so mancher „Bund fürs Leben“ wurde geschlossen. Im Sommer des Jahres 1955 wurden die ersten Verschleppten entlassen. Die rumänische Staatsführung hatte sich mit Tito arrangiert (denn auch Serben waren verschleppt worden), und die Serben durften wieder zurück in ihre alte Heimat, mit ihnen auch einige Schwaben. Im Januar 1956 durften bis auf einige Ausnahmen alle anderen in ihre alte Heimat zurückkehren. Ebenso wie in dem Ort Valea Viilor sah es auch in den anderen Ortschaften, wo Sackelhausener waren, aus. In Frumuschitza, Vadeni Nou, Petroiu und Feteschti.

Einige neu gegründete Ortschaften in der Baragansteppe:

Ezerul, Pelican, Olaru, Movila Gäldäului, Dropia, Salcämi, Dälga, Fundata, Lätesti, Rächitoasa, Schei, Bumbäcar. Mäzäreni, Zagna, Brates.

Bordusani, Cälärasi Noi, Cacomeancä Nouä, Dälga Nouä, Dudestii Noi, Giurgeni Noi, Jegälia Nouä, Märculesti Noi, Insurätei Noi, Perieti Noi, Pietroiu Noi, Roseti Noi, Stäncuta Nouä, Vädeni.

Für die Überlebenden, die zurückkehren durften, begann nach der Heimkehr ein neuer Kampf. Ihre Häuser waren von Rumänen besetzt, einige auch abgerissen. Sie standen wieder vor dem Nichts. Nach all dem stellet sich nun die Frage: Warum? Warum das alles?

Sie wird wie so manche andere Frage aus dieser Zeit wohl niemals beantwortet werden.

Nach fast zwanzig Jahren nachdem man die vielen deutschen Familien in diese Steppe verschleppt hatte, kam die offizielle Entschuldigung seitens der Regierung, man bezeichnete den Akt als groben Fehler und von offizieller Seite her war das Kapitel Baraganverschleppung abgeschlossen. Die Nachwehen für jeden Betroffenen wurden übergangen, die Gräber der dort Gestorbenen dem Verfall überlassen. Eines ist aber unbestrittene Tatsache und auch heute noch zu sehen: aus der Steppe wurde eine goldne Kornkammer, riesengroße Weizen – und Maisfelder erstrecken sich hier. Den Anfang dazu machten die Verschleppten.

Im Baragan verstorbene Sackelhausener:

Schneider, Michael, Haus Nr. 240, * 1893 + 1951; Lauer, Nikolaus, Haus Nr.155, *1903 + 1952 ; May, Theresia geb. Lauer, Haus Nr. 239, * 1887 +1952; Ortinau, Mathias, Haus Nr. 215, *1892 +1952; Brodner, Josef, Haus Nr. 752,*1881 + 1953; Götz Margareta geb. Kühn, Haus Nr. 416, * 1900 + 1953; Brodner, Katharina geb. Reichert, Haus Nr. 752, *1889 +1953; Klein, Johann, Haus Nr. 230, *1934 +1953; Götz, Elisabeth, geb. Molitor, Haus Nr. 306, *1880 + 1953; Götz, Johann, Haus Nr. 306, *1875 +1954; Ortinau, Anna, geb. Wetzler, Haus Nr. 215, *1895 +1954; Götz, Mathias, Haus Nr. 366, * 1894 +1954; Wetzler, Katharina, geb. Huschitt, Haus Nr. 218, *1881 +1954; Schäfer, Susanna Marg. geb. May, Haus Nr. 209, *1890 +1955; Dimster, Elisabeth, geb. Molitor, Haus Nr. 559, *1921 +1955; Lauer, Magdalena, geb. Hummel, Haus Nr. 155, *1907 +1955

(Quelle: „Sackelhausen“ von Dr. med. Reinhold Fett + Familienbuch Sackelhausen im Banat, Wikipedia)

Katharina Ortinau

 

 

Das Baraganlied

Verschleppung in den Baragan

Als friedliche Menschen lebten wir im schönen Banat;
Draußen am Felde stand zum Reifen die gutgepflegte Saat.

Da überfiel man uns mit Bajonett und Gewehr,
Und unschuldige Menschen ohne Wehr.

Der Zug fährt ab, ein Pfiff zum letztenmal,
Für uns fuhr er ins Jammertal.

O Kinder, schaut die Kirche dort,
Es ist unser heiliger Heimatsort.

Weiß Gott, ob wir sie wiedersehn,
doch hoffen wir, es wird geschehn.

Der Zug rauscht fort durch Berg und Tal,
Hält schließlich fern im Baragan.

Milizbefehl erschallt, hart und schwer
Als ob jeder von uns ein Verbrecher wär.

Die erste Nacht war feucht und klar,
Hier lag die Mutter neben der Kinderschar.

Wie schwer es ist, dies zuzusehn!
Fast müsste dabei das Herz vergehn.

Es ist alles viel bitterer als der Tod.
O Gott, hilf uns aus dieser größten Not!

Und so vergehen nun Tag und Nacht,
Wir werden hier zu Sklaven gemacht.

Verbannt von der Heimat, ist bitter und schwer,
Das Herz zerbricht, man trägt es kaum mehr.

Die Erde ist getränkt von bitteren Tränen,
Doch keiner vernimmt unser Klagen und Stöhnen.

Ziegelschlagen, Mann Frau und Kind,
Dazu der schlimme Baraganer Wind.

Hoffnungslos, heimatlos, entrechtet,
Und als Sklaven sind wir geknechtet.

Doch Gottes Auge immer wacht,
Uns führen wird aus dieser Nacht.

Dann werden Heimatglocken läuten,
Und Freudetränen uns begleiten.

Doch weiß niemand, wann dies geschieht!
Heimat, wie ist es so schwer!
Heimat, wie gern ich bei dir wär.

Nikolaus Pier, Okt. 1951 Baragan

 

50 Jahre Baragantreffen in München 2001

 Von Barbara Lauer geb. May

Wir hatten keine Ahnung was uns erwartete, als wir mit dem Bus von Reutlingen nach München fuhren. Wer kommt? Wen trifft man? Erkennen wir uns wieder nach 50 Jahren? Wir waren überrascht als wir in die Halle kamen.

Das waren ein Hallo, ein Erkennen, Erinnern, ein Lachen, ein Umarmen und eine Wiedersehensfreude!

An diesem Tag waren Alle um 50 Jahre jünger geworden! Noch Wochen danach zehrten wir davon.

50 Jahre vorher

Am 18. Juni 1951 holte man uns nachts aus den Betten und wir wurden mit einigen Habseligkeiten, sowie ein Teil des Viehs zum Bahnhof gebracht. In Viehwaggons verladen und in die Baragan-Steppe gefahren. Wir kamen in eine andere, bis dahin unbekannte Welt. Ungewohnte Hitze, Staub und Wind waren stets gegenwärtig. Schnell wurden die Möbel zu einer Hütte zusammengestellt in der wir hausten. Auf einem Ölkocher im Schrank wurde das Essen gekocht, da der Staub es sonst ungenießbar gemacht hätte. Für die Schweine wurde ein Loch gegraben, damit sie nicht weglaufen konnten. Die Hühner schliefen bei uns in der Hütte, die Kuh davor. Doch das Schlimmste, wir hatten kein Wasser.

Wir saßen auf einer Hochebene und das Wasser war im Tal. Nun wurde aus einer krummen Stange, an den Enden je einen Nagel als Haken, ein „Obranitz“ gebastelt. Hinten und vorne je ein Eimer und das Ganze auf den Schultern getragen. So gingen wir runter ins Tal, jedoch mit vollen Eimern in die Höhe.

Manchmal bekamen wir Brot zu kaufen. Doch was war das für ein Brot? Es war der Kehricht einer Mühle, manchmal auch mit Mäusen (Fleischersatz).

Unsere Toilette bestand aus einem Loch im hinteren Gartenbereich, mit einem eingeklemmten Brett. Des Öfteren sind Menschen nachts in solche Löcher gefallen. Aus Scham wurde darüber nicht redet.

Man konnte sich nicht vorstellen, hier sein Leben zu verbringen. Wir wollten nur eines – zurück in die Heimat. Immer wieder gab es Gerüchte, dass es bald

Soweit ist. Der 15.August war dafür ausersehen. Doch wie enttäuscht waren wir, als nichts geschah. Nun hieß es sich für den Winter einzurichten. Fieberhaft wurden aus Stroh und Wasser, Häuser gestampft. Wasser und Stroh mussten wir kaufen, genauso Fenster, Türen und Dachgebälk vom Staat. Aus Schilf bestand das Dach, das man in dem Überschwemmungsgebiet zwischen Donau und Borcea selbst schnitt. Kurz vor dem Winter konnten wir einziehen. In freiwilligem Arbeitsdienst mussten wir Schule, Kulturhaus, Miliz – Sanitätshaus und Kaufhaus bauen. Nun formierten sich unter der Jugend altersmäßig Gruppen, die jeden Sonntag in die „Gesellschaft“ (wir sagten daheim: zu den Mäd) gingen. Man ging auch regelmäßig zum Tanz und jedes Jahr wurde Kirchweih gefeiert.

Gearbeitet haben wir auf den Staatsgütern. Morgens eine Stunde zur Arbeit, den ganzen Tag meistens in Gärtnereien gearbeitet und abends eine Stunde zurück nach Hause. Das alles zu Fuß. Wir hatten kein Auto und nicht einmal ein Fahrrad. Die Winter waren extrem. Solche Winter habe ich im Banat nie erlebt.

1953 – 1954 gab es soviel Schnee und Kälte, dass kein Zugverkehr möglich war. Wenn der Sturm (Crivätz) tobte, raubte es einem den Atem.

Knapp jünf Jahre ging das so. Plötzlich war man wieder frei! Aus Sackelhausen durften bis auf eine Familie, alle nach Hause. Diese Familie musste zehn Jahre ausharren. Der Zusammenhalt, ob Deutsche, Serben, Rumänen oder Bulgaren, war einmalig. Deswegen ist es auch immer etwas Besonderes wenn man jemanden vom Baragan trifft. Seither sind mir nie wieder so ein Zusammenhalt und so viel Herzlichkeit begegnet.

Das war unsere Jugendzeit – die so genannte schönste Zeit des Lebens.

 

 

 

60 Jahre Baraganverschleppung aus dem Banat 1951-1956

25. Juni 2011

„Wir die Heutigen, können für die Opfer nichts mehr tun. Eines aber können wir ihnen bieten: das Recht der Unvergesslichkeit.“

Zu einer gemeinsamen Gedenkveranstaltung hatte das Gerhardsforum Banater Schwaben in Zusammenarbeit mit dem Kreisverband Karlsruhe der Banater Schwaben am 25.Juni nach Karlsruhe eingeladen.
Auf dem Zentralfriedhof fand zu Beginn eine beeindruckende Veranstaltung statt, die Namen der Verbannungsorte wurden durch die 18 Holzkreuze ins Blickfeld und ins Gedächtnis der Menschen geholt. Die Aufrufung der jeweiligen Ortschaften unter den Klängen der Blechbläserkapelle ging auch jenen Teilnehmern die nicht im Baragan waren, durch Mark und Bein. Die Gedenkansprache hielt Johann Steiner, selbst ein Baragankind.

Im Bernhardsaal der Pfarrgemeinde St. Bernhard wurden die vielen Gäste von Peter Krier und Werner Gilde begrüßt.

Die Vorträge der Referenten: Dr. Franz Metz, Luzian Geier, Horst Samson, und Mathias Kandler beschäftigten sich alle mit dem gleichen Thema: Baragan.
„Gemeinsame Herkunft und gemeinsames Schicksal schweißen zusammen.“

Mit einem Gedenkgottesdienst in der St. Bernhard Kirche, musikalisch umrahmt von dem Banater Chor Karlsruhe und einer beeindruckenden Predigt endete dieser Tag, ein Tag von dem die ehemaligen „Baraganler“ noch lange erzählen und zehren werden.

 

 

 

60 Jahre Deportation der Banater Schwaben in die Baragan-Steppe

Predigt von Pfarrer Erwin Schmidt,

Pfarrgemeinde St. Bernhard in Karlsruhe

„Alle meine Lieben, jetzt am 01. Oktober war mein Geburtstag, war ich 70 Jahre alt, aber so ein Jammer, so ein Elend habe ich in meinem ganzen Lebenslauf noch nicht mitgemacht. Alle hier die Leute haben bald nichts mehr zu Essen. Das Trinkwasser ist 3 km weg von hier und das so tief, dass man zwei lange Wagenstricke zusammenbinden muss fürs Wasser raufziehen. Die Donau ist 4 km von hier. O das ist eine Trauer hier und ein Elend. Meine Lieben, was hört man bei Euch? Gibt es bald andere Zeiten, dass alle Menschen erlöst werden aus ihrer Qual? O lieber Gott, ich bitte Dich, hilf uns, lass uns in unsere Heimat zurückziehen“.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, liebe Landsmannschaft der Banater Schwaben!

Die eingangs zitierten Zeilen stammen aus der Feder einer siebzigjährigen Frau, geschrieben mitten heraus aus dem oft verzweifelten Leben der vielen Deportierten in der Baragan-Steppe. Am 18.06.1951 begannen für viele Angehörige der Volksgruppe der Banater Schwaben, aber auch für manch andere Volksgruppe, die von langer Hand vorbereiteten Deportationen. Von jetzt auf nachher mussten damals vor 60 Jahren Zehntausende ihre geliebte Heimat, ihre Häuser, ihre landwirtschaftlichen Anwesen, ihre Handwerksbetriebe zurücklassen, um in der rumänischen Steppenlandschaft östlich von Bukarest unter primitivsten Bedingungen neu anzufangen. Zunächst musste man in Erdlöchern hausen, dann folgten einfachste Hütten aus Schilf und Stroh, später einfache Häuser aus selbstgestampften Ziegeln, im Sommer der heißen Sonne ausgesetzt, im Winter den frostigen, oft orkanartigen Stürmen und Schneeverwehungen. Wenn man sich die Bilder und Berichte dazu vor Augen führt, spürt man, welch entsetzliches Leid damals im Zuge des zunehmenden Einflusses der Kommunisten über das Volk gebracht wurde. Arglose Menschen wurden damals einfach zu Volksfeinden erklärt, und es wurde in diesen Jahren zum Teil noch schlimmer mit ihnen umgegangen als mit dem Vieh.

Sie, liebe Gäste, erinnern sich heute an diese schrecklichen Ereignisse. Sie haben auf dem Friedhof eine Gedenkstunde gehalten, sich in unserem Gemeindezentrum getroffen, einen Vortrag zu den damaligen Gräueltaten gehört und feiern nun mit uns als Gemeinde den Gottesdienst.

Was ich von dieser Geschichte wahrgenommen und mir erläutern und erzählen ließ, übertrifft bei weitem das, was ich als Kind von meiner Oma und meinen Eltern von deren Vertreibung als Sudetendeutsche aus Südmähren gehört habe.

Es ist schön, dass wir nun miteinander Gottesdienst feiern können, unser Gedenken an diesem Tag auch ins gemeinsame Beten und Singen mit hineinnehmen können. Ich denke es hat gepasst, dass wir zu Beginn aus der Schubertmesse gesungen haben: „Wohin soll ich mich wenden, wenn Gram und Schmerz mich drücken?“ Damals gab es in den neuen Baragandörfern keine Kirchen. Dennoch trafen sich die Verbannten zum sonntäglichen Gebet in ihren Privathäusern. Einzelne Priester, die ebenfalls deportiert worden waren oder ihren Gemeindemitgliedern freiwillig folgten, bereisten die Dörfer und feierten hin und wieder Gottesdienste, spendeten Sakramente und segneten im Nachhinein der Gräber der vielen Verstorbenen. Zunächst musste diese alles heimlich geschehen, später wurde es geduldet. Wohin soll ich mich wenden, wenn Gram und Schmerz mich drücken?

Unser heutiges Evangelium spricht vom Kreuz, das zur Jüngerschaft Jesu gehört, von der Möglichkeit, dass man das Leben verlieren kann, aber auch davon, dass jeder, der einem anderen auch nur einen Becher frisches Wasser gibt, gewiss nicht um seinen Lohn kommen wird.

Immer wieder haben in der Menschheitsgeschichte einzelne Machthaber über andere Leid gebracht und sie ihrer Würde beraubt, immer wieder wurden Menschen von ihren Mitmenschen wie Tiere behandelt, immer wieder haben Menschen anderen Kreuze aufgeladen – Kreuze, die so nicht von Gott gewollt waren. Immer wieder haben Menschen daran mitgewirkt, dass andere ihr Leben lassen mussten – etwas, was so nicht von Gott gewollt war. Immer wieder ist es Menschen schwergemacht worden, an das Lebensnotwendige Brot oder das lebensnotwendige Wasser zu kommen, so wie im eingangs zitierten Brief der alten Frau aus der Baragan-Steppe. Immer wieder werden Menschen aneinander schuldig – etwas, was so nicht von Gott gewollt ist.

Nach fünf Jahren wendete sich damals das Blatt, wurden Gebete und Bitten erhört, gaben die Machthaber auch dem Druck von außen nach. Nach und nach lösten sich die schweren Schicksale, wurden Neuanfänge möglich und die Rückkehr in die alte Heimat.
„Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung“, so heißt es bei einem jüdischen Gelehrten des 17. Jahrhundert. Nur wenn wir eine gute Erinnerungskultur pflegen, können wir aus der Geschichte lernen, können wir dem Leid der damals Betroffenen gerecht werden, kann neues Unrecht vermieden werden. Nur so kann sich etwas „lösen“ und neu werden in der Menschheitsgeschichte, nur so können Gräben zugeschüttet und Brücken in eine gerechtere und menschenwürdigere Zukunft nach Gottes Willen gebaut werden. „Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung“…

Was in den Bildern, Erzählungen und Berichten aus der damaligen Zeit immer wieder auch durchkommt, ist für mich der ungeheure Zusammenhalt, der die Betroffenen damals ausgezeichnet hat, das Gemeinschaftsgefühl, die Einheit, die einem half, mit den vielen Erniedrigungen und den grauenhaften Umständen zurechtzukommen. Ich glaube, dass dies für unsere heutige Zeit, wo so viele nur an sich denken, wo so viele nur so vereinzelt vor sich hinleben, eine ganz wichtige Botschaft ist. Vielleicht ist damit auch das gemeint, was Jesus im heutigen Evangelium anklingen lässt, wenn er sagt: „Wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt …; er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen“. Halten wir Augen, Ohren und unsere Herzen offen für die Menschen, die heute danach „dürsten“, dass sie angenommen und bejaht werden, dass sie Heimat finden, dass ihre Würde geachtet wird, dass ihre Unterdrückung und Erniedrigung ein Ende finden. Amen.

Migration in Rumänien 1944-2007

                                                                  Fallstudie Sackelhausen, Banat1      
                                                                von Simona Wersching M.A.


Simona Wersching M.A. Ethnologie, ist Doktorand am Institut für vergleichende Kultur- und Sozialanthropologie, Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder.
Studium an der Universität Leipzig und an der Universität Kent in Canterbury. Durchführung mehrerer Übungen und Seminare zur rumänischen Ethnologie, zur rumänischen Literatur und zum Postsozialismus in Rumänien an der Universität Leipzig.
Das Hauptaugenmerk der rumänischen Migrationsliteratur richtet sich auf die neuesten historischen Ereignisse nach 1989. Dumitru, Diminescu und Lazea (2004, 51) sahen in der internationalen Migration aus Rumänien nach 1989 einen spektakulären neuen Trend und verknüpften diese neue Mobilität eng mit dem Übergang zu einer kapitalistischen Marktwirtschaft. Die externe Migration wurde von diesen Autoren als ein notwendiges Übergangsstadium angesehen und auch zeitgleich als eine unumgängliche Konsequenz der Anpassungen der Landwirtschaft und der Industrie an die Voraussetzungen des EU-Beitritts. Im Gegensatz dazu haben andere Autoren wie Sandu (2005, 561 und 570) und Bleahu (2005, 27) die Bedeutung vorangehender Migration, die Existenz von Netzwerken schon vor 1989 zwischen Rumänien und anderen (europäischen) Staaten und deren Aktivierung nach 1989 als ‚Migrationstaktiken’ (zum Begriff Taktik siehe de Certeau 1988) in die Diskussion eingebracht. Dies gilt gerade für die Gebiete des Banats und Siebenbürgens (insgesamt Transsilvanien), wo bis noch kurz nach 1989 eine beträchtliche Zahl an Rumäniendeutschen lebte und daher Netzwerke zwischen Rumänien und Deutschland (Sandu 2003, 256-258, Wersching 2008) lange bevor eine massive rumänische Arbeitsmigration Ende der 1990er Jahre begann, existierten (Baldwin-Edwards 2005, 2). Die ethnische Migration hatte folglich einen enormen Einfluss auf die Auswanderungs- und sie umgebenden Gebiete vor und nach 1989 und war eine der Ursachen für Binnenmigration in Rumänien zumindest seit den 70er Jahren. Andere Gründe für die Binnenmigration vor 1989 waren entweder politischer Natur wie Grenzverschiebungen und Kollektivierung und/oder wirtschaftlicher Natur wie die Industrialisierung gefolgt von Land-Stadt-Migration und Pendeln zwischen Stadt und Land. Sandu (2005, 570) hat die neueren internen und externen Migrationstrends mit der Rückkehrmigration aus der Stadt auf das Land und mit dem Rückgang von Pendeln (von 1,2 Mio. Personen 1989 zu ca. 400 000 in 2001) auf Grund von Deindustrialisierung verknüpft. Neuere rumänische Migrationsstudien betten die neueste rumänische Migration in einen weiteren historischen Kontext ein. In diesem Sinne haben Horváth und Anghel (2009, 386) Rumänien als ein Land der Auswanderung über die letzten 60 Jahre bezeichnet. Im Falle des Banats, das über eine lange und ausgeprägte Migrationsgeschichte seit zumindest dem 18. Jahrhundert verfügt, trifft Horváth und Anghels Aussage sehr gut zu und wird weiter unten illustriert werden. Die Migrationsgeschichte des Banats ist auf Grund seiner ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung, seiner Grenznähe und seiner wirtschaftlichen
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 1Engl. Original: Migration in Romania between 1944 and 1989 and 20 years later: An account of the Banat Region. Erschienen in: Thede Kahl/Larisa Schippel (Hg.) (2011): Kilometer Null. Politische Transformation und gesellschaftliche Entwicklungen in Rumänien seit 1989. Frank & Timme: Berlin (Forum Rumänien, Bd. 10), 199-230.
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Entwicklung wechselreich und vielseitig. Sie ist mit Binnenmigration in Rumänien und externer Migration vor allem in andere Staaten Europas verknüpft. In diesem Gebiet trifft man auf alle möglichen Arten von Migration (Pries 2001, 36-40), von denen in räumlicher Hinsicht interne Migration und externe Migration – Emigration, Arbeitsmigration, Rückkehrmigration, Pendelmigration – in andere Staaten Europas die am häufigsten vorkommenden sind. Der zeitliche Rahmen in diesem Artikel erstreckt sich von 1944 bis 2007, dem Jahr des EU-Beitritts Rumäniens. Die historische Dynamik der Migrationsbewegungen ins und aus dem Banat ermöglicht eine Periodisierung in Zeitabschnitte mit bestimmten Charakteristika. Die folgende diachronische Betrachtung schlägt bestimmte Zeitabschnitte vor, deren Begrenzung sich an lokalen aber auch überregionalen, gesamtrumänischen historischen Ereignissen orientieren.

Die Gemeinde S?c?laz (dt. Sackelhausen) befindet sich in 10 km Entfernung westlich von Timi?oara (dt. Temeswar) und wurde erstmals im 14. Jahrhundert urkundlich erwähnt. Im 18. Jahrhundert wurde die rumänische Bevölkerung nach Torac, einem Dorf, das jetzt in Serbien liegt, umgesiedelt und an deren Stelle wurden Deutsche aus verschiedenen Teilen des Deutschen Reichs, die sogenannten Banater Schwaben, angesiedelt (nähere Informationen hierzu siehe Fett 1979, Pitzer 1994). Nach der Wiederbesiedlung des Dorfes dominierten die Banater Schwaben das Dorfleben bis in die 1980er Jahre, als sie in der Masse zumeist in die BRD auswanderten. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wandelte sich Sackelhausen von einem Dorf mit 4030 deutschen Einwohnern 1941 in ein von Rumänen dominiertes Dorf mit ca. 4700 Einwohnern 2009 (Bleju?c? & Tomoioag? 2009, 95-98). Betrachtet man den Zeitraum von 1944 bis 1989, ergeben sich anhand der wichtigsten historischen Ereignisse in dieser Region fünf Zeitabschnitte: 1944-1947, 1948-1951, 1951-1966, 1966 bis in die 1970er Jahre und 1980-1989. Was den Zeitraum von 1989 bis heute angeht, schlagen Baldwin-Edwards (2005, 2) und Horváth & Anghel (2009, 388-390) fünf Zeitabschnitte vor, die meine Feldforschungsdaten mehr oder weniger bestätigen. Die rumänische internationale Migration lässt sich wie folgt zeitlich einteilen: 1989-1993, 1994-1996, 1997-2001, 2002-2007 und ab 2007 bis heute.

1944-1947

Im Zeitraum 1944-1947 kam es zu externer Migration auf Grund der Kriegsereignisse im Zweiten Weltkrieg. Die Kriegserklärung des rumänischen Staates an das Deutsche Reich am 25. August 1944 bedeutete für die Rumäniendeutschen, dass sie nun einen inneren Loyalitätskonflikt auszufechten hatte, denn sie waren zwar rumänische Staatsbürger, aber viele Familienmitglieder dienten in der Deutschen Armee oder in SS-Truppen. Auf Grund ihrer ethnischen Zugehörigkeit wurden die Deutschen in Rumänien als Feinde angesehen oder man beäugte sie misstrauisch. Zum Ende des Krieges traf sie alle die Kollektivschuld. In der Regionalgeschichte des Banats erreichte der Krieg Sackelhausen Mitte September 1944, als sich die deutsche und die rumänische Armee in und um Sackelhausen erbitterte Kämpfe lieferten. Die banatschwäbische Bevölkerung floh vor den Kriegshandlungen in die Maisfelder und wurde von der deutschen Armee bei ihrem Rückzug aufgefordert, mit der Armee nach Hatzfeld/Jimbolia zu fliehen, von wo aus sie mit dem Zug ins Deutsche Reich gelangen könnte. Von den 4030 Banater Schwaben aus Sackelhausen floh die Mehrheit und nur wenige (etwa 25 %) blieben in Rumänien. Nach dem Ende des Krieges am 8. Mai 1945 kehrten ca. 2400 Personen aus Niederschlesien, Ober- und Unterösterreich, Bayern und Thüringen im Sommer und Herbst 1945 nach Rumänien zurück und ca. 600 Personen blieben in Deutschland, Österreich oder emigrierten in die USA. Die Wahl des neuen Wohnsitzes erfolgte nicht zufällig. Es gab unterschiedliche Kriterien, an denen sich die Banater Schwaben orientierten. Ob sie in Europa blieben oder in die USA emigrierten hing davon ab, ob sie in einem der beiden Gebiete bereits Verwandte hatten. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren bereits Hunderte von Banater Schwaben ins Deutsche Reich, nach Österreich, in die USA oder Kanada ausgewandert, sodass ein Teil der geflohenen Banater Schwaben bereits Verwandte in diesen Ländern hatte. Folglich fiel ihnen die Entscheidung leichter, nicht nach Rumänien zurück zu kehren, sondern zu ihren Verwandten zu ziehen (Merkle 1995, 71, 77-93, Pitzer 1994, 136, Fett 1979, 97). Betrachtet man diese Zerstreuung der Banater Schwaben in Europa und auf dem amerikanischen Kontinent so erscheint der von Warren Sabean (2008, 111) benutzte Begriff ‚interactive dispersed family’ (dt. ‚interaktive zerstreute Familie’) passend.

Die Banater Schwaben, die in Rumänien verblieben waren, mussten die Plünderungen im Herbst 1944 miterleben und wurden am 14. Januar 1945 zur Zwangsarbeit in die Arbeitslager bei den Kohlenminen im Donbas in der UdSSR gebracht. Diese Zwangsmigration betraf alle Frauen zwischen 18 und 30 und alle Männer zwischen 17 und 45 Jahren (Völkl 1995, 241, Pitzer 1994, 128-129, 135-140, Fett 1979, 86-98, 112-117, 170). Alle Rumäniendeutschen wurden dann am 23. März 1945 durch das Gesetz zur Agrarreform enteignet. Dies traf nicht nur die Rumäniendeutschen, die als Kriegsaggressoren bestraft wurden, sondern auch die rumänischen Großgrundbesitzer (siehe für mehr Details Völkl 1995, 167, 241, Cartwright 2000, 4-7). Zeitgleich zur Enteignung wurde in Sackelhausen der Besitz der Deutschen (die Häuser mit dem Hof, Gärten, Tiere, Felder, landwirtschaftliche Geräte) an rumänische und arumänische Siedlerfamilien, die aus verschiedenen Gebieten nach Sackelhausen gekommen waren, verteilt (Pitzer 1994, 138).

Die rumänischen und arumänischen Siedler kamen 1945 und 1946 nach Sackelhausen, nachdem sie im Radio gehört und in den Zeitungen gelesen hatten, dass ein Teil der deutschen Bevölkerung Rumäniens mit der deutschen Armee geflohen wäre. Die rumänische Regierung erlaubte die Besiedlung der verlassenen Gebiete bzw. Dörfer per Dekret. Die rumänischen und arumänischen Siedler, die nach Sackelhausen kamen, waren vorher selbst Opfer des Krieges und von Grenzverschiebungen geworden. Zu den Flüchtlingen gehörte eine Gruppe, die aus der Süddobrudscha, heute Bulgarien, geflohen war. Die Flüchtlinge hatten in den Bezirken Caliacra und Durostor seit der Agrarreform 1924 gesiedelt und mussten auf Grund des Vertrags von Craiova vom 7. September 1940 das Gebiet wieder verlassen (Völkl 1995, 85-87, 93-94, 99, 128, Georgescu 1991, 210). Nach Sackelhausen kamen aber auch Flüchtlinge aus Bessarabien und der Nordbukowina, die auf Grund des Hitler-Stalin-Paktes von 1940 ihre Dörfer verlassen hatten. Neben den Flüchtlingen aus der Süddobrudscha, Bessarabien und der Nordbukowina kamen 1945 auch Familien aus den Westkarpaten, die sogenannten ‚ardeleni’, nach Sackelhausen. Durch die Agrarreform erhielt jede Familie fünf Hektar landwirtschaftlich nutzbares Land. Die rumänische Bevölkerung in Sackelhausen lebte von der Landwirtschaft, während die Arumänen sich mit der Viehzucht, vor allem Schafe, und Handel befassten. Als im Winter 1945/1946 eine große Hungersnot in der Moldau und im rumänischen Teil der Dobrudscha ausbrach, der eine Trockenheit im Sommer vorangegangen war, kamen weitere rumänische Familien aus diesen Gebieten, aber auch aus Oltenien, Bihor und der Maramuresch nach Sackelhausen (Völkl 1995, 168).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die Bevölkerungszusammensetzung in Sackelhausen  im Zeitraum 1944-1947 drastisch veränderte. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten noch ca. 2980 Banater Schwaben in Sackelhausen zusammen mit ca. 60 rumänischen und 200 arumänischen Familien (Bleju?c? und Tomoiag? 2009, 95-96). Betrachtet man die Migrationstypen in dieser Migrationsphase so mussten die Banater Schwaben Flucht, Zwangsmigration, Emigration und Rückkehrmigration in kürzester Zeit mitmachen. Die rumänische Bevölkerung, die sich in Sackelhausen niederließ, hatte vorher interne Migration, Flucht und Wiederansiedlung erlebt (siehe Rotariu und Poledna 1997, 163).

1948-1951

Die Nationalisierung der Industrie begann in Rumänien 1948. Ende des Jahres 1948 beschloss die rumänische Regierung die Einführung der Planwirtschaft beginnend mit dem Jahre 1949. Ab 1950 wurden Fünfjahrespläne eingeführt (Völkl 1995, 163). In Temeswar investierte der Staat in die enteigneten Betriebe und erweiterte sie. Zum Ausbau, aber auch zum Funktionieren der Betriebe, wurden zusätzliche Arbeitskräfte benötigt, die anfangs aus den angrenzenden Dörfern kamen (Rotariu und Poledna 1997, 163). Nachdem die Rumäniendeutschen 1948 wieder die rumänische Staatsbürgerschaft erhalten hatten (Völkl 1995, 242), entschlossen sich viele der enteigneten Banater Schwaben, die neben dem Bauernberuf auch ein Handwerk ausgeübt hatten, in die Stadt Temeswar zu pendeln (rum. ‚navetism’). Sie zogen das Pendeln dem Dasein als Tagelöhner, als Pächter, als Hilfskraft für die rumänischen Siedler, als Arbeiter in den Weinbergen oder als Angestellter im Zentrum für landwirtschaftliche Maschinen (rum. ‚SMA’), das 1945 in Sackelhausen gegründet worden war, vor. Nur ältere Banater Schwaben und einige Frauen blieben in der Landwirtschaft. Die meisten Frauen aber zogen es vor, sich mit Heimindustrie zu beschäftigen oder intensiven Gartenbau zu betreiben und mit diesen Produkten die Märkte in der Stadt Temeswar zu versorgen. Diese Frauen pendelten wie ihre Männer in die Stadt (Verdery 1983, 36-39, Kideckel 1993, 83-86, Interview D.T., Pitzer 1994, 140, 151-152, Bleju?c? und Tomoiag? 2009, 122-123). Die rumänische Bevölkerung von Sackelhausen, die ihre Felder bewirtschaftete, wurde 1946 hart von der Abgaberegelung (rum. ‚cot?’) getroffen, da diese sehr hoch bemessen war.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich in dem Zeitabschnitt von 1948 bis 1951 eine neue Form der Mobilität, das tägliche Pendeln vom Land in die Stadt zur Industriearbeit, herausbildete. Was im Zeitraum 1948 bis 1951 bei den Banater Schwaben begann, setzte sich im Folgenden fort und wurde zum dominanten Lebensstil für die rumänische Bevölkerung im Banat. Bezüglich der 1970er Jahre sprechen Verdery (1983, 58-64) und Kideckel (1993, 120-130) von einem neuen Muster an Lebensunterhalt, das sie das ‚peasant-worker pattern’ (dt. etwa ‚Muster des Industriearbeiters bzw. Angestellten und Freizeitbauern’) nannten.

1951-1966

Das Jahr 1951 wird von zwei miteinander verbundenen Ereignissen markiert: die Kollektivierung (siehe Details in Dobrincu, D. & Iordachi, C. 2005) und die Deportation in die B?r?gansteppe (siehe Details in Vighi, D. & Marineasa, V. 1994, Vighi, D. & S?mîn??, V. 1996, Vultur, S. 1997). Nach dem Zweiten Weltkrieg fürchtete Rumänien mögliche Gebietsansprüche Jugoslawiens bezüglich des Banats. Als Gegenmaßnahme wurden Militäreinheiten und Bunker in einem 25 km breiten Grenzstreifen entlang der rumänisch-jugoslawischen Grenze errichtet. Die Verschlechterung der rumänisch-jugoslawischen zwischenstaatlichen Beziehungen wurde als Vorwand benutzt, um eine große Anzahl an Grenzbewohnern zu enteignen und zu deportieren. Die rumänische Regierung entschied die Umsiedlung der ‚Feinde der Arbeiterklasse’ weit weg von der Grenze unter der Begründung, dass die Sicherheit der Grenze gefährdet sei. Die Zwangsmigration wurde mit der vom Staat erwarteten ‚politischen Unzuverlässigkeit’ dieser Bevölkerungsgruppe begründet. Sie wurden als potentielle Gegner angesehen, die einen Umsturz planen könnten. Zu den ‚Feinden des Kommunismus’ zählte man 1.) die Deutschen, die in der deutschen Wehrmacht oder in SS-Truppen gedient hatten, und ihre Familien, 2.) Personen, die offen gegen den Kommunismus auftraten, 3.) die Flüchtlinge aus Bessarabien und der Nordbukowina, die vor dem Anrücken der sowjetischen Armee nach Rumänien geflohen waren und 4.) die Arumänen, die in der Eisernen Garde Mitglied gewesen waren (Weber 1998, 18-25). Im Mai 1950 bekamen die Gemeinderäte den Befehl, Listen mit ‚unzuverlässigen Personen’ aufzustellen. Die Vorbereitungen für diese Zwangsmigration erfolgte im Geheimen und wurde zu Pfingsten 1951 durchgeführt (ausführlichere Informationen der deutschen Sichtweise siehe bei Weber 1998, 65-89). In Sackelhausen mussten 63 deutsche und 224 rumänische und arumänische Familien das Dorf verlassen. Sie wurden in Viehwaggons in die B?r?gansteppe gebracht, wo sie das Land urbar machten. Ab 1954 konnte die deportierte Bevölkerung die Dörfer in der B?r?gansteppe verlassen und zurücksiedeln. 1956 kamen die letzten Familien aus der B?r?gansteppe nach Sackelhausen zurück. Nur die arumänischen Familien blieben in der B?r?gansteppe oder zogen in die Norddobrudscha (Pitzer 1994, 139-140, Fett 1979, 132-138). In Sackelhausen wurden nach der Zwangsmigration 1951 rumänische und sowjetische Armeeeinheiten stationiert, die im Dorf bis 1954/55 wohnten, als außerhalb des Dorfes  Militärbaracken gebaut wurden. Die sowjetischen Truppen verließen Rumänien 1959 (Pitzer 1994, 149).

Im März 1949 verkündete Gheorghe Gheorghiu-Dej, der Generalsekretär der kommunistischen Partei, den Beginn des Transformationsprozesses der Landwirtschaft. Die Kollektivierung der Landwirtschaft und die ‚Liquidierung kapitalistischer Elemente’ erfolgte gemäß der sozialistisch-kommunistischen Ideologie (Völkl 1995, 171-174; weitere Details über die verschiedenen Kollektivierungsphasen siehe ?andru 2005). Kurz nach der öffentlichen Erklärung des Beginns der Kollektivierung schickten die Gemeinderäte verlässliche Personen, die die Bauern, die erst 1945 ihr Land erhalten hatten, überreden sollten, in die landwirtschaftlichen Kollektivbetriebe (rum. ‚GAC’) einzutreten (weitere Details zu diesem Überredungsprozess und Fallbeispiele siehe bei ?erban 2001-2002, 107, ?erban 2009, 11-13, 22). Von staatlicher Seite aus waren die landwirtschaftlichen Kollektivbetriebe nur eine Zwischenlösung, da nur die landwirtschaftliche Arbeit gemeinsam organisiert wurde, der Landbesitz und die Tiere aber weiterhin in Privatbesitz blieben. 1950 wurde in Sackelhausen das Maschinenzentrum (rum. ‚SMA’) in einen landwirtschaftlichen Staatsbetrieb (rum. ‚IAS’) umgewandelt, in dem die Arbeiter staatliche Angestellte waren, ein Gehalt bezahlt bekamen und feste Arbeitszeiten hatten. Die IAS-Angestellten bekamen außerdem ein Stück Land zur Eigennutzung und die Erlaubnis, einige Tiere zu halten (Kideckel 1993, 56-57). Da die Bauern dennoch nicht in die landwirtschaftlichen Kollektivbetriebe (später nannte man sie landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften, rum. ‚CAP’) freiwillig eintreten wollten, wurden Mittel zur Einschüchterung der Bevölkerung genutzt, um sie dazu zu bringen (Interview D.T.). Nach der Zwangsmigration in die B?r?gansteppe wurde das Land der Deportierten in den landwirtschaftlichen Staatsbetrieb integriert und Ställe und Geräteschuppen gebaut. Die Präsenz der Armeeeinheiten und die Zwangsmigration eines Bevölkerungsteils wirkte auf den Rest der Dorfbevölkerung in Sackelhausen einschüchternd, sodass die Kollektivierung bereits 1952 abgeschlossen werden konnte. Im Laufe der ganzen sozialistischen Ära widerstand nur eine Familie konstant den Kollektivierungsbestrebungen durch den Staat (Bleju?c? & Tomoiag? 2009, 122-123). Die Kollektivierung wurde in Sackelhausen insgesamt viel früher als im gesamten Rumänien abgeschlossen, denn das Ende der Kollektivierung wurde offiziell 1962 deklariert.

Im Zeitraum 1951 bis 1966 wuchs die Mobilität der Bevölkerung. Während die älteren Männer und Frauen, die keinen anderen Beruf außer Landwirt hatten, sich den Gegebenheiten anpassten und im GAC oder IAS arbeiteten, strebten die jüngeren Männer nach höheren Positionen im landwirtschaftlichen Kollektiv- oder Staatsbetrieb oder zogen eine Berufsausbildung in der Stadt Temeswar vor, wonach sie die Möglichkeit hatten, in einem Industriebetrieb in der Stadt zu arbeiten. Ein Teil der rumänischen Dorfbevölkerung von Sackelhausen nahm sich bald das Verhalten der Banater Schwaben zum Vorbild und eiferte dem ‚banatschwäbischen Lebensstil’ nach. Ein Arbeitsplatz in der Stadt war trotz des täglichen Pendelns erstrebenswert, da in der Industrie höhere Gehälter gezahlt wurden und die Arbeitszeiten geregelt waren. Als die Industriebetriebe nach dem Krieg die Produktion wieder aufnahmen und neue Betriebe gegründet wurden, brauchte man mehr und mehr qualifizierte Arbeiter. In Temeswar wurden viele Betriebe ausgebaut oder neu gegründet wie 6 Martie, Electrobanat, Electromotor u. a. (Bleju?c? & Tomoiag? 2009, 125, Pitzer 1994, 152). Da die Banater Schwaben als erste enteignet worden waren, beschlossen viele von ihnen als erste, in die Stadt zu pendeln. Wie sich später herausstellte, war ihre Entscheidung, das Pendeln in die Stadt aufzunehmen, genau die richtige, da sie den Banater Schwaben einen ‚besseren Lebensstil’ verschaffte. Denn das Pendeln in die Stadt wurde in den 70er und 80er Jahren in ganz Rumänien zum angestrebten Lebensstil. Verdery (1983, 58-64) schreibt in ihrer Fallstudie über ein Dorf in Südtranssilvanien in den 70er Jahren, dass durch die Kollektivierungs- und Industrialisierungsmaßnahmen das Bauerntum vom ‚peasant-worker’, der in die Stadt pendelte, ersetzt wurde (bezüglich Bulgarien siehe Ditchev 2010, 18-19). Folglich verbreitete sich das ‚peasant-worker’-Muster, schloss immer mehr Dorfbevölkerung ein und blieb in Sackelhausen der dominante Lebensstil bis in die 90er Jahre. Heutzutage ist es der bevorzugte Lebensstil der Rumänen, die nicht migrieren und in einem Dorf in der Nähe einer Stadt leben.

Die von Verdery beschriebene Entwicklung in den 70er Jahren in Südtranssilvanien vollzog sich im Falle von Sackelhausen bereits zwanzig Jahre früher. In den 60er Jahren nahm die Mobilität zu. Die jüngere Generation strebte der vorangegangenen Generation nach und wollte ebenso Meister und Vorarbeiter in der städtischen Industrie werden. Diese Entwicklung ging Hand in Hand mit Veränderungen in der Familienstruktur. Da es die Bevölkerung zur Arbeit in die Stadt zog, wurden mehr und mehr Wohnhäuser in der Stadt gebaut. Folglich entstand ein neues Wohnmuster mit ‚zerstreuter Residenz’ (engl. ‚dispersed residence’), das Mih?ilescu (2000, 3) den ‚gemischten zerstreuten Haushalt’ (Original im Text franz. ‚maisnies mixtes diffuses’ und ‚résidence diffuse’) nennt. Hierbei wurde die Taktik verfolgt, den Familienhaushalt in zumindest zwei Einheiten aufzuspalten, von denen einer sich in der Stadt und der andere im Dorf befand. Der Familienhaushalt in der Stadt bestand meist aus der jüngeren Generation, die in der Industrie arbeitete. Der Haushalt im Dorf umfasste die ältere Generation und manchmal noch ein Kind mit seiner Familie, die im landwirtschaftlichen Kollektiv-, im Staatsbetrieb oder in der Dorfverwaltung arbeiteten. Diese interaktive, zerstreute Familie (Warren Sabean 2008, 111) formte einen Gesamthaushalt, dessen einzelne Elemente aufeinander abgestimmt, voneinander abhängig waren und sich gegenseitige Hilfe gaben (ein ebensolches Beispiel heutzutage in Bulgarien siehe Konstantinov 2001; er benutzt den Begriff ‚Stadt-Land-Haushalt’; ebenso Smollett 1989).

Im Rahmen des landwirtschaftlichen Kollektiv- und des Staatsbetriebs in Sackelhausen wurde der Gartenbau ausgebaut und eine Verarbeitungsindustrie der landwirtschaftlichen Produkte ab 1954 aufgebaut. Da der Ausbau der landwirtschaftlichen Arbeit auf eine steigende Zahl an Arbeitern angewiesen war, wurden Saisonkräfte aus verschiedenen Teilen Rumäniens zu den landwirtschaftlichen Spitzenarbeitszeiten im Sommer und Herbst herangeholt. 1956 wurde eine staatliche Landwirtschaftsfarm in Sackelhausen eröffnet, die mit der Zeit ausgeweitet wurde und in den 60er Jahren Ställe für Rinder- und Geflügelzucht umfasste. Mitte der 60er Jahre normalisierten sich die Lebensbedingungen in Sackelhausen. Der Lebensstandard wuchs (Elektrizität erreichte Sackelhausen 1961) und alle begannen ihre Häuser und Höfe zu modernisieren. Auch die Infrastruktur der Gemeinde wurde modernisiert und vor allem das öffentliche Verkehrssystem wurde den Bedürfnissen der pendelnden Bevölkerung, der Schüler und Studenten angepasst. Aus diesem Grund wurde das Pendeln zugänglicher und noch attraktiver. Zeitgleich strebten die Banater Schwaben es an, das Leben ihrer Kinder zu verbessern, indem sie sie in die Stadt auf das Gymnasium und die Universität schickten. Eine bessere Ausbildung ihrer Kinder war für die Banater Schwaben wesentlich, da sie wünschten, dass ihre Kinder höhere Positionen und besser bezahlte Arbeitsplätze bekämen. Diese Entwicklung verstärkte die Zerstreuung des Haushalts und die Bemühungen, in die Stadt umzuziehen. In Sackelhausen wurde das deutsche Kulturleben wiederaufgenommen, indem Orchester wiedergegründet und die Kirchweih wieder abgehalten wurde. So dominierte das deutsche Kulturleben erneut das Leben der Gemeinde. Ein wichtiger Höhepunkt in der Kette der Ereignisse stellt die 200-Jahr-Feier am 10. Oktober 1965 dar. An diesem Datum wurde das 200-jährige Bestehen der deutschen Gemeinde gefeiert (Pitzer 1994, 151-153; Bleju?c? & Tomoiag? 2009, 123-124).

Die Kollektivierung in ganz Rumänien bewirkte eine Binnenmigration. Viele Rumänen kamen im Zeitraum von 1959 bis 1962 aus den Bezirken S?laj, Bihor und Bac?u nach Sackelhausen. In dieser Zeit verließen ca. 30 Familien ihre von der Kollektivierung bedrohten Haus- und Hofwirtschaften und flüchteten von ihren Wohnorten nach Sackelhausen, um dort im landwirtschaftlichen Staatsbetrieb oder in der Industrie in der Stadt Temeswar zu arbeiten (Bleju?c? & Tomoiag? 2009, 96). Betrachtet man den Zeitraum von 1951 bis 1966 in seiner Gesamtheit, so stellt man fest, dass dieser mit der Zwangsmigration in die B?r?gansteppe von möglichen politischen Gegnern begann und dann von der Kollektivierung in ganz Rumänien gefolgt wurde. Die darauf folgende massive interne Migration eines Teils der Dorfbevölkerung kann als eine ‚diskrete Form des Widerstands’ (siehe den Begriff ‚tagtäglicher Widerstand’ bei ?erban 2009, 4) gegen die von oben politisch aufgezwungenen Maßnahmen oder als ‚Eigensinn’ (siehe Begriff Eigensinn bei Lüdtke 1993, 136-154) interpreteiert werden. Letztendlich wandte sich der neue Lebensstil mit der Flucht aus der Landwirtschaft und der Aufnahme einer Arbeit in der städtischen Industrie (verbunden mit Pendeln) gegen das kommunistische Regime, denn, obwohl die kommunistische Propaganda die Industriearbeit förderte, wurde der neue Lebensstil als eine Form des diskreten Widerstands gegen das Regime zuerst von den Banater Schwaben und dann vom Rest der Bevölkerung benutzt. Die Menschen ließen die Kollektivierung ihres Besitzes zu, aber nicht die ihrer persönlichen Autonomie und Freiheit (?erban 2009, 4-7). Durch die persönliche Wahl ihres Lebensstils umgingen die Menschen das System, anstatt sich den ökonomischen Plänen der politischen Führung unterzuordnen. Was als Nachteil für die Banater Schwaben von Sackelhausen gedacht war, verwandelte sich mit der Zeit in einen Vorteil, da sie die ersten waren, die mit dem Pendeln in die Stadt anfingen und so auch als erste Netzwerke in die Stadt aufbauten. Die neue Mobilitätsform, das Pendeln, wurde mehr und mehr übernommen, da die Menschen darin einen ‚modernen Lebensstil’ sahen.

Das Jahr 1951 wird von zwei miteinander verbundenen Ereignissen markiert: die Kollektivierung (siehe Details in Dobrincu, D. & Iordachi, C. 2005) und die Deportation in die B?r?gansteppe (siehe Details in Vighi, D. & Marineasa, V. 1994, Vighi, D. & S?mîn??, V. 1996, Vultur, S. 1997). Nach dem Zweiten Weltkrieg fürchtete Rumänien mögliche Gebietsansprüche Jugoslawiens bezüglich des Banats. Als Gegenmaßnahme wurden Militäreinheiten und Bunker in einem 25 km breiten Grenzstreifen entlang der rumänisch-jugoslawischen Grenze errichtet. Die Verschlechterung der rumänisch-jugoslawischen zwischenstaatlichen Beziehungen wurde als Vorwand benutzt, um eine große Anzahl an Grenzbewohnern zu enteignen und zu deportieren. Die rumänische Regierung entschied die Umsiedlung der ‚Feinde der Arbeiterklasse’ weit weg von der Grenze unter der Begründung, dass die Sicherheit der Grenze gefährdet sei. Die Zwangsmigration wurde mit der vom Staat erwarteten ‚politischen Unzuverlässigkeit’ dieser Bevölkerungsgruppe begründet. Sie wurden als potentielle Gegner angesehen, die einen Umsturz planen könnten. Zu den ‚Feinden des Kommunismus’ zählte man 1.) die Deutschen, die in der deutschen Wehrmacht oder in SS-Truppen gedient hatten, und ihre Familien, 2.) Personen, die offen gegen den Kommunismus auftraten, 3.) die Flüchtlinge aus Bessarabien und der Nordbukowina, die vor dem Anrücken der sowjetischen Armee nach Rumänien geflohen waren und 4.) die Arumänen, die in der Eisernen Garde Mitglied gewesen waren (Weber 1998, 18-25). Im Mai 1950 bekamen die Gemeinderäte den Befehl, Listen mit ‚unzuverlässigen Personen’ aufzustellen. Die Vorbereitungen für diese Zwangsmigration erfolgte im Geheimen und wurde zu Pfingsten 1951 durchgeführt (ausführlichere Informationen der deutschen Sichtweise siehe bei Weber 1998, 65-89). In Sackelhausen mussten 63 deutsche und 224 rumänische und arumänische Familien das Dorf verlassen. Sie wurden in Viehwaggons in die B?r?gansteppe gebracht, wo sie das Land urbar machten. Ab 1954 konnte die deportierte Bevölkerung die Dörfer in der B?r?gansteppe verlassen und zurücksiedeln. 1956 kamen die letzten Familien aus der B?r?gansteppe nach Sackelhausen zurück. Nur die arumänischen Familien blieben in der B?r?gansteppe oder zogen in die Norddobrudscha (Pitzer 1994, 139-140, Fett 1979, 132-138). In Sackelhausen wurden nach der Zwangsmigration 1951 rumänische und sowjetische Armeeeinheiten stationiert, die im Dorf bis 1954/55 wohnten, als außerhalb des Dorfes  Militärbaracken gebaut wurden. Die sowjetischen Truppen verließen Rumänien 1959 (Pitzer 1994, 149).

Im März 1949 verkündete Gheorghe Gheorghiu-Dej, der Generalsekretär der kommunistischen Partei, den Beginn des Transformationsprozesses der Landwirtschaft. Die Kollektivierung der Landwirtschaft und die ‚Liquidierung kapitalistischer Elemente’ erfolgte gemäß der sozialistisch-kommunistischen Ideologie (Völkl 1995, 171-174; weitere Details über die verschiedenen Kollektivierungsphasen siehe ?andru 2005). Kurz nach der öffentlichen Erklärung des Beginns der Kollektivierung schickten die Gemeinderäte verlässliche Personen, die die Bauern, die erst 1945 ihr Land erhalten hatten, überreden sollten, in die landwirtschaftlichen Kollektivbetriebe (rum. ‚GAC’) einzutreten (weitere Details zu diesem Überredungsprozess und Fallbeispiele siehe bei ?erban 2001-2002, 107, ?erban 2009, 11-13, 22). Von staatlicher Seite aus waren die landwirtschaftlichen Kollektivbetriebe nur eine Zwischenlösung, da nur die landwirtschaftliche Arbeit gemeinsam organisiert wurde, der Landbesitz und die Tiere aber weiterhin in Privatbesitz blieben. 1950 wurde in Sackelhausen das Maschinenzentrum (rum. ‚SMA’) in einen landwirtschaftlichen Staatsbetrieb (rum. ‚IAS’) umgewandelt, in dem die Arbeiter staatliche Angestellte waren, ein Gehalt bezahlt bekamen und feste Arbeitszeiten hatten. Die IAS-Angestellten bekamen außerdem ein Stück Land zur Eigennutzung und die Erlaubnis, einige Tiere zu halten (Kideckel 1993, 56-57). Da die Bauern dennoch nicht in die landwirtschaftlichen Kollektivbetriebe (später nannte man sie landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften, rum. ‚CAP’) freiwillig eintreten wollten, wurden Mittel zur Einschüchterung der Bevölkerung genutzt, um sie dazu zu bringen (Interview D.T.). Nach der Zwangsmigration in die B?r?gansteppe wurde das Land der Deportierten in den landwirtschaftlichen Staatsbetrieb integriert und Ställe und Geräteschuppen gebaut. Die Präsenz der Armeeeinheiten und die Zwangsmigration eines Bevölkerungsteils wirkte auf den Rest der Dorfbevölkerung in Sackelhausen einschüchternd, sodass die Kollektivierung bereits 1952 abgeschlossen werden konnte. Im Laufe der ganzen sozialistischen Ära widerstand nur eine Familie konstant den Kollektivierungsbestrebungen durch den Staat (Bleju?c? & Tomoiag? 2009, 122-123). Die Kollektivierung wurde in Sackelhausen insgesamt viel früher als im gesamten Rumänien abgeschlossen, denn das Ende der Kollektivierung wurde offiziell 1962 deklariert.

Im Zeitraum 1951 bis 1966 wuchs die Mobilität der Bevölkerung. Während die älteren Männer und Frauen, die keinen anderen Beruf außer Landwirt hatten, sich den Gegebenheiten anpassten und im GAC oder IAS arbeiteten, strebten die jüngeren Männer nach höheren Positionen im landwirtschaftlichen Kollektiv- oder Staatsbetrieb oder zogen eine Berufsausbildung in der Stadt Temeswar vor, wonach sie die Möglichkeit hatten, in einem Industriebetrieb in der Stadt zu arbeiten. Ein Teil der rumänischen Dorfbevölkerung von Sackelhausen nahm sich bald das Verhalten der Banater Schwaben zum Vorbild und eiferte dem ‚banatschwäbischen Lebensstil’ nach. Ein Arbeitsplatz in der Stadt war trotz des täglichen Pendelns erstrebenswert, da in der Industrie höhere Gehälter gezahlt wurden und die Arbeitszeiten geregelt waren. Als die Industriebetriebe nach dem Krieg die Produktion wieder aufnahmen und neue Betriebe gegründet wurden, brauchte man mehr und mehr qualifizierte Arbeiter. In Temeswar wurden viele Betriebe ausgebaut oder neu gegründet wie 6 Martie, Electrobanat, Electromotor u. a. (Bleju?c? & Tomoiag? 2009, 125, Pitzer 1994, 152). Da die Banater Schwaben als erste enteignet worden waren, beschlossen viele von ihnen als erste, in die Stadt zu pendeln. Wie sich später herausstellte, war ihre Entscheidung, das Pendeln in die Stadt aufzunehmen, genau die richtige, da sie den Banater Schwaben einen ‚besseren Lebensstil’ verschaffte. Denn das Pendeln in die Stadt wurde in den 70er und 80er Jahren in ganz Rumänien zum angestrebten Lebensstil. Verdery (1983, 58-64) schreibt in ihrer Fallstudie über ein Dorf in Südtranssilvanien in den 70er Jahren, dass durch die Kollektivierungs- und Industrialisierungsmaßnahmen das Bauerntum vom ‚peasant-worker’, der in die Stadt pendelte, ersetzt wurde (bezüglich Bulgarien siehe Ditchev 2010, 18-19). Folglich verbreitete sich das ‚peasant-worker’-Muster, schloss immer mehr Dorfbevölkerung ein und blieb in Sackelhausen der dominante Lebensstil bis in die 90er Jahre. Heutzutage ist es der bevorzugte Lebensstil der Rumänen, die nicht migrieren und in einem Dorf in der Nähe einer Stadt leben.

Die von Verdery beschriebene Entwicklung in den 70er Jahren in Südtranssilvanien vollzog sich im Falle von Sackelhausen bereits zwanzig Jahre früher. In den 60er Jahren nahm die Mobilität zu. Die jüngere Generation strebte der vorangegangenen Generation nach und wollte ebenso Meister und Vorarbeiter in der städtischen Industrie werden. Diese Entwicklung ging Hand in Hand mit Veränderungen in der Familienstruktur. Da es die Bevölkerung zur Arbeit in die Stadt zog, wurden mehr und mehr Wohnhäuser in der Stadt gebaut. Folglich entstand ein neues Wohnmuster mit ‚zerstreuter Residenz’ (engl. ‚dispersed residence’), das Mih?ilescu (2000, 3) den ‚gemischten zerstreuten Haushalt’ (Original im Text franz. ‚maisnies mixtes diffuses’ und ‚résidence diffuse’) nennt. Hierbei wurde die Taktik verfolgt, den Familienhaushalt in zumindest zwei Einheiten aufzuspalten, von denen einer sich in der Stadt und der andere im Dorf befand. Der Familienhaushalt in der Stadt bestand meist aus der jüngeren Generation, die in der Industrie arbeitete. Der Haushalt im Dorf umfasste die ältere Generation und manchmal noch ein Kind mit seiner Familie, die im landwirtschaftlichen Kollektiv-, im Staatsbetrieb oder in der Dorfverwaltung arbeiteten. Diese interaktive, zerstreute Familie (Warren Sabean 2008, 111) formte einen Gesamthaushalt, dessen einzelne Elemente aufeinander abgestimmt, voneinander abhängig waren und sich gegenseitige Hilfe gaben (ein ebensolches Beispiel heutzutage in Bulgarien siehe Konstantinov 2001; er benutzt den Begriff ‚Stadt-Land-Haushalt’; ebenso Smollett 1989).

Im Rahmen des landwirtschaftlichen Kollektiv- und des Staatsbetriebs in Sackelhausen wurde der Gartenbau ausgebaut und eine Verarbeitungsindustrie der landwirtschaftlichen Produkte ab 1954 aufgebaut. Da der Ausbau der landwirtschaftlichen Arbeit auf eine steigende Zahl an Arbeitern angewiesen war, wurden Saisonkräfte aus verschiedenen Teilen Rumäniens zu den landwirtschaftlichen Spitzenarbeitszeiten im Sommer und Herbst herangeholt. 1956 wurde eine staatliche Landwirtschaftsfarm in Sackelhausen eröffnet, die mit der Zeit ausgeweitet wurde und in den 60er Jahren Ställe für Rinder- und Geflügelzucht umfasste. Mitte der 60er Jahre normalisierten sich die Lebensbedingungen in Sackelhausen. Der Lebensstandard wuchs (Elektrizität erreichte Sackelhausen 1961) und alle begannen ihre Häuser und Höfe zu modernisieren. Auch die Infrastruktur der Gemeinde wurde modernisiert und vor allem das öffentliche Verkehrssystem wurde den Bedürfnissen der pendelnden Bevölkerung, der Schüler und Studenten angepasst. Aus diesem Grund wurde das Pendeln zugänglicher und noch attraktiver. Zeitgleich strebten die Banater Schwaben es an, das Leben ihrer Kinder zu verbessern, indem sie sie in die Stadt auf das Gymnasium und die Universität schickten. Eine bessere Ausbildung ihrer Kinder war für die Banater Schwaben wesentlich, da sie wünschten, dass ihre Kinder höhere Positionen und besser bezahlte Arbeitsplätze bekämen. Diese Entwicklung verstärkte die Zerstreuung des Haushalts und die Bemühungen, in die Stadt umzuziehen. In Sackelhausen wurde das deutsche Kulturleben wiederaufgenommen, indem Orchester wiedergegründet und die Kirchweih wieder abgehalten wurde. So dominierte das deutsche Kulturleben erneut das Leben der Gemeinde. Ein wichtiger Höhepunkt in der Kette der Ereignisse stellt die 200-Jahr-Feier am 10. Oktober 1965 dar. An diesem Datum wurde das 200-jährige Bestehen der deutschen Gemeinde gefeiert (Pitzer 1994, 151-153; Bleju?c? & Tomoiag? 2009, 123-124).

Die Kollektivierung in ganz Rumänien bewirkte eine Binnenmigration. Viele Rumänen kamen im Zeitraum von 1959 bis 1962 aus den Bezirken S?laj, Bihor und Bac?u nach Sackelhausen. In dieser Zeit verließen ca. 30 Familien ihre von der Kollektivierung bedrohten Haus- und Hofwirtschaften und flüchteten von ihren Wohnorten nach Sackelhausen, um dort im landwirtschaftlichen Staatsbetrieb oder in der Industrie in der Stadt Temeswar zu arbeiten (Bleju?c? & Tomoiag? 2009, 96). Betrachtet man den Zeitraum von 1951 bis 1966 in seiner Gesamtheit, so stellt man fest, dass dieser mit der Zwangsmigration in die B?r?gansteppe von möglichen politischen Gegnern begann und dann von der Kollektivierung in ganz Rumänien gefolgt wurde. Die darauf folgende massive interne Migration eines Teils der Dorfbevölkerung kann als eine ‚diskrete Form des Widerstands’ (siehe den Begriff ‚tagtäglicher Widerstand’ bei ?erban 2009, 4) gegen die von oben politisch aufgezwungenen Maßnahmen oder als ‚Eigensinn’ (siehe Begriff Eigensinn bei Lüdtke 1993, 136-154) interpreteiert werden. Letztendlich wandte sich der neue Lebensstil mit der Flucht aus der Landwirtschaft und der Aufnahme einer Arbeit in der städtischen Industrie (verbunden mit Pendeln) gegen das kommunistische Regime, denn, obwohl die kommunistische Propaganda die Industriearbeit förderte, wurde der neue Lebensstil als eine Form des diskreten Widerstands gegen das Regime zuerst von den Banater Schwaben und dann vom Rest der Bevölkerung benutzt. Die Menschen ließen die Kollektivierung ihres Besitzes zu, aber nicht die ihrer persönlichen Autonomie und Freiheit (?erban 2009, 4-7). Durch die persönliche Wahl ihres Lebensstils umgingen die Menschen das System, anstatt sich den ökonomischen Plänen der politischen Führung unterzuordnen. Was als Nachteil für die Banater Schwaben von Sackelhausen gedacht war, verwandelte sich mit der Zeit in einen Vorteil, da sie die ersten waren, die mit dem Pendeln in die Stadt anfingen und so auch als erste Netzwerke in die Stadt aufbauten. Die neue Mobilitätsform, das Pendeln, wurde mehr und mehr übernommen, da die Menschen darin einen ‚modernen Lebensstil’ sahen.


Das Jahr 1951 wird von zwei miteinander verbundenen Ereignissen markiert: die Kollektivierung (siehe Details in Dobrincu, D. & Iordachi, C. 2005) und die Deportation in die B?r?gansteppe (siehe Details in Vighi, D. & Marineasa, V. 1994, Vighi, D. & S?mîn??, V. 1996, Vultur, S. 1997). Nach dem Zweiten Weltkrieg fürchtete Rumänien mögliche Gebietsansprüche Jugoslawiens bezüglich des Banats. Als Gegenmaßnahme wurden Militäreinheiten und Bunker in einem 25 km breiten Grenzstreifen entlang der rumänisch-jugoslawischen Grenze errichtet. Die Verschlechterung der rumänisch-jugoslawischen zwischenstaatlichen Beziehungen wurde als Vorwand benutzt, um eine große Anzahl an Grenzbewohnern zu enteignen und zu deportieren. Die rumänische Regierung entschied die Umsiedlung der ‚Feinde der Arbeiterklasse’ weit weg von der Grenze unter der Begründung, dass die Sicherheit der Grenze gefährdet sei. Die Zwangsmigration wurde mit der vom Staat erwarteten ‚politischen Unzuverlässigkeit’ dieser Bevölkerungsgruppe begründet. Sie wurden als potentielle Gegner angesehen, die einen Umsturz planen könnten. Zu den ‚Feinden des Kommunismus’ zählte man 1.) die Deutschen, die in der deutschen Wehrmacht oder in SS-Truppen gedient hatten, und ihre Familien, 2.) Personen, die offen gegen den Kommunismus auftraten, 3.) die Flüchtlinge aus Bessarabien und der Nordbukowina, die vor dem Anrücken der sowjetischen Armee nach Rumänien geflohen waren und 4.) die Arumänen, die in der Eisernen Garde Mitglied gewesen waren (Weber 1998, 18-25). Im Mai 1950 bekamen die Gemeinderäte den Befehl, Listen mit ‚unzuverlässigen Personen’ aufzustellen. Die Vorbereitungen für diese Zwangsmigration erfolgte im Geheimen und wurde zu Pfingsten 1951 durchgeführt (ausführlichere Informationen der deutschen Sichtweise siehe bei Weber 1998, 65-89). In Sackelhausen mussten 63 deutsche und 224 rumänische und arumänische Familien das Dorf verlassen. Sie wurden in Viehwaggons in die B?r?gansteppe gebracht, wo sie das Land urbar machten. Ab 1954 konnte die deportierte Bevölkerung die Dörfer in der B?r?gansteppe verlassen und zurücksiedeln. 1956 kamen die letzten Familien aus der B?r?gansteppe nach Sackelhausen zurück. Nur die arumänischen Familien blieben in der B?r?gansteppe oder zogen in die Norddobrudscha (Pitzer 1994, 139-140, Fett 1979, 132-138). In Sackelhausen wurden nach der Zwangsmigration 1951 rumänische und sowjetische Armeeeinheiten stationiert, die im Dorf bis 1954/55 wohnten, als außerhalb des Dorfes  Militärbaracken gebaut wurden. Die sowjetischen Truppen verließen Rumänien 1959 (Pitzer 1994, 149).

Im März 1949 verkündete Gheorghe Gheorghiu-Dej, der Generalsekretär der kommunistischen Partei, den Beginn des Transformationsprozesses der Landwirtschaft. Die Kollektivierung der Landwirtschaft und die ‚Liquidierung kapitalistischer Elemente’ erfolgte gemäß der sozialistisch-kommunistischen Ideologie (Völkl 1995, 171-174; weitere Details über die verschiedenen Kollektivierungsphasen siehe ?andru 2005). Kurz nach der öffentlichen Erklärung des Beginns der Kollektivierung schickten die Gemeinderäte verlässliche Personen, die die Bauern, die erst 1945 ihr Land erhalten hatten, überreden sollten, in die landwirtschaftlichen Kollektivbetriebe (rum. ‚GAC’) einzutreten (weitere Details zu diesem Überredungsprozess und Fallbeispiele siehe bei ?erban 2001-2002, 107, ?erban 2009, 11-13, 22). Von staatlicher Seite aus waren die landwirtschaftlichen Kollektivbetriebe nur eine Zwischenlösung, da nur die landwirtschaftliche Arbeit gemeinsam organisiert wurde, der Landbesitz und die Tiere aber weiterhin in Privatbesitz blieben. 1950 wurde in Sackelhausen das Maschinenzentrum (rum. ‚SMA’) in einen landwirtschaftlichen Staatsbetrieb (rum. ‚IAS’) umgewandelt, in dem die Arbeiter staatliche Angestellte waren, ein Gehalt bezahlt bekamen und feste Arbeitszeiten hatten. Die IAS-Angestellten bekamen außerdem ein Stück Land zur Eigennutzung und die Erlaubnis, einige Tiere zu halten (Kideckel 1993, 56-57). Da die Bauern dennoch nicht in die landwirtschaftlichen Kollektivbetriebe (später nannte man sie landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften, rum. ‚CAP’) freiwillig eintreten wollten, wurden Mittel zur Einschüchterung der Bevölkerung genutzt, um sie dazu zu bringen (Interview D.T.). Nach der Zwangsmigration in die B?r?gansteppe wurde das Land der Deportierten in den landwirtschaftlichen Staatsbetrieb integriert und Ställe und Geräteschuppen gebaut. Die Präsenz der Armeeeinheiten und die Zwangsmigration eines Bevölkerungsteils wirkte auf den Rest der Dorfbevölkerung in Sackelhausen einschüchternd, sodass die Kollektivierung bereits 1952 abgeschlossen werden konnte. Im Laufe der ganzen sozialistischen Ära widerstand nur eine Familie konstant den Kollektivierungsbestrebungen durch den Staat (Bleju?c? & Tomoiag? 2009, 122-123). Die Kollektivierung wurde in Sackelhausen insgesamt viel früher als im gesamten Rumänien abgeschlossen, denn das Ende der Kollektivierung wurde offiziell 1962 deklariert.

Im Zeitraum 1951 bis 1966 wuchs die Mobilität der Bevölkerung. Während die älteren Männer und Frauen, die keinen anderen Beruf außer Landwirt hatten, sich den Gegebenheiten anpassten und im GAC oder IAS arbeiteten, strebten die jüngeren Männer nach höheren Positionen im landwirtschaftlichen Kollektiv- oder Staatsbetrieb oder zogen eine Berufsausbildung in der Stadt Temeswar vor, wonach sie die Möglichkeit hatten, in einem Industriebetrieb in der Stadt zu arbeiten. Ein Teil der rumänischen Dorfbevölkerung von Sackelhausen nahm sich bald das Verhalten der Banater Schwaben zum Vorbild und eiferte dem ‚banatschwäbischen Lebensstil’ nach. Ein Arbeitsplatz in der Stadt war trotz des täglichen Pendelns erstrebenswert, da in der Industrie höhere Gehälter gezahlt wurden und die Arbeitszeiten geregelt waren. Als die Industriebetriebe nach dem Krieg die Produktion wieder aufnahmen und neue Betriebe gegründet wurden, brauchte man mehr und mehr qualifizierte Arbeiter. In Temeswar wurden viele Betriebe ausgebaut oder neu gegründet wie 6 Martie, Electrobanat, Electromotor u. a. (Bleju?c? & Tomoiag? 2009, 125, Pitzer 1994, 152). Da die Banater Schwaben als erste enteignet worden waren, beschlossen viele von ihnen als erste, in die Stadt zu pendeln. Wie sich später herausstellte, war ihre Entscheidung, das Pendeln in die Stadt aufzunehmen, genau die richtige, da sie den Banater Schwaben einen ‚besseren Lebensstil’ verschaffte. Denn das Pendeln in die Stadt wurde in den 70er und 80er Jahren in ganz Rumänien zum angestrebten Lebensstil. Verdery (1983, 58-64) schreibt in ihrer Fallstudie über ein Dorf in Südtranssilvanien in den 70er Jahren, dass durch die Kollektivierungs- und Industrialisierungsmaßnahmen das Bauerntum vom ‚peasant-worker’, der in die Stadt pendelte, ersetzt wurde (bezüglich Bulgarien siehe Ditchev 2010, 18-19). Folglich verbreitete sich das ‚peasant-worker’-Muster, schloss immer mehr Dorfbevölkerung ein und blieb in Sackelhausen der dominante Lebensstil bis in die 90er Jahre. Heutzutage ist es der bevorzugte Lebensstil der Rumänen, die nicht migrieren und in einem Dorf in der Nähe einer Stadt leben.

Die von Verdery beschriebene Entwicklung in den 70er Jahren in Südtranssilvanien vollzog sich im Falle von Sackelhausen bereits zwanzig Jahre früher. In den 60er Jahren nahm die Mobilität zu. Die jüngere Generation strebte der vorangegangenen Generation nach und wollte ebenso Meister und Vorarbeiter in der städtischen Industrie werden. Diese Entwicklung ging Hand in Hand mit Veränderungen in der Familienstruktur. Da es die Bevölkerung zur Arbeit in die Stadt zog, wurden mehr und mehr Wohnhäuser in der Stadt gebaut. Folglich entstand ein neues Wohnmuster mit ‚zerstreuter Residenz’ (engl. ‚dispersed residence’), das Mih?ilescu (2000, 3) den ‚gemischten zerstreuten Haushalt’ (Original im Text franz. ‚maisnies mixtes diffuses’ und ‚résidence diffuse’) nennt. Hierbei wurde die Taktik verfolgt, den Familienhaushalt in zumindest zwei Einheiten aufzuspalten, von denen einer sich in der Stadt und der andere im Dorf befand. Der Familienhaushalt in der Stadt bestand meist aus der jüngeren Generation, die in der Industrie arbeitete. Der Haushalt im Dorf umfasste die ältere Generation und manchmal noch ein Kind mit seiner Familie, die im landwirtschaftlichen Kollektiv-, im Staatsbetrieb oder in der Dorfverwaltung arbeiteten. Diese interaktive, zerstreute Familie (Warren Sabean 2008, 111) formte einen Gesamthaushalt, dessen einzelne Elemente aufeinander abgestimmt, voneinander abhängig waren und sich gegenseitige Hilfe gaben (ein ebensolches Beispiel heutzutage in Bulgarien siehe Konstantinov 2001; er benutzt den Begriff ‚Stadt-Land-Haushalt’; ebenso Smollett 1989).

Im Rahmen des landwirtschaftlichen Kollektiv- und des Staatsbetriebs in Sackelhausen wurde der Gartenbau ausgebaut und eine Verarbeitungsindustrie der landwirtschaftlichen Produkte ab 1954 aufgebaut. Da der Ausbau der landwirtschaftlichen Arbeit auf eine steigende Zahl an Arbeitern angewiesen war, wurden Saisonkräfte aus verschiedenen Teilen Rumäniens zu den landwirtschaftlichen Spitzenarbeitszeiten im Sommer und Herbst herangeholt. 1956 wurde eine staatliche Landwirtschaftsfarm in Sackelhausen eröffnet, die mit der Zeit ausgeweitet wurde und in den 60er Jahren Ställe für Rinder- und Geflügelzucht umfasste. Mitte der 60er Jahre normalisierten sich die Lebensbedingungen in Sackelhausen. Der Lebensstandard wuchs (Elektrizität erreichte Sackelhausen 1961) und alle begannen ihre Häuser und Höfe zu modernisieren. Auch die Infrastruktur der Gemeinde wurde modernisiert und vor allem das öffentliche Verkehrssystem wurde den Bedürfnissen der pendelnden Bevölkerung, der Schüler und Studenten angepasst. Aus diesem Grund wurde das Pendeln zugänglicher und noch attraktiver. Zeitgleich strebten die Banater Schwaben es an, das Leben ihrer Kinder zu verbessern, indem sie sie in die Stadt auf das Gymnasium und die Universität schickten. Eine bessere Ausbildung ihrer Kinder war für die Banater Schwaben wesentlich, da sie wünschten, dass ihre Kinder höhere Positionen und besser bezahlte Arbeitsplätze bekämen. Diese Entwicklung verstärkte die Zerstreuung des Haushalts und die Bemühungen, in die Stadt umzuziehen. In Sackelhausen wurde das deutsche Kulturleben wiederaufgenommen, indem Orchester wiedergegründet und die Kirchweih wieder abgehalten wurde. So dominierte das deutsche Kulturleben erneut das Leben der Gemeinde. Ein wichtiger Höhepunkt in der Kette der Ereignisse stellt die 200-Jahr-Feier am 10. Oktober 1965 dar. An diesem Datum wurde das 200-jährige Bestehen der deutschen Gemeinde gefeiert (Pitzer 1994, 151-153; Bleju?c? & Tomoiag? 2009, 123-124).

Die Kollektivierung in ganz Rumänien bewirkte eine Binnenmigration. Viele Rumänen kamen im Zeitraum von 1959 bis 1962 aus den Bezirken S?laj, Bihor und Bac?u nach Sackelhausen. In dieser Zeit verließen ca. 30 Familien ihre von der Kollektivierung bedrohten Haus- und Hofwirtschaften und flüchteten von ihren Wohnorten nach Sackelhausen, um dort im landwirtschaftlichen Staatsbetrieb oder in der Industrie in der Stadt Temeswar zu arbeiten (Bleju?c? & Tomoiag? 2009, 96). Betrachtet man den Zeitraum von 1951 bis 1966 in seiner Gesamtheit, so stellt man fest, dass dieser mit der Zwangsmigration in die B?r?gansteppe von möglichen politischen Gegnern begann und dann von der Kollektivierung in ganz Rumänien gefolgt wurde. Die darauf folgende massive interne Migration eines Teils der Dorfbevölkerung kann als eine ‚diskrete Form des Widerstands’ (siehe den Begriff ‚tagtäglicher Widerstand’ bei ?erban 2009, 4) gegen die von oben politisch aufgezwungenen Maßnahmen oder als ‚Eigensinn’ (siehe Begriff Eigensinn bei Lüdtke 1993, 136-154) interpreteiert werden. Letztendlich wandte sich der neue Lebensstil mit der Flucht aus der Landwirtschaft und der Aufnahme einer Arbeit in der städtischen Industrie (verbunden mit Pendeln) gegen das kommunistische Regime, denn, obwohl die kommunistische Propaganda die Industriearbeit förderte, wurde der neue Lebensstil als eine Form des diskreten Widerstands gegen das Regime zuerst von den Banater Schwaben und dann vom Rest der Bevölkerung benutzt. Die Menschen ließen die Kollektivierung ihres Besitzes zu, aber nicht die ihrer persönlichen Autonomie und Freiheit (?erban 2009, 4-7). Durch die persönliche Wahl ihres Lebensstils umgingen die Menschen das System, anstatt sich den ökonomischen Plänen der politischen Führung unterzuordnen. Was als Nachteil für die Banater Schwaben von Sackelhausen gedacht war, verwandelte sich mit der Zeit in einen Vorteil, da sie die ersten waren, die mit dem Pendeln in die Stadt anfingen und so auch als erste Netzwerke in die Stadt aufbauten. Die neue Mobilitätsform, das Pendeln, wurde mehr und mehr übernommen, da die Menschen darin einen ‚modernen Lebensstil’ sahen.

Das Hauptziel der sozialistischen Wirtschaftspolitik war die Modernisierung der einzelnen Wirtschaftszweige durch forcierte Industrialisierung. Der Schwerpunkt wurde auf die Schwerindustrie, vor allem Stahl- und Eisenindustrie, aber auch auf die Chemie- und Petrochemie-, Baustoff-, Maschinenbau-, Kraftfahrzeug- und Schiffsbau- sowie Textilindustrie gelegt, während Konsumgüter, Landwirtschaft und Wohnungsbau vernachlässigt wurden. Die Vernachlässigung der Konsumgüterindustrie führte zu beobachtbaren Versorgungslücken. Das Zusammenführen verschiedener Betriebe zu großen Industriekonglomeraten bewirkte eine Arbeitskräfteknappheit. In den 1970er Jahren führte die kontinuierliche Expansion des Industriesektors zudem zu einer Energieknappheit. Als Anfang der 70er Jahre Rumänien Mitglied des IWF wurde, verlegte sich der rumänische Staat darauf, die Weiterentwicklung seiner Industrie auf Kredit zu finanzieren. Aus diesem Grunde stieg die Auslandsverschuldung schnell an und erreichte Anfang der 80er Jahre bereits 10 Milliarden US-Dollar (Völkl 1995, 200-201, Chelcea & L??ea 2000, 183-186). Sowohl die Industrie als auch die Landwirtschaft litt am Arbeitskräftemangel. Doch war es einfacher, Arbeitskräfte zu finden, die bereit waren, in die Stadt zu ziehen oder zu pendeln, um in der Industrie zu arbeiten, als Arbeitskräfte für die Landwirtschaft zu gewinnen. Eine mögliche Lösung wurde in der Saisonarbeit gesehen. Hierbei wurden für die landwirtschaftliche Arbeit im Banat Arbeiter aus anderen Regionen Rumäniens, wie z. B. Oltenien, kontraktiert. Diese Arbeiter kamen zur Erntezeit ins Banat, da sie hier mehr verdienten als zu Hause in der Kollektivwirtschaft (siehe auch Schenk & Weber-Kellermann 1973, 70-71). Eine andere Maßnahme bestand darin, zu versuchen, den ruralen Exodus umzukehren, indem man die ländliche Bevölkerung, die in der Stadt arbeitete, dazu überreden wollte, zur landwirtschaftlichen Arbeit zurückzukehren. Auch übte man Druck auf die städtischen Betriebe aus, damit sie der ländlichen Bevölkerung keine Arbeitsplätze bot. Da diese Maßnahmen nicht fruchteten, zwang man die Industriearbeiter, die auf dem Land lebten, in ihrer Freizeit ein Stück Land für den Staat zu bebauen. Alle, die sich dieser neuen Maßnahme widersetzten, drohte man mit dem Arbeitsplatzverlust in der Stadt. In Sackelhausen setzte man diese Maßnahmen 1975 durch (Bleju?c? & Tomoiag? 2009, 86-87, Pitzer 1994, 152). Der Umzug in die Stadt wurde von vielen angestrebt, wurde aber mit der Zeit immer schwerer realisierbar. Meist bekamen nur die Pendler, die aus den weiter entfernten Dörfern in die Stadt kamen, den Stadtausweis, womit sie in die Stadt umziehen konnten (ab 1977 konnte man nur in die Stadt umziehen, wenn man einen Arbeitsplatz und einen Wohnsitz in der Stadt nachweisen konnte, siehe Rotariu & Poledna 1997, 166). Da sich Sackelhausen nur einen Steinwurf von Temeswar entfernt befand, galt es als anziehender Wohnort. Die Gemeinde Sackelhausen war modern im Vergleich zu dem allgemeinen Lebensstandard in anderen ländlichen Regionen Rumäniens. Elektrizität stand bereits seit 1961 zur Verfügung und die Gemeinde mit asphaltierten Hauptstraßen und sauberen Bürgersteigen vermittelte ein fast urbanes Gefühl. Das Leben in Sackelhausen war ein guter Kompromiss, weil es die Vorteile sowohl des ländlichen als auch die des städtischen Lebens vereinte. So konnte man Gärtnern, Tierzucht betreiben und hatte frische Luft, aber man lebte auch nur 20 Minuten von der Stadt entfernt, wohin man leicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gelangen konnte (Pitzer 1994, 151-152). Das Stadtleben zog dennoch auch die Bevölkerung von Sackelhausen an, die sich ein besseres Leben auf Grund der bestehenden städtischen Infrastruktur wie fließendes Wasser und verschiedene Einkaufs-, kulturelle und Bildungsmöglichkeiten versprach. So machte sich der ländliche Exodus auch in Sackelhausen bemerkbar. Da der Wohnungsbau in der Stadt zunahm, zog das zusätzlich die Landbevölkerung an. Das Stadtleben an sich war mit viel Prestige verbunden (bezüglich Bulgarien siehe Ditchev 2010, 21). Wie bereits bei der vorangegangenen Periode erwähnt wurde, bestand die gängige Familientaktik daraus, einen gemischten, zerstreuten Haushalt, der zwischen Stadt und Land aufgeteilt war, zu bilden, sodass man von den Vorteilen beider Lebensbereiche profitieren konnte.

In der Regionalgeschichte ist das Jahr 1966 entscheidend, da es den Zeitpunkt markiert, an dem der Baubeginn des Schweinemastbetriebs COMTIM im benachbarten Beregs?u Mare erfolgte. Dieser Schweinemastbetrieb wurde graduell erweitert und mit einem Schweinefleischverarbeitungsbetrieb versehen. Hinzu kam die Futterproduktion und eine Transporteinheit. Ende der 80er Jahre war die gesamte landwirtschaftliche Produktion in der Umgebung von COMTIM auf die Bedürfnisse dieses Betriebs ausgerichtet. Als COMTIM beständig wuchs, stieg damit auch der Arbeitskräftebedarf an. Es kam zu dem seltenen Fall eines ‚umgekehrten Pendelns’, d. h. Stadtbewohner pendelten zur Arbeit nach Beregs?u Mare, in ein Dorf. Im Anfang wurden die Gebäudekomplexe von Kontraktarbeitern aus den Regionen Maramuresch, Oltenien und der Moldau gebaut, die mit ihren Familien auf das Gelände von COMTIM zogen. Die Frauen arbeiteten dabei in den Schweineställen in der Schweineaufzucht. Aus diesem Grunde förderte der Aufbau des Schweinemastbetriebs COMTIM die Binnenmigration aus verschiedenen Regionen Rumäniens ins Banat. Der wachsende Arbeitskräftebedarf konnte nicht von der einheimischen Bevölkerung gedeckt werden, da im Banat die Banater Schwaben wie auch die Mehrheit der rumänischen Bevölkerung, die in ihrem Verhalten von den Banater Schwaben beeinflusst waren, in ihrer Familienpolitik das Ein-Kind- oder höchstens Zwei-Kind-System bevorzugten. Die Familien wünschten dabei, dass dieses Kind bzw. die beiden Kinder einen Arbeitsplatz in der Stadt findet bzw. finden und dort eine Ausbildung macht bzw. machen oder auf die Universität geht bzw. gehen (Pitzer 1994, 151-152, Bleju?c? & Tomoiag? 2009, 125-126). Das Schrumpfen der einheimischen Bevölkerung des Banats als auch die langsam sich vollziehende Emigration der Banater Schwaben ließ viel Raum für rumänische Siedler vor allem aus der Südmoldau, Nordostmoldau und den Ebenen um Jassy. Die Ankunft der rumänischen Siedler führte zu einem langsamen Anstieg des rumänischen Bevölkerungsanteils in Sackelhausen. Die verbliebenen Banater Schwaben wie auch die Rumänen, die gleich nach dem Zweiten Weltkrieg nach Sackelhausen gekommen waren, schauten auf die Neuankömmlinge als Eindringlinge herab und bezeichneten sie als ‚Herbeigelaufene’ (rum. ‚vinituri’) (ähnlich auch in einem anderen Banater Dorf siehe bei Checea & La?ea 2000, 87-97). Ende der 1970er Jahre wuchs das Gefühl der Entfremdung und die Ablehnung der bestehenden politischen und wirtschaftlichen Situation in Rumänien, wobei der Emigrationswunsch wuchs. Die Banater Schwaben fühlten sich nicht mehr wirklich zuhause im eigenen Dorf. Vielmehr hatten sie das Gefühl, dass sie sich nicht am richtigen Ort befanden. Als die Banater Schwaben von Sackelhausen nach Deutschland auswanderten, sammelten sie sich wieder in und um eine Gemeinde, nämlich Reutlingen, um dort eine neue Gemeinschaft zu bilden (Pitzer 1994, 209-210, Merkle 1995, 77-93).

Der Wunsch, sich mit schon vor längerer Zeit emigrierten Verwandten wiederzuvereinen, hatte seit dem Zweiten Weltkrieg ständig eine Rolle gespielt. Wie bereits erwähnt, waren die Familien derart zerstreut, dass sie die Wiedervereinigung mit dem Blick nach Westen verbanden. Ab 1966 kam es bis in die späten 70er Jahre immer wieder zu Familienwiedervereinigungen. Ab den 70er Jahren wuchs die Zahl der Anträge und in den folgenden zehn Jahren emigrierte eine große Zahl an Banater Schwaben, wobei 1977 und dann wieder 1983 jeweils ein Höhepunkt zu verzeichnen war (1970-1979 ungefähr 505 Personen, 1940-1979 insgesamt 1700 Banater Schwaben aus Sackelhausen; dies war die Hälfte der banatschwäbischen Bevölkerung Sackelhausens; 1977 lebten noch 1878 Banater Schwaben in Sackelhausen) (Merkle 1995, 73-76, Fett 1979, 170, Pitzer 1994, 153, 209). Die schrittweise Emigration der Banater Schwaben hatte zerstörerische Auswirkungen auf das Dorfleben, weil die Dorfsolidarität langsam untergraben wurde. Einige Jahre nach der Emigration war es den Banater Schwaben erlaubt, zurück nach Rumänien zu reisen und ihre Verwandte dort zu besuchen. Diese konstanten ‚zirkulären Besuche’ unterminierten das Dorfleben weiterhin, obwohl dieses sich langsam mehr und mehr modernisierte. Die Banater Schwaben in Deutschland aber erreichten in viel kürzerer Zeit einen höheren Lebenstandard als die in Rumänien verbliebenen. So entspann sich eine Familienrivalität über Grenzen und führte bei den Banater Schwaben in Rumänien zum Gefühl, dass sie nicht vorwärts kämen. Bestenfalls waren sie im Vergleich einfach nur unzufrieden mit ihren eigenen Fortschritten. Zwischen den ‚Verbliebenen’ und den Emigranten entwickelte sich eine Rivalität, die auf die rumänische Bevölkerung übergriff. Die Konsumgüter, die die Banater Schwaben nach Rumänien brachten, waren für die Rumänen ebenfalls begehrenswert. So entstand Neid auf Seiten der Rumänen gegenüber den Emigranten und den verbliebenen Banater Schwaben. Obwohl die Rivalitäten zwischen den banatschwäbischen Gruppen ausgetragen wurden, wurden die Rumänen in den Sog mit eingefangen, da sie diesem ‚Rivalitätskreis’ ausgesetzt waren. Meist konnte die rumänische Bevölkerung nur von den Banater Schwaben westliche Konsumgüter erhalten (siehe Checea & La?ea 2000, 205-207). Eingefangen in den Mahlstrom der Rivalität versuchten Rumänen irregulär die Grenze zu passieren, wie es viele Banater Schwaben auch machten (Pitzer 1994, 152, Interview M.R.). Ende der 70er Jahre fanden die Rumänen auch andere Wege, ihre Konsumbedürfnisse zu befriedigen (Chelcea & La?ea 2000, 192). Eine neue Form der Mobilität machte sich breit, sobald sich die Möglichkeit des Grenzhandels (rum. ‚micul trafic’) mit Jugoslawien eröffnete. Da sich Sackelhausen nicht innerhalb des 20-km-Grenzstreifens befand, war es äußerst wichtig, Freunde und Verwandte in diesem Gebiet zu haben. Die Menschen erwiesen sich als äußerst flexibel und verbrachten viel Zeit damit, Informationen darüber zu sammeln, wann und wo Busse aus Jugoslawien und Ungarn mit ‚Kleinhändler-Touristen’ nach Rumänien kämen (siehe Chelcea & La?ea 2000, 186-204). Chelcea & La?ea (2000, 188) sprechen sogar von einer ‚permanenten Mobilität’ auf der Suche nach Konsumgütern.

Die Kettenmigration der Banater Schwaben nach Reutlingen, die zuerst zwischen 1966 und den 1970er Jahren mit der Familienzusammenführung angefangen hatte, weitete sich Ende der 70er Jahre und zu Beginn der 80er Jahre zu einer ‚Migrationshysterie’ aus. Die Emigration der Banater Schwaben bewirkte eine Binnenmigration von Rumänen, die bereits vorher mobil geworden waren, als sie vor der Kollektivierung flohen oder wegen der Industrialisierung auf Arbeitsplatzsuche ihre Heimat verlassen hatten. Das Pendeln in die Stadt und in diesem speziellen Fall umgekehrtes Pendeln waren wünschenswerte Lebensstile. Doch der Umzug in die Stadt galt stets als am erstrebenswertesten und war mit hohem Prestige verbunden. Die Industrialisierung bewirkte eine wachsende Binnenmigration auf Kosten der Landwirtschaft. Dass die Konsumgüterproduktion vernachlässigt wurde, hatte negative Folgen für das Regime, weil die Unzufriedenheit der Bevölkerung sowohl zu regulärer und irregulärer Emigration als auch zu kontrollierter (mit Verträgen) aber auch zu unkontrollierter, spontaner Binnenmigration führte. Die Emigration als auch die spontane Binnenmigration können als ‚diskrete Widerstandsformen’ oder ‚Widerstandstaktiken’ gewertet werden, während irreguläre Grenzübertretung als eine ‚provozierende Widerstandsform’ angesehen werden kann.

1980-1989

Von 1980 bis 1989 beschleunigten sich die Prozesse, die vorher begonnen hatten. 1982 wurde ein Höhepunkt erreicht, an dem der rumänische Staat sich als insolvent deklarierte. In der Folge verlangte der IWF als Voraussetzung für die Veränderung der Kreditkonditionen eine strikte Finanz-, Wirtschafts- und politische Ordnung von der rumänischen Regierung. Ceau?escu begegnete diesen Forderungen mit einer restriktiven Autarkiepolitik und entschloss sich dazu, alle Kredite so schnell wie möglich zurück zu bezahlen. Die Rückzahlung wurde durch radikale wirtschaftliche Maßnahmen und durch das Opfern des Konsums finanziert (Völkl 1995, 201-204). Während in ganz Rumänien diese Politik zu einer konstanten Versorgungskrise und zu einer Rationalisierung der Lebensmittel führte, spürte man in der Umgebung von Sackelhausen und Beregs?u Mare wegen COMTIM die Lebensmittelkrise weniger stark (Boldureanu 1996, 8).

Die Emigration der ethnisch deutschen Bevölkerung wurde zu einem lukrativen Geschäft, um die Schulden des rumänischen Staates zurück zu zahlen. 1977 waren der deutsche Kanzeler Helmut Schmidt und der rumänische Präsident überein gekommen, eine bestimmte Summe (zuerst 5000 DM) für jeden deutschen Emigranten zu zahlen (Senz 1987, 251). Ab 1978 wurde 12 000 Deutschen jährlich erlaubt zu emigrieren (Völkl 1995, 242, Meinhardt 2010). Neben diesen offziellen Zahlungen mussten diejenigen, die emigrieren wollten, Tausende von Mark privat bezahlen, um ihre Emigrationspapiere zu bekommen. Nahe Verwandte sammelten diese Summen von Verwandten und nahen Freunden ein, sodass die Emigrierten nach der Ankunft in Deutschland zuerst ihre Schulden zurück zahlen mussten (Interview M.R.). Obwohl die Summen von 5000 auf 10 000 Mark anstiegen, wuchs die Zahl der deutschen Emigranten und erreichte einen Höhepunkt 1983, dem Jahr der ersten ‚Migrationshysterie’. In diesem Jahr verließen 375 Personen Sackelhausen (Pitzer 1994, 153-155), sodass die Worte des lokalen Priesters in seiner Andacht am 31.12.1982 wahr wurden: „... und das Wandern hat uns alle ergriffen ...“ (Pitzer 1994, 154). Im Jahre 1988 hatten 93,4 % der Banater Schwaben Sackelhausen verlassen und sich in Deutschland niedergelassen. So lebten laut Pitzer (1994, 155) im Jahre 1993 ungefähr 46,6 % der Banater Schwaben aus Sackelhausen (1234 Personen) in und um Reutlingen. In den USA und Österreich nutzten die Banater Schwaben aus Sackelhausen ihr Familiennetzwerk und ließen sich dort nieder, wo bereits ehemalige Bewohner von Sackelhausen lebten (St. Louis in Missouri und Oberösterreich, wohin sich ein Teil der Banater Schwaben 1944 in ein Flüchtlingslager gerettet hatte) (Merkle 1995, 88-93).

Die ethnische Emigration, die forcierte Industrialisierung und die Ausweitung des Tierkollektivbetriebs COMTIM hätten einen Arbeitskräftemangel in der Industrie und der Landwirtschaft verursacht, wäre man diesem nicht durch die Rekrutierung von Binnenmigranten aus der Südmoldau, Nordostmoldau und aus der Ebene um Jassy begegnet. Das Bürgermeisteramt und die IAS- und CAP-Führung ernannten vertrauenswürdige Arbeiter und sandten sie in diese Regionen, damit sie mehr Arbeiter rekrutierten (Pitzer 1994, 166). Eine weitere Möglichkeit bestand darin, durch Eigeninitiative Personen aus dem eigenen Freundes- und Verwandtschaftskreis zu empfehlen (Interview M.R.). Zu der Zeit gab es kein Wohnproblem und Binnenmigranten konnten sich aus den frei werdenden Häusern sogar eins aussuchen.

In den 80er Jahren löste die Auswanderung der Banater Schwaben große Störungen im Dorfleben aus. Durch das Zusammenkommen der meisten Banater Schwaben an einem Ort, erschienen die Familien weniger zerstreut. Die Banater Schwaben konnten aber nicht ganz ihren vorherigen Lebensstil wiederherstellen. Aus diesem Grunde existierte - und für die ältere Generation existiert sie noch – eine permanente Nostalgie nach dem Dorfleben in Sackelhausen, obwohl jeder sich dessen bewusst ist, dass es nie wieder so wie zuvor sein kann. In Deutschland bauten sich die Banater Schwaben neue soziale Netzwerke an ihrem Arbeitsplatz auf und entfernten sich mehr und mehr von ihrer Vergangenheit. Ihre Beziehungen zu den Banater Schwaben, die in Sackelhausen geblieben waren, und zu der rumänischen Bevölkerung in Sackelhausen wurde von der Zur-Schau-Stellung des in Deutschland in den 80er Jahren Erreichten geprägt. Es entstand eine Rivalität und Neid zwischen diesen drei Gruppen. Wie bereits erwähnt, akzeptierten die Rumänen diese Herausforderung und versuchten von dieser Zur-Schau-Stellung der erworbenen Konsumgüter zu profitieren. Solange die Rumänen nicht frei ins Ausland reisen konnten, waren die Besuche der Banater Schwaben die beste Möglichkeit, von der Freundschaft mit ihren früheren schwäbischen Nachbarn, Schulfreunden, Arbeitskollegen und Freunden zu profitieren. Obwohl die Banater Schwaben immer als großzügige Geber angesehen wurden, mussten sie es zu einem gewissen Grad auch sein. Die Banater Schwaben konnten die anderen Banater Schwaben und Rumänen in Sackelhausen nur dann von ihrem Erfolg überzeugen, wenn sie bei ihren Besuchen großzügig waren. In den 1980er Jahren waren die Informationen über das ‚wirkliche Leben’ in Deutschland noch gering und den Rumänen wurde es erst nach 1989 möglich, zu reisen und sich selbst davon zu überzeugen, wie viele Illusionen und Phantasien sie über das Leben in der EU gehegt hatten. Außerdem muss man diese Beziehung als eine voneinander abhängige sehen: Die emigrierten Banater Schwaben brauchten die Bewunderung der Rumänen und Banater Schwaben, die zurück geblieben waren, um ihr Gefühl der Nostalgie zu kompensieren. Die Banater Schwaben in Rumänien brauchten einerseits die finanzielle Hilfe von ihren Verwandten in Deutschland, um zu emigrieren, und andererseits die deutschen Konsumgüter, um sich selbst als modern, gut informiert und auf dem neuesten Stand zu präsentieren. Auf diesem Wege konnten sie Prestige und soziales Kapital in Sackelhausen gewinnen. Die Rumänen ihrerseits versuchten die Besuche zu den Deutschen zu ihrem Vorteil zu gestalten, da diese eine wichtige Quelle waren, um an Informationen und Konsumgüter zu gelangen (Konsum als Widerstandsform siehe bei Kideckel 2008, 137). Der Zugang zu ungarischen und jugoslawischen Fernsehprogrammen, der kleine Grenzverkehr, zerstreute Haushalte, Binnenmigration auf Grund von Arbeit und/oder Pendeln waren verschiedene Familientaktiken, die vor 1989 ausprobiert wurden. Eine Kombination von so vielen wie möglichen Taktiken sicherte mehr Erfolg und ein sicheres Leben.

Schlussfolgernd lässt sich sagen, dass das Zusammenspiel der noch nicht emigrierten Banater Schwaben, der emigrierten Banater Schwaben und der Rumänen eine spezielle Atmosphäre der Rivalität und des Neids verbunden mit dem Migrationswunsch hervorbrachte, die sich bei den Banater Schwaben so auswirkte, dass um 1983 eine Migrationshysterie entstand. Die Emigration und die wiederholten Besuche der Emigrierten trugen mit zu einer Unzufriedenheit mit der ökonomischen und politischen Situation bei. Im Alltag wählte jeder Einzelne seinen eigenen Lebensstil mit Pendeln und/oder einem zerstreuten Haushalt, selbst wenn die politische Ordnung einen anderen Lebensstil aufzuoktroieren versuchte. Da der Lebensstil, die Werte und das Verhalten stark von der Emigration der Banater Schwaben beeinflusst wurden, scheint es in diesem Fall berechtigt zu sein, die oben beschriebenen Veränderungen mit dem Begriff der ‚Migrationskultur’ (Massey et al. 2008, 47-48) zu belegen.

1989-1993

Das Jahr 1989 kann zu Recht als ein Meilenstein in der rumänischen Geschichte angesehen werden, da die in diesem Jahr erfolgten Veränderungen alle Bereiche erfassten. Erstens veränderte sich das politische System radikal. Das monopolistische System mit einer Planwirtschaft, den Produktionsmitteln in staatlichen Händen und einer zentral geregelten Ressourcenallokation verwandelte sich schrittweise in ein wirtschaftliches System mit privater Marktwirtschaft und internationalem Wettbewerb. Zweitens wurde das paternalistische Sozialsystem mit sozialer Wohlfahrt, Sicherheit und garantierten Arbeitsplätzen von einem System ersetzt, das auf Eigeninitiative, sozialer Unsicherheit, drohender Arbeitslosigkeit und sozialer Ungleichheit fußt. Die Antwort der rumänischen Bevölkerung auf diese Veränderungen war unterschiedlich und ‚unorganisiert’: manche entschieden sich dafür, mit dem neuen System zu kämpfen, um sich darin zu bewähren, andere sahen die Zeit dafür gekommen, regulär zu emigrieren, wie manche Mitglieder von ethnischen Minderheiten, oder irregulär Rumänien zu verlassen, wie die meisten der rumänischen Migranten. Die Bewegungsfreiheit führte sowohl zu Binnen- als auch externer Migration. Folglich emigrierten rumänische Staatsbürger deutscher und ungarischer ethnischer Herkunft in ihre ‚Vaterländer’. Eine andere Gruppe von Rumänen nutzte die Möglichkeit der Bewegungsfreiheit in großer Zahl (ungefähr 263 000 zwischen 1990 und 1995) dazu, in Deutschland, Belgien oder Frankreich Asyl zu beantragen (Horváth & Anghel 2009, 388 und 390). In Sackelhausen verließen nur wenige Rumänen gleich nach 1989 die Gemeinde, obwohl sie von der so genannten deutschen Migrationshysterie ‚infiziert’ worden waren. Diejenigen, die gingen, waren eine kleine Gruppe an Leuten, die bereits vor 1989 gegen das politische System gewesen waren und bereits den Entschluss gefasst hatten, bei der erstbesten Gelegenheit zu gehen. Nun bestand die reale Möglichkeit, diesen Vorsatz umzusetzen.

Was die Binnenmigration betrifft, nutzten nach der Aufhebung der relativ strikten Um- und Zuzugsreglements vor 1989 viele Leute, vor allem aus der Region Moldau, die neu gewonnene Bewegungsfreiheit und migrierten ins Banat (Lazaroiu 1998, 45). Die Binnenmigration erreichte 1990 einen Höhepunkt (Rotariu & Poledna 1997, 166).

Im Zeitraum von 1989 bis 1993 lässt sich in Sackelhausen ein letztes Ansteigen der Emigrationsrate der Banater Schwaben beobachten. So emigrierten 1990 nochmals 110 Schwaben nach Deutschland (Merkle 1995, 76), von denen die meisten nicht genügend Geld gehabt hatten, um für die Ausreisepapiere zu bezahlen. Nach dieser letzten Emigrationswelle lebten noch ungefähr 40 Banater Schwaben in Sackelhausen. Auf Grund ihrer familiären Bindung zu Nicht-Schwaben wollten diese meist nicht auswandern (Merkle 1995, 73).

In den 90er Jahren, vor allem aber in den ersten Jahren nach 1989, herrschte in Rumänien das Gefühl vor, dass man ein Nachholbedürfnis in Sachen Konsum hat. Der Systemwandel ging mit einer starken Medienpräsenz einher, die die Bedürfnisse und Wünsche noch steigerte. Ihrer Befriedigung wurde mit Kleinhandel begegnet. Das Gefühl der Regellosigkeit ließ alles möglich erscheinen. Reisefieber lag in der Luft. Die neu gewonnene Bewegungsfreiheit erlaubte fast unkontrollierte Bewegung in den ersten Jahren (siehe auch Kideckel 2008, 9-10).

Ein weiteres wichtiges Kapitel in diesem Zeitraum ist der Beginn der Landreform 1991. Das Gesetz über die landwirtschaftlichen Flächen stellte die Besitzinteressen so wieder her, wie sie vor der Kollektivierung gewesen waren (Cartwright 2000, 1-2). Als Konsequenz hieraus begannen viele Leute wieder, die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen zu bewirtschaften und nach den ersten Schließungen von Staatsbetrieben in den Städten migrierten viele Arbeitslose von der Stadt zurück ins Dorf. Die Arbeit als Bauer war eine Alternative zu Arbeitslosigkeit oder Kleinhandel wie Grenzhandel oder das Eröffnen eines Verkaufsstandes (rum. ‚butic’).

Die Bevölkerung von Sackelhausen bediente sich aller dieser Überlebenstaktiken. Da Mobilität für sie nichts Neues war (siehe Binnenmigration, Pendeln, Grenzhandel) (zur Bedeutung der Erfahrung des Pendelns für das Migrieren siehe auch Sandu et al. 2004, 23), passten sie sich schnell an das neue System an. Da der größte Arbeitgeber der Schweinemast und Schweinefleischverarbeitung COMTIM in der Gegend bis Ende der 90er Jahre funktionierte, wurde die Mehrheit der Bewohner von Sackelhausen erst spät arbeitslos. Die Pendler in die Stadt konnten bei Arbeitslosigkeit zur Landwirtschaft zurückkehren oder sich mit Kleinhandel in Ungarn, der Türkei oder in Jugoslawien (trotz des Embargos, das Jugoslawien zu Beginn der 90er Jahre auferlegt wurde) beschäftigen (siehe auch Chelcea & La?ea 2000, 203). Die beste Überlebenstaktik war eine Kombination von allem: Die Frauen handelten über kürzere Distanzen und die Männer gingen weiter und zu gefährlicheren Plätzen. Bei diesen Gelegenheiten bildeten die Frauen Fahrgemeinschaften. Ebenso wurden an Wochenenden die öffentlichen Verkehrsmittel für Tagesreisen ins Ausland genutzt. Mit der Zeit entstanden Transportunternehmen (wie z. B. Daniels in Temeswar), die ‚Touristenreisen’ bis nach Polen und der Tschechischen Republik anboten. Diese Touristenreisen waren nichts Neues für die Bevölkerung im Grenzgebiet. Der Unterschied zu den Touristenreisen vor 1989 bestand darin, dass jetzt eine viel größere Anzahl von Menschen von diesen Möglichkeiten, Geld zu verdienen, profitierten. Manche, vor allem Männer, gaben ihren Arbeitsplatz auf, um ‚bijni?ar’, professioneller Kleinhändler, zu werden (Chelcea & La?ea 2000, 203).

Nach 1989 konnten Verbindungen zu den Banater Schwaben vorteilhaft genutzt werden, vor allem dann, wenn diese zu Besuchen in die alte Heimat kamen, Geld und Konsumgüter als Geschenk oder Hilfsgüter brachten (kleine Pakete mit Lebensmitteln oder Second-hand-Kleidern). In den 1990er Jahren organisierten die Banater Schwaben Busreisen an den Kirchweihtagen nach Sackelhausen oder Pilgerfahrten zu der Kirche nach Radna an Maria Himmelfahrt (15. August).

Im Zeitraum von 1989 bis 1993 war ein stetes Herumwandern und eine konstante Bewegung über kurze und längere Entfernungen innerhalb Rumäniens als auch über die Grenze zu beobachten. In diesem Zeitraum entstanden verschiedene Varianten an Migration und die rumänische Bevölkerung geriet in eine fortwährende, unkontrollierte Bewegung. Ethnische Rumänen konnten nicht wie die Deutschen oder Ungarn auf Grund von ethnischen Kriterien emigrieren, sondern mussten verschiedene Möglichkeiten suchen, durch die sie ihre Wünsche und Bedürfnisse befriedigen konnten. Außer einer steigenden Zahl Asylsuchender emigriereten effektiv nur wenige Personen auf Grund dessen, weil sie genug von Rumänien hatten. Die Anderen hofften auf eine Verbesserung ihrer Lebenssituation in Rumänien, da Bewegungsfreiheit und Demokratie die lang ersehnten Dinge möglich zu machen schienen. Die Bewegungen im Land und nach außen wurden vom Staat weder kontrolliert, noch waren sie außer den Touristenreisen sehr organisiert. Individuelle Planung herrschte auf einer informellen Basis vor.

1994-1996

Im Zeitraum von 1994 bis1996 setzten die EU-Staaten eine strengere Einreisepolitik durch, um die Periode der ‚unkontrollierten’ Migration zu beenden. In der Folgezeit war die Höhe der Migration Richtung Westen geringer. Die kurzzeitige Arbeitsmigration stieg in dieser Periode dennoch an und richtete sich auf die Länder Ungarn, Türkei und Israel (Horváth & Anghel 2009, 388). Diese Migrationstaktik wurde vor allem für ehemalige Pendler wichtig. Wie Sandu (2005, 570) schreibt, wurden in dieser Periode viele Staatsbetriebe geschlossen, sodass die Zahl der Pendler abnahm. In der Region Banat gab es wenige Veränderungen in dieser Periode. Während Staatsbetriebe schlossen, öffneten ausländische Firmen Filialen in Temeswar. Das Pendeln in die Stadt war immer noch beliebt und wurde von Teilen der Dorfbevölkerung angestrebt. Außerdem kehrten immer noch Menschen nach der Landrückgabe von der Stadt ins Dorf zurück, um als Selbstversorger in der Landwirtschaft zu arbeiten. Nach 1989 war es endlich möglich geworden, sich in der Stadt ohne staatliche Einschränkungen eine Wohnung zu kaufen oder ein Haus zu bauen. Manche Familien machten von dieser Möglichkeit Gebrauch und wählten die Lebensform des ‚zerstreuten Haushalts’ (engl. ‚dispersed household’). Im Falle der Gemeinde Sackelhausen änderte sich nicht viel an der Lebenslage des größten Teils der Bevölkerung, bis in den späten 90er Jahren der Großbetrieb für Schweinemast und Schweinefleischverarbeitung COMTIM schrittweise geschlossen wurde. Der Bevölkerung ging es gut und sie hatte Arbeit, weil der Schweinefleischverbrauch nach 1989 wuchs. Da COMTIM in ganz Rumänien bekannt war, kamen Leute aus ganz Rumänien nach Temeswar und es entstanden lange Schlangen vor den Läden, in denen die COMTIM-Produkte verkauft wurden. In den 90er Jahren wurde es durch die Privatisierung der landwirtschaftlichen Flächen immer schwieriger alle COMTIM-Einheiten zu versorgen, da diese von der landwirtschaftlichen Produktion in der Umgebung abhängig waren. Die in die Landwirtschaft zurückgekehrten Familien produzierten auf kleinen 0,5- bis 2-ha-Flächen meist nur für den Eigenbedarf mit einer geringen Überproduktion, die für den Betrieb COMTIM zu gering war. COMTIM kaufte daher im Ausland (vor allem Ungarn) das Mastfutter, sodass die Produktionskosten stiegen. Diese Entwicklung trug mit zum Ende von COMTIM bei. Mit der Zeit wurden die einzelnen Betriebseinheiten Stück für Stück verkauft und die nun arbeitslosen Arbeiter mussten nach einem neuen Einkommen suchen. Manche hatten in eine Geschäftsidee investiert und plötzlich fehlten ihnen die Finanzmittel, um ihren Kleinbetrieb liquide zu halten. Es bestand die Gefahr, dass sie Insolvenz anmelden mussten, sollten sie keine Veränderung ihrer Finanzlage erreichen. Viele der arbeitslos gewordenen Arbeiter entschieden sich für die irreguläre Migration in ein EU-Land, um ihre Finanzprobleme zu lösen. Grenzhandel (rum. ‚micul trafic’), professioneller Handel (rum. ‚bijni?’) über längere Distanzen, das Brechen des Embargos und Landwirtschaft waren Alternativen, die allerdings nicht zukunftsträchtig schienen. Viele Arbeiter waren es gewohnt, beim Staat einen sicheren Arbeitsplatz zu haben. Da aber die rumänischen Staatsbetriebe schlossen, orientierten sich viele Menschen Richtung Ausland. In dieser Periode hatte der rumänische Staat allerdings noch keine klare Migrationspolitik und die EU-Grenzen wurden strikt kontrolliert. Aus diesen Gründen wuchs die irreguläre Migration aus Rumänien.

1997-2001

Die irreguläre Migration wuchs zwischen 1997 und 2001 an. Als die rumänische Arbeitslosenquote anstieg und es vielen Rumänen nicht gelang, sich mit ihrer Arbeit in der Landwirtschaft einen dezenten Lebensstandard zu verschaffen, wurde nach neuen Erwerbswegen gesucht. Diese wurden im Ausland in EU-Ländern wie Italien, Spanien, Irland und Großbritannien gesehen. Am Anfang war es mehr eine Frage des Überlebens als der Wunsch, sich im Ausland niederzulassen. Da man zu diesem Zeitpunkt noch ein Schengenvisum brauchte, um in den EU-Raum einreisen zu dürfen, wurde die Beschaffung eines Schengenvisums ein wesentlicher Schritt zum Ziel. Mit diesem Visum konnte man sich drei Monate lang legal in den EU-Ländern aufhalten, dann nach Rumänien zurückkehren und nach drei Monaten erneut in den Schengenraum einreisen. Aus diesem Grund wurde zirkuläre oder Rotationsmigration zu einem alternativen Lebensstil, der von den Migranten ein hohes Maß an Mobilität erforderte. In Sackelhausen war dies vor allem bei Frauen der Fall, die für ältere und/oder pflegebedürftige Menschen in Deutschland sorgten. Dabei teilten sich zwei Frauen einen Arbeitsplatz bei einer deutschen Familie und wechseln sich dabei ab, in Deutschland zu arbeiten. In den Fällen, in denen kein Schengen-Visum besorgt werden konnte, musste der Grenzübertritt irregulär erfolgen, indem auf Wege des Menschenschmuggels und -handels rekurriert wurde. Diese irregulären Wege des Grenzübertritts nahmen ihren Anfang in Rumänien, aber Rumänien diente oft auch als Transitland. Nichtsdestotrotz blieb oft der Aufenthalt oder die Beschäftigung in den EU-Ländern irregulär. Ab 1999 wurden Versuche gestartet, die Migrationsströme zu regulieren, indem die rumänische Regierung mit EU-Staaten (zuerst Spanien und Deutschland) Arbeitsverträge abschloss (Horváth & Anghel 2009, 388-389). Dumitru, Diminescu und Lazea (2004, 53) weisen darauf hin, dass erst 1999 Rumänien und Deutschland erstmals ein Abkommen über 18 000 Saisonarbeiter unterzeichneten, die jedes Jahr nach Deutschland gehen sollten. Einige Arbeiter in Sackelhausen hatten das Glück, dass sie einen Arbeitsvertrag für Deutschland bekamen, um in der Fleischverarbeitungsindustrie oder als Lkw-Fahrer zu arbeiten. Diese Art der formellen Migration war eher die Ausnahme als die Regel, aber wenn ein ehemaliger COMTIM-Arbeiter einen solchen Arbeitsvertrag ergatterte, half er auch seinen früheren Kollegen dabei, auf die Liste der Vertragsarbeiter zu kommen. Auf diese Weise halfen frühere Arbeitskollegen einander, um einen Arbeitsplatz im Ausland zu erhalten. Dennoch war die Migration in die EU-Länder und die Anwerbung in diesem Zeitraum meist informell.

Wie bereits früher erwähnt war in Sackelhausen die schrittweise Schließung der Schweinemast- und Verarbeitungsindustrie seit Mitte der 90er Jahre bis 1998 der Grund für die internationale Migration eines Teils der Bevölkerung. Als Ende der 90er Jahre dieses zirkuläre System zusammenbrach, suchten Pioniere Mittel und Wege, um nach Spanien, Griechenland, Deutschland und Italien zu gelangen, wo – wie es schien – leicht Arbeit zu finden war. Im Vorteil waren diejenigen, denen die Möglichkeit zur Verfügung stand, eine Einladung von einem EU-Bürger zu bekommen. Da viele Familien, die zwischen 1944 und den 60er Jahren nach Sackelhausen gezogen waren, weiterhin Kontakt zu ihren früheren banatschwäbischen Nachbarn hatten, konnten sie von dem vertrauensvollen Verhältnis, das zwischen ihnen herrschte, profitieren. Man konnte folglich bei einem solchen ehemaligen Nachbarn um eine Einladung anfragen. Diese Pioniere vermittelten in der Folgezeit Schengenvisa auch für ihre Bekannten und Freunde (Interview P.W., ähnlich im Falle der Roma in Siebenbürgen siehe Sandu 2005, 570-571). In den Fällen, in denen die Menschen später nach Sackelhausen gezogen waren, d. h. in den 70ern oder gar in den 80ern, mussten sie Fluchthelfer (rum. ‚c?l?uz?’) bezahlen, um irregulär über die Grenze zu gelangen, so wie es viele Banater Schwaben vor 1989 gemacht hatten. Was die Familienstruktur angeht, bewirkte die internationale Migration eine Erweiterung der Familienverbindungen. Auf Grund der Migration eines Familienmitglieds kam es dazu, dass die Familie sich über eine weite Distanz verteilte. Gleichtzeitig kann beobachtet werden, dass der gemischte zerstreute Haushalt, der vorher entstanden war, als ein Teil der Familie vom Dorf in die Stadt zog, im Raum expandierte.

Von 1997 bis 2001 war die internationale Migration aus Rumänien meist irregulär, weil die EU-Migrationspolitik sehr strikt war. Dennoch fanden die Menschen Wege, um in die EU zu gelangen. Diese Pioniere sammelten Informationen, bauten soziale Netzwerke auf und nach Monaten oder Jahren der Irregularität legalisierten sie ihren Status im Migrationsland. In Rumänien hielt sich die Bevölkerung an die erprobten Überlebenstaktiken: Pendeln, zerstreute Haushalte, Grenzverkehr und professioneller Handel. Alle diese Formen des Auskommens setzten ein gewisses Maß an Mobilität voraus.

2002-2007

Im Zeitraum 2002 bis 2007 spielte die Bestrebung Rumäniens, in die EU aufgenommen zu werden, eine große Rolle. Beginnend mit dem Jahr 2002 mussten die rumänischen Staatsbürger nicht mehr über EU-Visa verfügen, um in die meisten Länder der EU einreisen zu können. Folglich reduzierten sich die Kosten und Risiken der Emigration gehörig und die Zahl der Migranten vergrößerte sich (Horváth & Anghel 2009, 389). In diesem Zeitraum fand eine ‚Migrationsexplosion’ in Sackelhausen statt, die derjenigen der banatschwäbischen Migrationshysterie glich. Sie führte dazu, dass ca. 9,4 % der Dorfbevölkerung (d. h. mindestens 330 Personen im Jahr 2006 migrierten (eigene Schätzung). Hauptzielländer der externen zirkulären Migranten aus dem ländlichen Banat waren nach Sandu (2005, 563) Deutschland (32 %), Spanien (11 %), Frankreich und Italien (jeweils 7 %). Statistische Daten der Zielländer ergeben, dass 2008 1,75 Mio. rumänische Migranten offiziell in Italien und Spanien lebten. Diesen offiziellen Daten sollte noch die geschätzte Zahl von ungefähr 350 000 irreguläre Migranten hinzugefügt werden. Insgesamt ergäbe dies ein Minimum von 2,1 Mio. allein für die beiden Länder Italien und Spanien. Einige Berechungen lassen die Schlussfolgerung zu, dass circa 2,8 Mio. Migranten in verschiedenen europäischen Ländern leben und eine Zahl von ca. 3,25 Mio. Rumänen insgesamt im Ausland lebt und arbeitet (weitere Details siehe Augustin Abraham und Ionela ?ufaru 2009).


Zusammenfassung

Migration ist kein neues Phänomen in Rumänien. Es sollte als eine Lebensweise gesehen werden, die Menschen in bestimmten Zeiten praktizieren (Lucassen & Lucassen 1999). Die diachrone Betrachtung der Migrationsperioden erbrachte wertvolle Ergebnisse über die Charakterisierung der verschiedenen Migrationsperioden in dieser Fallstudie. Bei der Betrachtung der räumlichen Dimension der rumänischen Migration können Binnen- und Außenmigration festgehalten werden. Im vorliegenden Fall konnten in Sackelhausen zwei Arten der Binnenmigration festgestellt werden: erstens weiträumige Migration vom östlichen in den westlichen Teil Rumäniens. Beispiele hierfür wären die Flüchtlinge aus Bessarabien, der Nordbukowina und der Süddobrudscha wie auch die Flüchtlinge, die vor der Hungersnot flüchteten. Außerdem die Ardeleni, die zwischen 1945 und 1947 ins Banat kamen, die Saisonarbeiter aus Oltenien seit den 1950er Jahren, den Arbeitsmigranten, die vor der Kollektivierung ihres Landbesitzes zwischen 1959 und 1962 flohen, den Kontraktarbeitern aus verschiedenen Teilen der Moldau in den 1970er und 1980er Jahren und den Rückkehrern, die 1951 zwangsweise in die B?r?gansteppe transportiert worden waren. Auf der anderen Seite existiert eine kleinräumige Binnenmigration wie im Falle des Pendelns und des umgekehrten Pendelns und nach 1991 der Rückkehr in die Dörfer zur landwirtschaftlichen Arbeit. In Rumänien existiert auch externe Migration in Form von klein- und großräumigen Bewegungen. Großräumige externe Migration schließt die Flucht der Banater Schwaben während des Krieges und ihre Rückkehr, die Zwangsmigration in die UdSSR, die Emigration der Banater Schwaben vor allem seit den 70er Jahren, die irregulären Grenzübertritte vor und nach 1989 und die Arbeitsmigration der rumänischen Bevölkerung nach 1989 ein. Der professionelle Kleinhandel (rum. ‚bijni?’) über die Grenze zu Jugoslawien bzw. Serbien, der gelegentliche Grenzhandel (rum. ‚micul trafic’) und die touristischen Reisen mit u. a. dem Ziel des Kleinhandels sollten als kleinräumige externe Migration angesehen werden.

Stellt man den Aspekt Zeit in den Mittelpunkt der Betrachtung, so unterscheidet Pries (2001) das Umherwandern von der Saisonarbeit und die Rotations- bzw. zirkuläre Migration von der Emigration. Da die Mobilität der Menschen in den sozialistischen Zeiten ziemlich eingeschränkt und kontrolliert wurde, hing die Binnenmigration meist von Arbeitsverträgen ab, wie im Falle der Saisonarbeiter aus Oltenien, die seit den 50er Jahren ins Banat kamen oder der Binnenmigranten wie den Bauarbeitern, die den COMTIM-Gebäudekomplex in den 1960er Jahren errichteten. Saisonarbeit außerhalb von Rumänien wurde erst nach 1989 möglich. Seit den Abkommen zwischen verschiedenen EU-Staaten und Rumänien 1999 sind die Rumänen hauptsächlich nach Deutschland, Spanien und später Italien zur Saisonarbeit gegangen. Rotations- oder zirkuläre Migration entstand meist nach 1989. In Rumänien lässt sich externe Langzeitmigration vor und nach 1989 nachweisen. Emigration ist im Banat vor 1989 mit den Banater Schwaben verbunden, die das Land entweder regulär, in den 70er und 80er Jahren dafür zahlend, verließen, oder irregulär, indem sie die Grenze irregulär überschritten. Seit der Explosion der internationalen Migration nach 2002 kann die rumänische Arbeitsmigration mehr und mehr als eine Emigration angesehen werden, da die Rumänen sich langsam in ihren Zielländern integrieren, ihre Kinder dort zur Schule schicken und ihre Kontakte zur lokalen Bevölkerung vermehren. In den 90er Jahren war die Emigration in die USA und nach Kanada sehr stark.

Wenn man diese Fallstudie als Ausgangspunkt nimmt, so kann man festhalten, dass die Binnenmigration ins Banat aus der Süddobrudscha (1940), aus Bessarabien und der Nordbukowina (1940), aus den Westkarpaten (1945), aus der Moldau und der Dobrudscha (1946/1947), aus Oltenien (seit den 50er Jahren), aus den Kreisen S?laj, Bihor und Bac?u (1959-1962), aus der B?r?gansteppe (1951-1956), aus der Maramuresch, aus Oltenien und der Moldau (1966-70er Jahre) und aus der Südmoldau, der Nordostmoldau und der Jassyebene (70er und 80er Jahre) erfolgte. Das Banat war somit ein Ziel aber auch ein Ausgangspunkt für Migration. So emigrierten die Banater Schwaben aus dem Banat ins Ausland. Die Banater Region kann auch als Zwischenstation für Binnenmigranten gesehen werden, die Rumänien vor und nach 1989 (ir)regulär verließen. Innerhalb Rumäniens war das Banat, neben Bra?ov, Bukarest und Constan?a, immer als ‚zentraler Ort’ (gem. Christallers System zentraler Orte) angesehen worden und deshalb strebten viele Rumänen danach, hierher zu kommen (detaillierte Daten über die Ost-West-Wanderung innerhalb Rumäniens siehe bei Rotariu & Poledna 1997, 169-173). Außerdem bewirkte die Abwanderung in die Städte eine Veralterung der ländlichen Bevölkerung (Rotariu & Poledna 1997, 174-177).

Betrachtet man die Migrationsziele in dieser Fallstudie, so ist festzustellen, dass Binnen- und externe Migration eine Überlebenstaktik war, als z. B. die Banater Schwaben, die Bessarabier und Nordbukowiner vor der anrückenden sowjetischen Armee flohen oder als die ländliche Bevölkerung vor der Dürre 1946/1947 floh. Andere Beispiele wären die ‚ardeleni’ 1945, die Rumänen, die vor der Kollektivierung ihres Landbesitzes flohen und viele weitere Rumänen nach 1989. Rotariu und Poledna (1997, 168) sehen die Binnenmigration, vor allem im Zuge der Industrialisierung, als eine spezifische Politik des sozialistischen Staates an, die das Ziel der Bevölkerungshomogenisierung durch Entwurzelung eines Teils derselben zu erreichen versuchte. Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass sich Arbeitsmigration innerhalb Rumäniens spontan, aber auch kontrolliert vollzog. Durch die Arbeitsverträge wurden die Arbeiter über ganz Rumänien verstreut, wie es der Fall war mit den Saisonarbeitern aus Oltenien oder den Bauarbeitern in den 60er Jahren. In den 80er Jahren wurden manche auch durch Versprechungen dazu bewogen, ihre Herkunftsregion zu verlassen. Andere wiederum suchten spontan aus dem Wunsch heraus, ihren Lebensstandard zu verbessern, nach Ausbildungsplätzen in Berufsschulen oder nach einem Arbeitsplatz in der Industrie. Meiner Meinung nach gab es in sozialistischen Zeiten auch den Raum, entweder zu wählen oder sich gegen das System in einer diskreten Weise zu stellen.

Abschließend möchte ich nochmals die wichigsten Charakteristika der rumänischen Migration herausstellen. Bezug nehmend auf Horváth & Anghel (2009, 386-387) sind die wichigsten Punkte für den Zeitraum vor 1989: Migration wurde eng von den staatlichen Autoritäten kontrolliert; es herrschte eine ethnische Migration vor (vor allem Deutsche und Juden) und Migration geschah vor allem aus wirtschaftlichen und politischen Zielsetzungen, aber auch aus religiösen und kulturellen Gründen. Nach 1989 kann die Migration aus Rumänien als weniger staatlich kontrolliert charakterisiert werden. Nach Horváth & Anghel (2009, 386-387) verloren die rumänischen Staatsorgane sogar die Kontrolle über Mobilität ihrer Staatsbürger. Die rumänische Migration verlor ihre vornehmlich ethnische Selektivität und es herrschten vor allem wirtschaftliche Motive vor. Wie bereits vorher erwähnt, lassen sich eine große Anzahl an Migrationsbewegungen beobachten, wie Pendeln, Saisonarbeit, also zeitlich begrenzte Migration und Langzeitmigration. Diese Migrationsbewegungen schufen einen Komplex an transnationalen Beziehungen, vor allem zwischen Rumänien und anderen westeuropäischen Staaten, gemischte zerstreute Haushalte und die interaktive zerstreute Familie. Was die Zeit nach 2007 angeht, so suggeriert der Fall der Gemeinde Sackelhausen, dass die Ost-West-Migration anhält und in reguläreren Bahnen verläuft. Somit wird das Migrieren zu einem Abschnitt in der Biografie vieler Menschen.


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Interviews:
Interview mit M.K., männlich, 64 Jahre, 10.3.2005 in Reutlingen
Interview mit D.T., männlich, 83 Jahre, 17.2.2005 in Sackelhausen
Interview mit M.R., männlich, 68 Jahre, 5.3.2005 in Reutlingen
Interview mit P.W., männlich, 65 Jahre, 10.3.2005 in Reutlingen
(Die Altersangaben der Interviewpartner beziehen sich auf das Aufnahmedatum der Interviews.)

Zuverlässige Orientierung für die Debatten der Gegenwart

2011. 204 Seiten mit 17 Abbildungen,
7 Tabellen und 6 Karten.
12,95[D] (bsr 1933)
978-3-406-61406-4

Originalausgabe

Der vom nationalsozialistischen Deutschland entfachte Zweite Weltkrieg setzte Europa in Bewegung: Soldaten und Kriegsgefangene, Emigranten und Flüchtlinge, Deportierte und Zwangsarbeiter, Evakuierte und Umsiedler, Ausgewiesene und Vertriebene. Schon während und insbesondere in der letzten Phase des Krieges war davon auch die deutsche Bevölkerung betroffen. Hinzu kamen nach der bedingungslosen Kapitulation Millionen Deutsche, die zwischen 1945 und 1950 ihre Heimat verloren. Sie wurden in das zerstörte und viergeteilte Nachkriegsdeutschland ausgewiesen und umgesiedelt, wo sie als Fremde erst nach und nach eine neue Heimat fanden.
Mathias Beer geht auf die lang- und kurzfristigen Voraussetzungen für Flucht und Vertreibung ein, schildert den Verlauf der Ereignisse sowie die Folgen, welche die Bevölkerungsverschiebungen für die beiden deutschen Staaten hatten, und verfolgt die bundesdeutschen Auseinandersetzungen über Flucht und Vertreibung bis in die Gegenwart. Ein prägnanter und zuverlässiger Überblick für alle, die sich über die wichtigsten Fakten und Hintergründe dieses bis heute ebenso prägenden wie in seiner Deutung umstrittenen Kapitels deutscher Geschichte informieren wollen.

Mathias Beer, Dr. phil.,
ist Leiter des Forschungsbereichs
Zeitgeschichte am Institut für
donauschwäbische Geschichte und
Landeskunde in Tübingen.

beck sche

reihe

Die wichtigsten Fakten und Hintergründe

Die Folgen für die deutsche Gesellschaft bis heute

Zuverlässige Information zu einem umstrittenen Thema