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Gedenkveranstaltung in Reutlingen

65 Jahre Deportation der Südostdeutschen in die Sowjetunion mit anschließender Maiandacht in der Heilig-Geist-Kirche
von H. Lutz

So lautete die Einladung der Landsmannschaft der Banater Schwaben und des Vorstands der HOG Sackelhausen am 15. Mai 2010. Es sollte ein Nachmittag werden, der noch lange in den Herzen der Zuhörer nachklingen wird.

Zu diesem Thema hat man in letzter Zeit viel gelesen, es wurde viel darüber diskutiert. Tatsache ist: im Januar 1945 wurden 150000 Südostdeutsche, Donauschwaben aus Jugoslawien, Ungarn, Banater Schwaben, Sathmarer Schwaben und Siebenbürger Sachsen, Männer und Frauen, in die Sowjetunion deportiert und mussten dort Zwangsarbeit leisten. Dem Schicksal dieser Menschen, dem Leiden und Sterben, wurde erinnert.

Der Gemeindesaal der Heilig-Geist-Kirche war voll besetzt als Katharina Ortinau die Anwesenden begrüßte und kurz ins Thema einführte. Sie stellte zwei Wörter in den Raum, die schon Hannah Arendt als Symbole des 20 Jahrhunderts nannte: „Stacheldraht“ und „Viehwaggons“.

Der Vortrag von Dr. Franz Metz bildete den Kern der Veranstaltung: „Du Mutter der Heimatlosen. Lieder der Deportation.“

Dr. Metz ist Vorsitzender des Gerhardsforums der Banater Schwaben, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Vielfalt der kirchlichen Kultur der jüngeren Generation von Spätaussiedlern aus dem Banat nahe zu bringen und zur Bewahrung und Weiterentwicklung der geistigen Werte zu motivieren.

Die Frage stand im Raum, weshalb das Thema der Deportation nach Russland und auch die Zwangsarbeit im Baragan immer noch von Interesse ist. In Rumänien durfte man nicht darüber reden oder nur hinter vorgehaltener Hand. Dr. Franz Metz sprach von der Pflicht, auch diese schweren Zeiten zu überdenken. Verzeihen ja, vergessen nein.

Er hat sich mit einem besonderen Aspekt der Deportation beschäftigt: den Russlandliedern. Das waren einerseits Lieder, die unsere Landsleute gesungen haben, weil sie von den Offizieren dazu aufgefordert wurden, damit die Arbeit besser von Hand ging – die Texte wurden von den Vorgesetzten nicht verstanden. Texte wie „Leise will es Abend werden“ wurden auf das Papier von Zementsäcken geschrieben, ab und zu gelangte so ein Stück in die Heimat und erhielt die Funktion einer Erinnerungsmarke der Verschleppung.

Dazu gehörten aber auch die Lieder, die in den Banater Dörfern von den Daheimgebliebenen gesungen wurden. Oft wurden diese handschriftlich den Messbüchern beigefügt. Es sind Fürbitten für Väter, Mütter und Kinder.

Immer wieder stimmte Dr. Franz Metz eine Melodie am Klavier an und alle Leute im Saal sangen mit – es sind Lieder, die auch heute noch bei verschiedenen Gelegenheiten gesungen werden – man kann sagen, sie haben fast eine neue Funktion bekommen oder wie langlebig ist Erinnerung?

Nur noch die Zeit vermochte den Redefluss des Vortragenden zu stoppen. Wir hätten gerne noch lange zugehört und mitgesungen.

Zum Schluss erinnerte er an die vielen Deportationen auf der Welt, die uns alle angehen.

Pfarrer Dürbach aus Hatzfeld stellte zu Recht fest, dass es nur noch wenige Anwesende gibt, die direkt betroffen waren. Man konnte sie an einer Hand abzählen und er forderte sie auf, über diese Zeit zu reden, wie sie dieses schwere Schicksal verarbeitet haben.

Frau Margarethe Mayer trug ihr Gedicht „Brief von einem Großvater“ vor. Es erzählt von einem Großvater, der mit den kleinen Enkeln im Dorf zurückbleibt, während seine Kinder verschleppt wurden.

Sätze wie „Ich weiß, du kommst wieder“ gab es in vielen Familien und jeder hatte sein eigenes, trauriges Schicksal.

Auch Mathias Messmer berichtete vom Schicksal der Schwiegereltern. Seine Frau Leni war zu tief gerührt um nur einen Satz sagen zu können. Auch Johann May  konnte von einer ähnlichen Erfahrung berichten.

„Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten“, sagte Pfarrer Dürbach und lud zusammen mit Pfarrer Mathias Dangel von der Heilig-Geist-Kirche und mit Dr. Franz Metz zum gemeinsamen Marienlieder –Singen und anschließender Maiandacht in die Kirche ein.

Der Banater Chor Reutlingen unterstützte manch zittrige Stimme, die von den Erinnerungen an die Maiandacht in der alten Heimat ergriffen war.

„Über die Berge schallt“ und viele andere Marienlieder waren auf einem Faltblatt, vom Gerhardsforum Banater Schwaben gefördert, abgedruckt und die ganze Kirche sang mit. Der Marienaltar der alten Heimatkirche, meist mit weißem Flieder geschmückt oder mit Maiglöckchen erstand vor unseren Augen. Jeder Anwesende konnte eine Kerze am Marienaltar abstellen. Heilig-Geist-Kirche und Pfarrer Dangel waren würdige Gastgeber, wie Pfarrer Dürbach am Schluss der Maiandacht sagte. Jetzt sind wir hier daheim.

Wir bedanken uns bei allen, die zum guten Gelingen dieses nachmittags beigetragen haben. Singen vereint: vergangenes Erinnern und gemeinsames Hier sein in der neuen Heimat.