Wappen

Müller-Guttenbrunn,

Adam                

Schriftsteller, Journalist, Theaterdirektor

* 22.10.1852
Guttenbrunn, Banat

† 05.01.1923
Wien

Der Schriftsteller Adam Müller-Guttenbrunn ist bis 1945 die Integrationsfigur der Donauschwaben gewesen, die er in seinen journalistischen und erzählerischen Werken als Gruppe innerhalb der österreichisch-ungarischen Monarchie bekannt gemacht hat. Es ist daher nicht weiter verwunderlich, daß seine donauschwäbischen Exegeten ihm grenzenlose Bewunderung zollten und einer von ihnen – Nikolaus Britz – ihn sogar den „Homer der Donauschwaben“ nannte. Diese ausschließlich regionale und gruppenbezogene Bedeutung würde dem Gesamtschaffen des vielseitig engagierten Autors und Kulturpolitikers nicht gerecht werden. Für ihn gilt vielmehr, was sein erster Biograph, Ferdinand Ernst Gruber, 1957 festgehalten hatte, als er über „Adam Müller-Guttenbrunn, den Europäer“ schrieb: „Er schreibt zuerst als geschichtskundiger Europäer, mit der vollen Verantwortung des Abendlandes..., denn in einem national ausbalancierten Europa kann es keine Hegemonie, sondern nur gleichberechtigte Völker und organisch gewachsene Kulturgemeinschaften geben“.

Die ethnische und kulturelle Vielfalt innerhalb der Donaumonarchie hat Adam Müller-Guttenbrunn immer wieder darzustellen versucht. Selbstverständlich hat er seine Erkenntnisse aufgrund biographischer und berufsbedingter Erlebnisse und vor dem Hintergrund einer spannungsreichen Vielvölkerkulisse in einem Kaiserreich gewonnen, dessen Ende er miterlebte und für dessen Kulturmission er immer wieder – bis zu seinen im Ersten Weltkrieg verfaßten, extrem panegyrisch-exklusivistischen Standpunktäußerungen – kämpferisch eingetreten ist.

Seine durch Schwierigkeiten und Diskriminierungen gekennzeichnete Kindheit hat Adam Müller-Guttenbrunn ein geschärftes Beobachtungsvermögen ermöglicht. Der uneheliche Sohn von Adam Luckaup, einem wohlhabenden Bauernsohn, und Eva Müller wuchs in seinem Geburtsort Guttenbrunn im Hause des Großvaters Jakob Müller auf, besuchte dort die Grundschule (1859-1862), war in der Banater Hauptstadt Temeswar kurze Zeit in der Normalschule und im Piaristengymnasium (1862-1865) und mußte danach bei seinem Onkel Johann Guthier als Lehrling arbeiten. Ob er tatsächlich in Hermannstadt war und dort das deutsche Gymnasium besucht hat (1868-1870), wie dies Hans Weresch behauptetete, konnte bislang nicht ermittelt werden. 1870 kam Müller-Guttenbrunn nach Wien, besuchte hier bis 1873 die Handelsschule, wurde für den Telegraphendienst ausgebildet und war von 1873 bis 1879 im Telegraphendienst in Linz und Bad Ischl tätig. In diese Zeit fallen seine ersten literarischen und journalistischen Versuche. 1879 nach Wien versetzt, war er noch bis 1885 Telegraphenbeamter. Im Jahre 1886 heiratete er Adele Krusbersky, begann seine journalistische Karriere, gab von 1886 bis 1894 den Kalender des deutschen Schulvereins heraus und arbeitete als Feuilletonredakteur der Wiener Deutschen Zeitung (1886-1892). Von 1892 bis 1896 war Müller-Guttenbrunn Direktor des Raimund-Theaters, danach Präsident der „Deutsch-österreichischen Schriftstellergenossenschaft“ und von 1898 bis 1903 Leiter des Kaiser-Jubiläums-Theaters. Dieses zweite Direktorat endete wie schon das erste mit einem Fiasko, so daß sich Müller-Guttenbrunn unter dem Pseudonym Ignotus wieder der kräftezehrenden Pressearbeit zuwenden mußte. In Wien selbst hatte sein Ansehen gelitten, weil er einem Theaterverein beigetreten war, dessen Satzung antisemitische Zielsetzungen enthielt. Auch die Tatsache, daß Müller-Guttenbrunn jüdische Schauspieler und Dramatiker förderte, hat diesen Makel nie ganz zu tilgen vermocht.

Durch seine Romane und Erzählungen, die sich mit österreichischer Regionalgeschichte beschäftigten, ebenso durch seine Bühnenwerke, die ihm Anerkennung in Theaterkreisen eintrugen, obwohl sie eigentlich nie besondere Bühnenerfolge erzielten, war Müller-Guttenbrunn in Österreich ein bekannter Schriftsteller. In Wien hatte er sich als langjähriger Theaterkritiker und Feuilletonist und als Theaterdirektor bestens eingeführt. Die finanziell unergiebigen Jahre beim Raimund- und am Kaiser-Jubiläums-Theater zwangen den Schriftsteller zu einer beruflichen Neuorientierung. Eine Reise in seine Geburtsheimat im Jahre 1907 (er erlebte die großen Überschwemmungen an der Unteren Donau aus nächster Nähe) bot die Anregung für seine Spätwerke, die sich bevorzugt mit den Daseinsfragen der deutschen Minderheit im Königreich Ungarn beschäftigten. Mit diesen Werken hat sich Müller-Guttenbrunn, dessen frühere Tätigkeit im deutschen Schulverein, dessen Eintreten für die Rechte österreichischer Schriftsteller unvergessen waren, als wichtiger Exponent eines kulturellen und politischen Erwachens der „Schwaben“ in Ungarn profiliert.

Mit einem politischen Pamphlet gegen nationale Diskriminierung, mit Götzendämmerung, begann der Schriftsteller die Reihe der Werke mit donauschwäbischer Thematik. Die Glocken der Heimat, ein Siedlerroman, der das Schicksal der deutschen Gemeinde Rudolfsgnad an der Donau gestaltete, wurde mit dem Bauernfeld-Preis ausgezeichnet. Die Novelle Der kleine Schwab, eine donauschwäbische Pikaro-Geschichte, wurde in der Zwischenkriegszeit Schulbuchlektüre. Mit dem Roman Der große Schwabenzug hat Müller-Guttenbrunn ein Modell für die Wertbeständigkeit und die Leistungsbezogenheit der schwäbischen Siedler im Donauraum geschaffen. Daß er – schon in den Glocken der Heimat und noch mehr in dem zum Teil autobiographischen Roman Meister Jakob und seine Kinder – Kritik an den sozialen Spannungen in den schwäbischen Dörfern des Banats übte, ist durch die Rezipienten oft übersehen worden. Die politische Weitsicht der geplanten und verwirklichten österreichischen Ostsiedlung (Müller-Guttenbrunn dokumentiert sie in der Trilogie Von Eugenius zu Josephus) und die europäische Dimension der Kulturraumgestaltung sowie die umfassenden Leistungen einer deutschen Regionalkultur zwischen Wien und Budapest (ihre Apotheose wird in der Lenau-Trilogie ausgestaltet) hat Müller-Guttenbrunn in einer an sich kohärenten Gesamtkonzeption zielstrebig gewürdigt. Er hat die deutsche Minderheitenkultur in ihrer Bedrohung durch die Staatsmacht und die Nachbarn darzustellen versucht, hat vor dem Hintergrund nationalistischer Strategien am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine an sich ebenso schlagkräftige und auf Isolation in der eigenen Gruppe bedachte Kulturpolitik propagiert und sich vor allem im Kampf gegen magyarische Hegemoniebestrebungen zu Übersteigerungen hinreißen lassen, zu einem hypertrophen Minderheitenselbstbewußtsein, das nicht immer einem Ausgleich dienlich war. Toleranz gegenüber anderen Minderheiten ist gleichwohl in den Werken Müller-Guttenbrunns immer feststellbar und ein Indiz dafür, wie das multiethnische Zusammenleben für adäquate Formen der Koexistenz sorgt.

Von den deutsch-schwäbischen Minderheiten in den neuen Nationalstaaten Ungarn, Jugoslawien und Rumänien ist Müller-Guttenbrunns Erzählwerk als Legitimation ihrer Gruppenidentität herangezogen worden. Die nicht-schwäbischen Aspekte des Gesamtschaffens hat man bis heute nicht eingehend untersucht. Wie politischer Druck Gegendruck erzeugt, wie sich Minderheitenselbstdarstellung verselbständigen kann, aber auch, wie sich gerechte Ansprüche und positive Ansätze einer ethnienübergreifenden Verständigung darbieten, kann anhand des konservativen, wertebewahrenden Weltbildes des erfolgreichen Autodidakten Müller-Guttenbrunn auch heute noch ermittelt werden.

Schriften: Gräfin Judith. Drama, Linz 1877. –Im Banne der Pflicht. Schauspiel, Leipzig 1880. –Des Hauses Fourchambaults Ende. Schauspiel, Breslau 1881. – Frau Dornröschen. Ein Wiener Roman, Wien 1884. – Deutsche Kulturbilder aus Ungarn, Leipzig 1896. –Das Raimund-Theater, Wien 1897. – Götzendämmerung. Ein Kulturbild, Wien und Leipzig 1908. –Der kleine Schwab. Abenteuer eines Knaben, Leipzig 1910. – Die Glocken der Heimat. Roman, Leipzig 1911. – Schwaben im Osten. Ein deutsches Dichterbuch aus Ungarn, Heilbronn 1911. – Es war einmal ein Bischof. Roman, Leipzig 1912. – 10 Der große Schwabenzug. Roman, Leipzig 1913. – 10 Altwiener Wanderungen und Schilderungen, Wien 1915. – 10 Ruhmeshalle deutscher Arbeit in der österreichisch-ungarischen Monarchie, Stuttgart und Berlin 1916. – Meister Jakob und seine Kinder. Roman, Leipzig 1918. – Lenau, das Dichterherz der Zeit. Eine Romandreiheit, Leipzig 1921. – Altösterreich, Wien, München, Leipzig 1922. – Erinnerungen eines Theaterdirektors. Hg. von Roderich Müller-Guttenbrunn, Leipzig 1924.

Lit.: Gruber, Ferdinand Ernst: Adam Müller-Guttenbrunn, der Erzschwab. Eine Studie, Leipzig 1921. – 10 Weresch, Hans: Adam Müller-Guttenbrunn und seine Heimatromane, Temesvar 1927. – Pfniß, Ludwig: Adam Müller-Guttenbrunn, Mensch und Werk, Temeschburg 1943. – Köstner, Käthe: Das Wesen des deutschen Bauern in den Romanen Adam Müller-Guttenbrunns, Diss. München 1948. – 10 Weresch, Hans: Adam Müller-Guttenbrunn, sein Leben, Denken und Schaffen, 2 Bde., Freiburg i.Br. 1975. – 10 Berwanger, Nikolaus: Adam Müller-Guttenbrunn. Sein Leben und Werk im Bild, Bukarest 1976. – Schwob, Anton: Adam Müller-Guttenbrunn – ein Heimatdichter? In: Vergleichende Literaturforschung. Internationale Lenau-Gesellschaft 1964-1984, Wien, S. 437-446. – 10 Müller-Guttenbrunn, Alexandra: Leben und Werk Adam Müller-Guttenbrunns (1852-1923), unter besonderer Berücksichtigung seiner Tätigkeit als Feuilletonist, Wien 1995 (Magisterarbeit).

Horst Fassel

Ein Denkmal im Wandel der Zeit

Verlegung des Adam Müller-Guttenbrunn Denkmals

Adam Müller-Guttenbrunn war der fruchtbarste deutsche Schriftsteller Südosteuropas, er hat sich als Erzähler, Dramatiker und Essayist profiliert. Sein Name wird noch lange Zeit überdauern, denn er ist in vielen Herzen eingeschrieben.

Der Dichter wurde am 12.Oktober 1852 in Guttenbrunn im Banat geboren und verstarb am 5.Januar 1923 in Wien.

Die Landsmannschaft der Banater Schwaben brachte 1998, anlässlich seines 75. Todestages eine Neuausgabe jenes Buches aus der stattlichen Reihe seiner Romane heraus, das am stärksten Bezug auf das eigene Leben des Schriftstellers nimmt: „Meister Jakob und seine Kinder“.

Weitere Werke wie: Götzendämmerung, Glocken der Heimat, Der große Schwabenzug, Barmherziger Kaiser, Josef der Deutsche, seine Romantrilogie Lenau- das Dichterherz der Zeit, sind, in fast jedem Bücherregal unserer Landsleute zu finden.

Schon 1952 beim ersten großen Donauschwabentreffen in Reutlingen, hatte man des größten Donauschwäbischen Dichters gedacht. Anlässlich des 100 jährigen Geburtsjahres war die Erinnerung an ihn neu entflammt. Damals wurde der Gedanke geboren, ein Denkmal zu Ehren des Dichters zu erstellen. Im selben Jahr sollte die Donauschwäbische Siedlung „Mahdach“ in Reutlingen-Ohmenhausen fertiggestellt werden.   

Der Beschluss wurde gefasst, das Denkmal des „Erzschwaben“ in der neuen Siedlung zu errichten. Jahre sollten vergehen, bis der gefasste Plan Wirklichkeit wurde. Am 3.September 1959 fand die Enthüllung des Adam-Müller-Guttenbrunn Denkmals statt, wiederum verbunden mit einem großen Donauschwäbischen Bundestreffen in Reutlingen.

„Zu einer von Innigkeit und tiefer Ergriffenheit getragenen Feierstunde gestaltete sich die Enthüllung des Adam Müller-Guttenbrunn Denkmals hinter der Siedlung in Reutlingen-Ohmenhausen, dicht am Waldrand. Aus nah und fern hatten sich dazu am Samstagvormittag Donauschwaben aufgemacht, um diese Stunde, deren Vorbereitung soviel Arbeit und Opfer gekostet hat, miterleben zu können. Selbstverständlich nahm auch die Bevölkerung der Achalmstadt daran regen Anteil. Der Feier wohnte unter anderen auch der einzige noch lebende Sohn der Familie Müller-Guttenbrunn und der Donauschwäbische Künstler Friedrich Müller bei, der das Denkmal schuf. Besonders feierlich war die Verlesung der Denkmalurkunde.“

Erst im Jahre 1961 jedoch fand das Denkmal seinen heutigen Platz. Anlässlich des 10.Bundestreffens in Reutlingen am 5.September wurde in einer Feierstunde die damalige Aufstellung des Denkmals begangen.

Die Donauschwaben sind integriert, ihre Kinder vielfach am Ort verheiratet. Aber das vom Bildhauers Friedrich Müller geschaffene Denkmal blieb für viele Ohmenhäuser ein Fremdkörper, zumal am Sockel außer Namen, Geburts- und Todesdatum keine weiteren biografischen Fakten von Adam Müller-Guttenbrunn ablesbar sind.

Die Donauschwaben hatten andererseits das Gefühl, dass ihr Nationaldichter abgeschoben worden, der Platz unwürdig sei. Im Laufe der Jahrzehnte wurden des Öfteren Anträge zur Verlegung des Denkmals an das Bezirksamt gestellt, diese wurden stets abgelehnt.

Am 5.03.2008 wurden erneut zwei Anträge zur Verlegung des Denkmals gestellt: von der Landsmannschaft der Banater Schwaben und der Landsmannschaft der Donauschwaben.

Am 14.08.2008 kam die Zusage vom Gemeinderat der Stadt Reutlingen zur Verlegung, nun lag es noch am Bezirksgemeinderat in Ohmenhausen.

Dank der Unterstützung von Herrn Staatssekretär Dieter Hillebrand, MdL (CDU) und eines mächtigen Fürsprechers aus dem Reutlinger Rathaus, Herr Bürgermeister Robert Hahn, (CDU) zuständig für Verwaltungs-, soziale und kulturelle Fragen, gelang es, den Ortschaftsrat zu überzeugen, der Verlegung des Denkmals zuzustimmen.

Die Vertriebsverbände wurden vom Bezirksgemeinderat aufgefordert, die Geschichte der Mahdach-Siedlung zu dokumentieren. Dann soll auch eine Informationstafel an Stelle des Denkmals angebracht werden. Dabei wäre es auch sinnvoll, das literarische Erbe des Dichters Adam Müller-Guttenbrunn aufzuarbeiten.

In Reutlingen, im Garten des einstigen Bürgerspitals am Wagnerbuckel, wo inzwischen auch die Heimatstube Neu Pasua zu finden ist, soll der Heimatdichter nun stehen, ein für die Öffentlichkeit zugänglicher, gut erreichbarer Platz.

Ein Denkmal im Wandel der Zeit... aus dem dunklen moosigen Wald: „Adam aus dem Eichenhain“ oder „Ein Dichter steht im Walde“ wie es die Lokalpresse titulierte, in ein Zentrum vieler kultureller Geschehnisse der Banater Schwaben und der Donauschwaben versetzt. Ein Dichter, dessen Denkmal auch der nachfolgenden Generation zugänglich gemacht wird.

Die Kosten für die Verlegung sind von den Verbänden zu tragen, ein Spendenkonto wurde eingerichtet:

Konto Inhaber: HOG Sackelhausen
Kennwort: Verlegung A.M.-G. Denkmal
Volksbank Reutlingen
Kontonummer: 7825013
Bankleitzahl: 64090100

Ich möchte sowohl die Heimatortsgemeinschaften, wie auch die Kreisverbände und Einzelpersonen, jeder der sich mit dem Namen Adam Müller-Guttenbrunn identifizieren kann, um Unterstützung bitten.

März 2009

ok

Adam Müller-Guttenbrunn - Denkmal in der Mahdach-Siedlung

Einweihung des Denkmals am neuen Standort

Landsmannschaft der Banater Schwaben e.V.

Landsmannschaft der Donauschwaben e.V.

Integration und Erinnerung.

Ein Denkmal auf dem Weg in die Stadt

Adam Müller-Guttenbrunn

EINLADUNG

Einweihung des Denkmals

am neuen Standort

in 72760 Reutlingen,

Rommelsbacher Str. 7

10. Oktober 2009

Programm

Beginn:
11.00 Uhr

Musikstück:
Blechbläserquintett

Begrüßung:
Katharina Ortinau, Stellv. Bundesvorsitzende
Landsmannschaft Banater Schwaben e.V.

Grußwort:
Dieter Hillebrand Staatssekretär und MdL

Musikstück:
Blechbläserquintett

Grußwort:
Barbara Bosch, Oberbürgermeisterin der Stadt Reutlingen

Grußwort:
Bernhard Krastl, Präsident des Weltdachverbandes der Donauschwaben,
Bundesvorsitzender Landsmannschaft Banater Schwaben e.V.

Musikstück:
Blechbläserquintett

Festvortrag:
Integration und Erinnerung.
Ein Denkmal auf dem Weg in die Stadt

Professor Dr. Reinhard Johler, Leiter des
donauschwäbischen Institutes für Geschichte
und Landeskunde

Musikstück:
Blechbläserquintett

 Im Anschluss findet in den Fluren der RAH ein Sektempfang statt

 

 

 

 

Blechbläserquintett, Leitung Helmut Kassner

Begrüßungsrede von Katharina Ortinau

Stellvertretende Bundesvorsitzende der Landsmannschaft der Banater Schwaben

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin Bosch,
Sehr geehrter Herr Staatssekretär Hillebrand,
Sehr geehrter Herr Krastl,
Sehr geehrter Herr Professor Johler,
Liebe donauschwäbische Landsleute,
Sehr geehrte Damen und Herren,

1952 zum hundertsten Geburtstag des Schriftstellers Adam Müller-Guttenbrunn, gelobten die Donauschwaben auf ihrem ersten Bundestreffen in Deutschland hier in der altehrwürdigen Reichsstadt Reutlingen, wo im Jahre 1951 die erste Landsmannschaft der Donauschwaben in der Bundesrepublik gegründet wurde, ihrem großen Sohne ein Denkmal in einer neuen donauschwäbischen Siedlung aufzustellen.

In der Zwischenzeit haben sich durch die Auswirkungen des Kalten Krieges im Zuge der Familienzusammenführungen und Auswanderungen zahlreiche Aussiedler und Spätaussiedler hier in Reutlingen niedergelassen. Auch für sie ist Adam Müller-Guttenbrunn nicht nur ihr Landsmann aus dem Banater Dorf Guttenbrunn, sondern der Inbegriff der literarischen Auseinandersetzung mit der Ansiedlung und Geschichte dieser deutschen Kolonisten. Es gibt kaum einen Donauschwaben, der nicht einige Texte dieses Kulturmenschen gelesen hat, wie z.B. Glocken der Heimat, Der große Schwabenzug, Meister Jakob und seine Kinder. Liest man diese Texte, so muss man immer die Zeit bedenken, in der diese Romane entstanden sind: es war die Zeit der Magyarisierung, in der die Muttersprache der Deutschen im damaligen historischen Ungarn gefährdet war. Aber auch nach dem Trianonvertrag und besonders in der Zeit der kommunistischen Diktatur und des Eisernen Vorhangs stellten die literarischen Werke Adam Müller-Guttenbrunns ein Stück Heimat dar, ein Teil jener Identität, die nun durch die massenhafte und fast vollständige Auswanderung aus den donauschwäbischen Siedlungsgebieten Südosteuropas ihr Ende gefunden hat.

Die Kultur der Donauschwaben ist heute in unserer neuen Heimat, also auch hier in Reutlingen, bereits zu einem integrierenden Bestandteil der Nationalen Kultur der Deutschen aus dem Osten geworden. Dieses Denkmal soll uns nicht nur an unsere gemeinsamen Aufgaben als Bürger eines modernen und friedlichen Europas erinnern, wie z.B. an die Pflege kultureller Werte, sondern spricht auch von der Vergänglichkeit selbst. Der Pflug des deutschen Bauern durchschneidet schon längst nicht mehr die Banater Tiefebene und auch die Sprache Adam Müller-Guttenbrunns ist selbst in seinem Geburtstort nicht mehr zu vernehmen. Unsere schwäbischen Heimatdörfer werden heute von Menschen bewohnt, die selbst von irgendwo kommend, ihr Glück gesucht haben und mit uns gemeinsam in das Banater Schwabenlied Adam Müller-Guttenbrunns einstimmen könnten:

„… O, dass vom Mutterland uns Welten trennen

Und wir dem Vaterland nur Fremde sind.“

Auch 100 Jahre nach Müller-Guttenbrunn ist dieses Thema – besser gesagt die Fortsetzung dieses Themas infolge der beiden Weltkriege – noch nicht ausgegangen, so frisch wie damals und der Name Herta Müllers (wieder Müller) als Literaturnobelpreisträgerin steht in aller Munde. Die beiden Banater Literaten haben durch ihre Werke Weltliteratur geschrieben – jeder in seiner eigenen Art.

Wer Müller-Guttenbrunns Leben und Streben kennt, wird seinen Standpunkt ganz verstehen, da er sich als „einen Dichter des gesamten deutschen Volkes betrachtete.“ Ich hoffe, dass es uns gelungen ist, auch heute, 50 Jahre nach der Einweihung dieser Büste, auf die europäische Bedeutung dieses Menschen hinzuweisen und das Schicksal der kulturellen Werte seiner donauschwäbischen Landsleute hinzuweisen.

Ansprache Dieter Hillebrand

Staatssekretär und MdL in Baden-Württemberg

Sehr geehrte Frau Ortinau, liebe Katharina,
verehrte Frau Oberbürgermeisterin, liebe Frau Bosch,
sehr geehrter Herr Präsident Krastl
sehr geehrter Herr Bürgermeister Hahn,
sehr geehrter Herr Prof. Johler,
liebe Musikerinnen und Musiker,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

heute ist ein besonderer Tag für die Bürgerinnen und Bürger Reutlingens
und ein ganz besonderer Tag für alle Donau- und Banater Schwaben.
Wir erleben heute, wie das Denkmal von Adam Müller-Guttenbrunn an seinem neuen Standort eingeweiht und der Öffentlichkeit übergeben wird.

Ich freue mich sehr, dass ich als ihr direkt gewählter Landtagsabgeordneter und als einer, der den Donauschwaben seit Jahren in besonderer Weise verbunden ist, bei diesem besonderen Tag dabei sein darf.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

aus vielen persönlichen Gesprächen ist mir bewusst, dass Adam Müller-Guttenbrunn vielmehr war als nur ein Schriftsteller, Journalist, Bühnenautor, Theaterdirektor, Kritiker und Nationalrat.

Adam Müller-Guttenbrunn war und ist eine Integrationsfigur und er ist der Hauptvertreter der Literatur aller Donau- und Banater Schwaben.
Manche bezeichnen ihn sogar als den „Homer der Donau- und Banater Schwaben“.

Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass die Donau- und speziell die Banater Schwaben ihm grenzenlose Bewunderung zollen.

So war es für die Donau- und Banater Schwaben, die ihre Heimat verlassen mussten um hier in Reutlingen eine neue Heimat zu finden, einst ein Herzensanliegen, ihm, ihrem großen Sohn, ein Denkmal zu errichten.

Unser damaliger Oberbürgermeister Oskar Kalbfell hat die Donauschwaben bei diesem Ansinnen unterstützt und zusammen mit den damaligen Neubürgerinnen und Neubürger die Gedenkstatute am 2. September 1959 in Ohmenhausen aufstellen lassen.

Und der ursprüngliche Ort in Ohmenhausen war nicht zufällig gewählt.

Wie sie wissen, waren die ersten Ansiedlungen der Donau- und Banater Schwaben dort in Ohmenhausen konzentriert.

Und die Statue von Adam Müller Guttenbrunn war sozusagen der identitätsstiftende Mittelpunkt.

Beim Neuanfang der Donau- und Banater Schwaben in Reutlingen half das Adam Müller-Guttenbrunn Denkmal die Erinnerung an die alte Heimat wach zu halten.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

die damalige Aufstellung des Denkmals in Ohmenhausen geschah vor nunmehr fast genau 50 Jahren.

Nur wenige der heute Anwesenden haben die damalige Aufstellung und Einweihung bewusst selbst miterlebt.

Und viele von denen, die damals bei der Enthüllung des Denkmals dabei waren, sind heute nicht mehr unter uns.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

in fünfzig Jahren hat sich die Welt verändert.

Auch der Mikro-Kosmos in Ohmenhausen!

Und vor allem die Natur um das Denkmal herum.

So wuchs der Wald um das Denkmal herum in die Höhe, das manchen Zeitgenossen beim Gedanken an das Denkmal von Adam Müller-Guttenbrunn vom „Adam aus dem Eichenhain“ frotzeln ließ.

Und war es früher Ohmenhausen, so ist heute die gesamte Reutlinger Region, die mehr und mehr zur neuen Heimat der Donau- und Banater Schwaben geworden ist.

So war es seit längerem der Wunsch vieler älterer Donau- und Banater Schwaben, dass das Denkmal von Adam Müller-Guttenbrunn einen neuen und würdigeren Platz erhält.

Ein Platz im Herzen der Gemeinschaft, der auch gut zu erreichen ist.

Jetzt steht das Denkmal – endlich – an seinem neuen Standort, hier am Wagner-Buckel, nahe der Neu-Passuaer Heimatstube, mitten in der Stadt und es ist ihm im wahrsten Sinne des Wortes wieder Öffentlichkeit verschafft worden.

Für mich war es von Anfang an selbstverständlich, die Heimatortsgemeinschaft bei ihrem Ziel, dem Denkmal einen würdigeren Platz zu verschaffen, nach Kräften zu unterstützen.

Auch im Rathaus konnte mit Bürgermeister Robert Hahn ein Fürsprecher gewonnen werden.

Gemeinsam wurden die Netzwerke aktiviert und in vielen Gesprächen konnte erreicht werden, dass wir hier heute die zweite Einweihung vornehmen können.

Ich freue mich, dass wir alle zusammen es erreichen konnten und ich danke allen Entscheidungsträgern, die diese Verlegung ermöglicht haben.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

wie ich eingangs bereits sagte, ist heute ein großer Tag für alle Reutlinger
Mitbürgerinnen und Mitbürger.

Ich wünsche uns allen, dass mit dem heutigen Tag das Erbe von Adam Müller-Guttenbrunn verstärkt in den Blickwinkel aller Reutlinger rückt.

 

Musikstück:
Blechbläserquintett

 

Ansprache Oberbürgermeisterin Barbara Bosch

Manche Dinge fügen sich ganz hervorragend; besser als es die beste Planung vermocht hätte. So ist es auch mit der Einweihung des Adam Müller-Guttenbrunn Denkmals am neuen Standort am heutigen Tage. Zwei Anlässe rahmen die Umsetzung und „Neueinweihung“ am neuen Standort in der Mitte unserer Stadt vortrefflich ein. Vorgestern ist der Literatur-Nobelpreis, für viele überraschend, Herta Müller ausgesprochen worden. Ihre Werke sind ganz einer Region verbunden, dem Banat, einer deutschsprachigen Enklave in Rumänien, wo sie aufgewachsen ist. Seit 1987 lebt sie in Deutschland. Herta Müller hält die Erinnerung lebendig, auch an das Schreckliche, ihre Literatur beschäftigt sich mit dem Verlust der Heimat. Mit dieser hohen Auszeichnung gehört dieses Thema nun zur Weltliteratur. Und symbolträchtig findet diese Verleihung und die Einweihung des Denkmals in Reutlingen während der Baden-Württembergischen Heimattage statt, die wir hier feierlich begehen. Was Heimat bedeutet, auch und gerade für Menschen, die sie verloren haben, dieses Thema beschäftigt uns in diesem Jahr besonders. Viele Donauschwaben haben nach den Schrecken des Krieges, nach Flucht und Vertreibung in den 1950er- und 1960er-Jahren hier in Reutlingen eine neue Heimat gefunden und dabei – getreu dem Motto der diesjährigen Heimattage „Kultur schafft Heimat!“ – in ihren Organisationen ihr kulturelles Erbe gepflegt, zugleich aber auch einen wichtigen Beitrag zur kulturellen Vielfalt in unserer Stadt geleistet. Heute, wo 137 Nationa­litäten in Reutlingen vertreten sind und mehr als ein Drittel der hier lebenden Menschen einen Migrationshintergrund aufweisen, sind die damaligen Flüchtlinge und Vertriebenen, die mittlerweile schon in der dritten oder gar vierten Generation hier wohnen, längst mit Reut­lingen verwachsen. Sie sind aus dem öffentlichen Leben nicht mehr wegzudenken, haben hier Wurzeln geschlagen und machen inzwischen ein Stück der Reutlinger Identität aus.

Insofern ist es konsequent, dass das Denkmal für den bedeutendsten donauschwäbischen Heimatdichter Adam Müller-Guttenbrunn, das Ende der 1950er-Jahre in unmittelbarer Nähe der donauschwäbischen „Mahdach“-Siedlung in Ohmenhausen, also an einem damals stimmigen Ort, errichtet wurde, nun mitten in der Stadt seinen neuen Platz findet. Wenn man es historisch betrachtet, so ist das Denkmal sogar in das Herz Reutlingens versetzt worden, denn hier ganz in der Nähe, im Bereich des Friedhofs Unter den Linden, soll sich das Urdorf, die Keimzelle Reutlingens befunden haben.

Es ist sicher bei solch einem Anlass angebracht, etwas in die Vergangenheit zurückzu­blicken, wenn auch nicht bis in das frühe Mittelalter, aber doch in die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, als Reutlingen geradezu zu einem Zentrum der Donauschwaben geworden ist. Schon kurz nachdem endlich der Zuzug der Vertriebenen in die französische Besatzungszone gestattet worden war, gründete sich im Oktober 1949, also vor nunmehr 60 Jahren, mit dem Kreisverband Reutlingen die überhaupt erste donauschwäbische Lands­mannschaft, der bald weitere Kreis- und Ortsverbände folgten. Reutlingen bot als bedeutend­ster Industriestandort im damaligen Südwürttemberg-Hohenzollern vielen Heimatvertriebe­nen Arbeit und Siedlungsmöglichkeiten. 1950 waren bereits mehr als 6.000 Flüchtlinge und Vertriebene hier eingetroffen, im Kreis Reutlingen sogar fast 16.000. Die Donauschwaben bildeten – neben Ostpreußen, Schlesiern und Sudetendeutschen – die stärkste Gruppe. In den frühen 1950er-Jahren war jeder Zwanzigste Reutlinger ein Donauschwabe.

Nicht immer verlief das Fußfassen und die Eingliederung problemlos, es gab durchaus schmerzliche Erfahrungen und persönliches Leid. Da halfen die landsmannschaftlichen Organisationen, die Erinnerung an die alte Heimat und die Pflege des Brauchtums und der Traditionen über so manche Schwierigkeit hinweg. Dasselbe taten aber auch die Möbel­beschaffungs- und Wohnungsprogramme der Stadt Reutlingen. Bereits im Dezember 1952 wurde der erste von vier Bauabschnitten der „Mahdach“-Siedlung in Ohmenhausen ein­geweiht. In dem zunächst als Nebenerwerbssiedlung konzipierten Wohnviertel entstanden 210 Eigenheime für mehr als 1.000 Menschen. Der wirtschaftliche Aufschwung und der stürmische Wiederaufbau der 1950er- und frühen 1960er-Jahre, zu dem die neuen Bürgerinnen und Bürger einen gewichtigen Beitrag leisteten, bot eine gute Basis für einen Neuanfang und für eine sukzessive Integration und Heimatfindung der Vertriebenen und Flüchtlinge in wirtschaftlicher, kultureller und politischer Hinsicht.

Dies hieß indessen nicht, dass den Donauschwaben nicht nach wie vor die Bewahrung des kulturellen Erbes und die Pflege ihrer Bräuche und Traditionen ein wichtiges Anliegen war. Damit war jedoch andererseits eine willkommene Bereicherung des neuen Lebensumfelds verbunden. So wurde, wie es der langjährige Landesvorsitzende und spätere Präsident der Bundesversammlung des Verbands der Donauschwaben, Friedrich Binder, einmal aus­drückte, „Reutlingen für die Donauschwaben zur Drehscheibe ihres Schicksals“. 1952 fand in Reutlingen das erste Donauschwäbische Bundestreffen statt mit über 15.000 Teilnehmern. Von ihm gingen wertvolle Impulse für die zukünftige landsmannschaftliche Tätigkeit aus. Unter dem „Reutlinger Kurs“ verstand man in der Folge die entschlossene Zusammenarbeit mit den „Einheimischen“ und das Bestreben, sich in das neue Gemeinwesen einzubringen. Und dies ist den Donauschwaben in der Folgezeit auch trefflich geglückt. Neben der aktiven Teilhabe am wirtschaftlichen, sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben haben sie zum Beispiel mit ihren Tanz- und Trachtengruppen oder mit ihrer Musikkapelle bei zahl­reichen Stadtfesten und Festzügen mitgewirkt und Reutlingen bei auswärtigen Veranstal­tungen repräsentiert.

Seit einigen Jahren hat sich der Wunsch nach Verlegung des Adam Müller-Guttenbrunn Denkmals entwickelt, wobei zunächst an einen neuen Standort innerhalb Ohmenhausens gedacht worden war. Bereits in meinem ersten Amtsjahr hatte der Vorstand der Stiftung Neu Pasua, die Herren Jentz und Lederer, bei mir vorgesprochen, und ich hatte eine Prüfung des Anliegens zugesagt. Der Bezirksgemeinderat von Ohmenhausen hat sich in den Folgejahren mehrfach mit diesem Thema beschäftigt und zuletzt erneut im März 2007 einer Verlegung nicht zugestimmt; sicher auch, weil die Verbindung zur Mahdach-Siedlung hoch bewertet wurde. Daraufhin hatte ich Herrn Bürgermeister Hahn gebeten, sich der Sache anzunehmen, und er hat dies engagiert getan. Aufgrund unterschiedlicher Auffassungen bei den Landsmannschaften über den richtigen Standort hat es allerdings noch etwas gebraucht und sind etliche Schreiben, auch von mir, hin und her gegangen, bis dann der Vorschlag für die Rommelsbacher Straße beim Ortstermin im Februar 2009 endgültig Zustimmung finden konnte. Sie haben Herrn Hahn deshalb dankbar am vergangenen Wochenende mit der Adam Müller-Guttenbrunn Medaille geehrt.

Regelmäßig haben in den vergangenen Jahrzehnten große Treffen und Veranstaltungen der Donauschwaben in Reutlingen unter der Schirmherrschaft des jeweiligen Stadtoberhaupts stattgefunden. Als Zeichen der engen Verbundenheit mit den Donauschwaben hat die Stadt Reutlingen 1976 schließlich die Patenschaft für die Heimatortsgemeinden Franzfeld und Neu Pasua übernommen, die ebenfalls regelmäßig ihre Heimattreffen in Reutlingen abhalten. Auf dem Reutlinger Friedhof Römerschanze stehen ihre Gedenksteine für die Toten der „alten“ Heimat.

Damals beim erwähnten Bundestreffen 1952 ist auch des 100. Geburtstags des Heimat­schriftstellers Adam Müller-Guttenbrunn gedacht und der Plan zur Errichtung eines Denkmals gefasst worden. Ein halbes Jahrhundert nach der Enthüllung des Denkmals 1959 haben wir uns heute hier an seinem neuen Standort getroffen. Die Versetzung des Denkmals in den inneren Stadtbezirk Reutlingens ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass die große Familie der Donauschwaben, wie es im Text der neuen Urkunde heißt, „mitten in Reutlingen angekom­men ist“ und ihre Integration und Verschmelzung längst ihren Abschluss gefunden haben. So soll der Beitrag der Donauschwaben zum wirtschaftlichen Aufschwung in der Nachkriegszeit und zur kulturellen Vielfalt in der Region auf diese Weise und mit diesem feierlichen Akt eine öffentliche Würdigung erfahren.

Grußwort Bernhard Krastl

Präsident des Weltdachverbandes der Donauschwaben,
Bundesvorsitzender Landsmannschaft Banater Schwaben e.V.

 

Musikstück:
Blechbläserquintett

 

 

Festvortrag von Professor Dr. Reinhard Johler

anlässlich der Wiedereinweihung des Adam Müller-Guttenbrunn Denkmales

„Integration und Erinnerung.
Ein Denkmal auf dem Weg in die Stadt.“

Man sieht, so hat einmal der österreichische Schriftsteller Robert Musil gesagt, alles außer Denkmäler. Und er hat damit gemeint, dass Denkmäler, sind diese einmal feierlich eingeweiht, über die Jahre hinweg die ihnen ursprünglich zugemessene Bedeutung kontinuierlich verlieren können, ja, damit zu einem Verkehrshindernis im schlechtesten, oder zu einem Fotohintergrund im besten Falle werden. Und in der Tat: Nicht anders geht es quer durch die Bundesrepublik den großen Heroen der Geistesgeschichte – Schiller, Goethe, Uhland etwa –, und so geht es auch jenen, die zwar insgesamt weniger bekannt sind, für spezifische Gruppen aber eine hohe Bedeutung haben. Denkmäler – und das wollte Musil sagen – können im Laufe ihres Daseins weitgehend unsichtbar werden. Erst wenn sie wieder neu thematisiert werden, wenn – Neuhochdeutsch ausgedrückt – ihr Sinn neu hinterfragt wird, oder wenn – wie jetzt gerade heute hier in Reutlingen – ihr Ort verlagert wird, dann drängt die Frage nach ihrer aktuellen Bedeutung sich für uns als eine wichtige auf. Denn Denkmäler rühren einerseits aus gemeinsamer Erinnerung und verbindender Gruppenerfahrung her, aber gleichzeitig müssen sie – um eben sichtbar zu bleiben – diese kollektive Erinnerung auch erst wieder neu bündeln bzw. ein – möglicherweise – neues Gruppengefühl schaffen. Eben dies – also noch einmal: die Schaffung einer neuen gemeinsamen Erinnerung und einer neuen einander verbindenden Zusammengehörigkeit – ist angesprochen, wenn ich nun über „Integration und Erinnerung. Ein Denkmal auf dem Weg in die Stadt“ spreche.

Natürlich ist dabei zunächst der zentrale Bezugspunkt der im Denkmal dargestellte Adam Müller-Guttenbrunn. Über den 1852 geborenen und 1923 in Wien verstorbenen Adam Müller-Guttenbrunn brauche ich hier nicht allzu viel vortragen. Vieles ist schon in den Reden gesagt worden und Viele der hier Anwesenden kennen seine Biographie und sein Werk mit Sicherheit bestens. Ich zitiere daher nur eine kurze Stelle – und zwar von Müller-Guttenbrunn selbst aus seinem 1911 unter dem Titel „Schwaben im Osten“ herausgegebenen „deutschen Dichterbuch aus Ungarn“:

„Adam Müller-Guttenbrunn“ – so schreibt er also über sich – „der Sohn eines schwäbischen Bauern, ist an der Marosch geboren, in einem reichen, blühenden Dorfe gegenüber den letzten Ausläufern der Karpathen, die bei Vilagosch drüben in die ungarische Tiefebene hinabsteigen. Der erste Blick vom Fenster seines Vaterhauses fiel jeden Morgen auf die Ruine Vilagosch und befruchtete die Phantasie des Knaben. Früh beschäftigte ihn das ungarische Problem … Sein fast abenteuerlicher Bildungsweg führten über Temeschwar, wo das Gymnasium plötzlich madjarisiert wurde, über Hermannstadt und Wien zu Heinrich Laube und in die deutsche Literatur. Schon vor mehreren Jahren schrieb er auch Schilderungen aus dem Banat, die nunmehr in neuerer reichlich, vermehrter Ausgabe vorliegen. Aber erst jetzt, in seinen reiffsten Jahren, entstanden seine eigentlichen Lebensbücher: ‚Götzendämmerung’, ‚Der kleine Schwab’, ‚Die Glocken der Heimat’. Ist das erstgenannte ein politischer Roman für Männer, wenden sich die andern Bücher mehr an das deutsche Volksgemüt und suchen dort eine Stätte.“

Mit diesen wenigen Sätzen ist noch nicht viel, aber doch Wesentliches gesagt: Adam Müller-Guttenbrunn ist eine bedeutende Persönlichkeit des Banats, der als Schriftsteller auch in Wien Anerkennung gefunden hat. Seine Haltung war groß-österreichisch, im Kampf gegen die Madyarisierung seiner Heimat wohl deutsch-bewusst, aber nicht deutsch-national. Als Autor kann man in ihm einen Vermittler zwischen den Kulturen Mitteleuropas ebenso sehen wie einen Bannerträger von nationaler und kultureller Selbstbehauptung im national aufgehetzten Vor- und Nachkriegseuropa. Nach dem Ersten Weltkrieg – und v.a. nach seinem Tod – ist Adam Müller-Guttenbrunn zum „Erzschwaben“, zum sehr unterschiedlich gesehenen Kämpfer für das Deutschtum in Ostmitteleuropa gemacht worden.

Damit Adam Müller-Guttenbrunn aber zu einer Denkmals-Figur auch in Reutlingen werden konnte, bedurfte es der „großen Geschichte“, der gewaltsamen Geschichte von Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg. Wir alle wissen: Mehr als 20 Millionen Menschen waren am Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa Vertriebene. Deutsche hatten daran nicht zufällig den größten Anteil. Denn als Reaktion auf die nationalsozialistische Herrschaft und deren Verbrechen wurden in Mittel-, Ost- und Südosteuropa ethnisch reine Nationalstaaten geschaffen und die seit Jahrhunderten dort wohnenden Deutschen weitgehend vertrieben. Die direkte Folge dieser Vertreibung waren oft unbeschreibliches Elend und kaum überwindbares Leid. Doch die massenhafte Entwurzelung und der von so Vielen als dramatisch empfundene Heimatverlust führten auch schnell zur Suche nach einem neuen Zuhause – nach einer neuen Heimat. Diese fanden die mehr als 12 Millionen deutsche Flüchtlinge und Vertriebene der unmittelbaren Nachkriegszeit vorwiegend im zerstörten Deutschland. Der deutsche Südwesten – das spätere Baden-Württemberg – nahm davon ca. 1,6 Millionen Menschen auf. Flüchtlinge und Vertriebene bildeten damit ein wenig mehr als ein Fünftel der hiesigen Gesamtbevölkerung. Viele von ihnen stammten aus dem damaligen Jugoslawien.

Im Rückblick mutet die enorme Zahl der Flüchtlinge und Vertriebenen, aber auch die dahinter stehenden Erfahrungen der Einzelnen erschreckend an. Nicht zufällig sprachen Zeitgenossen daher von einem „großen Experiment“, galt es doch die Flüchtlinge und Vertriebene zuerst zu versorgen, ihnen ein Unterkommen zu ermöglichen, sie dann aber auch dauerhaft in die eigene Gesellschaft einzubinden, sie als Neubürger zu integrieren. Schnell ist dabei – parallel zum Wirtschaftswunder – von einem Integrationswunder die Rede gewesen, und falsch war dies nicht. Doch diese Integration geschah vielfältiger, war ein zuweilen konfliktgeladenes Gegenübertreten von Ihr und Wir, waren aber auch ein wechselseitiges Geben und Nehmen, ein offenes Aufeinanderzugehen, aber eben auch ein Aneinandervorbei- und ein Übereinander-Reden.

In Stuttgart wird also die große Geschichte bereits auf ihre kleineren, alltäglichen und lokalen Ereignisse herunter gebrochen. Und das will ich nun in aller Kürze auch für Reutlingen, für die Reutlinger Stadtgeschichte und damit für die hiesigen „Neuen Siedlungen“ der 1950iger und frühen 1960er Jahre unternehmen. Diese „Neuen Siedlungen“ sind quer durch Baden-Württemberg gebaut worden und haben hauptsächlich den Flüchtlingen und Heimatvertriebenen eine Wohnung geboten. Neben den bekannten „Neuen Siedlungen“ etwa in Stuttgart-Rot oder Stuttgart-Giebel war auch die Industriestadt Reutlingen ein Zentrum der Zuwanderung. Vom Leben in diesen „Neuen Siedlungen“ – in Reutlingen etwa: in der „Eberhard-Wildermuth-Siedlung“ in Betzingen – wissen wir vollem durch die in den 1960iger Jahren publizierten Studien des Tübinger Ludwig-Uhlands-Instituts für Empirische Kulturwissenschaft (im Übrigen meiner zweiten Wirkungsstätte) und ihres früheren Leiters, Hermann Bausinger. Bausinger – zwar kein Donauschwabe, aber doch ein Reutlinger – hat diese Siedlungen nicht mit einem nostalgischen Blick auf eine vergangene Herkunftskultur untersucht, sondern sich um eine realistische Beobachtung der Gegenwart bemüht.

Und er ist dabei mit seinen Mitarbeitern auf die „Entstehung“ neuer „Lebensformen“ gestoßen, „an denen Einheimische und einstige Flüchtlinge in gleicher Weise teilhaben“ würden. Will heißen: Zu beobachten war – in der Sprache der 1950iger und 1960iger Jahre – wie die „Neubürger“ untereinander, aber auch die „Neusiedler“ und die „Alteingesessenen“ miteinander zu Recht gekommen sind. Bausinger hat damals ein zeitliches Schema für die „Integration“ der Heimatvertriebenen entwickelt. Weil es wichtig ist und uns einen Blick in diese Zeit gestattet, will ich dieses Schema an dieser Stelle ausführlich zitieren:

„Die Auseinandersetzung und Begegnung der Flüchtlinge mit der neuen Heimat“ – so schreibt Bausinger – „kann zeitlich in drei Phasen gegliedert werden. Zu Beginn der Ansiedlung sehen sich die Flüchtlinge in eine fremde Umwelt geworfen, in der sie sich provisorisch einzurichten versuchen. In dieser Notsituation sind die Reaktionen spontan. Die Einheimischen begegnen den Flüchtlingen oft mit echter Hilfsbereitschaft. Die Flüchtlinge können meist nur das Allernächstliegende besorgen, sie werden vom Kampf um den Lebensunterhalt fast völlig in Anspruch genommen. Erst als der schlimmste Druck nachlässt, können sich die Flüchtlinge bewusst mit der neuen Heimat auseinandersetzen. Mit diesem Zeitpunkt kann der Beginn der zweiten Periode angesetzt werden. Die Flüchtlinge betonen jetzt ihre Zusammengehörigkeit, das landsmannschaftliche Leben beginnt sich zu entfalten; die Vereine erleben Höhepunkte der gemeinsamen Leistung. Andererseits zeigt sich eine bewusste Hinwendung zur neuen Wirklichkeit. In diese Periode fällt die stärkste Reisetätigkeit. Die meisten Streitereien zwischen Einheimischen und Flüchtlingen finden in dieser Zeit statt. Nach einiger Zeit – mit Beginn einer dritten Periode – erlahmt diese Aktivität. Die Arbeit und das Interesse an gemeinsamen Bauprojekten lassen nach; größere Siedlerfeste verschwinden vielfach, und die zunächst sehr engen Beziehungen der Siedlungsbewohner untereinander werden distanzierter. Das ganze Leben wird ‚normaler’; man strebt nach ‚gesundem Wohlstand’, und oft entwickeln sich Heimatgefühl und Spießbürgerlichkeit Hand in Hand.“

Natürlich haben viele auf Bausinger folgende Forschungen dieses Schema weiter ausdifferenziert. Für unseren Blick auf Reutlingen aber reichen die drei ausgeführten Phasen vollständig. Nach dem Leben im Lager begann in der zweiten Periode einerseits eine massive Bautätigkeit – und damit in den „Neuen Siedlungen“ eine erste Form der Beheimatung im ganz ursprünglichen Sinne. In Reutlingen-Ohmenhausen etwa wurde in dieser Zeit die donauschwäbische Nebenerwerbs-Siedlung „Mahdach“ errichtet. Andererseits war diese Bautätigkeit von einer intensiven „Heimatsuche“ der Vertriebenen begleitet. Diese so wichtige „Heimatsuche“ fand einen ersten Höhepunkt im „Bundestreffen der Donauschwaben“, das am 9. und 10. August 1952 – nicht ganz zufällig – in der Heimatvertriebenen-Stadt Reutlingen unter dem bewusst gewählten Motto „100 Jahre Adam Müller-Guttenbrunn“ stattgefunden hat. Das Festprogramm zeigt bildlich und inhaltlich das Aufeinanderzugehen von Reutlingern und Donauschwaben - man ist schwäbisch oder donau-schwäbisch -, es zeigt aber ebenso den kulturellen Selbstbehauptungswillen der Vertriebenen.Wir bleibemn“, so hat damals der Vorsitzende der Landmannschaft der Deutschen aus Jugoslawien gesagt, Siedler!- Für Beides-, für das Zusammenleben und für die kulturelle Eigenstädigkeit der Donauschwaben, bedurfte es aber eines starken Symbols, einer überzeugenden Darstellung, einer konkreten Verkörperung. Und eben diese wurde in Adam Müller-Guttenbrunn gefunden. Und so versprach man während der Bundestagung ein Denkmal für Ihn zu errichten - und mann errichtete es dann auch am richtigen „donauschwäbischen Ort“: am Rande der Siedlung Reutlingen-Ohmenhausen, nahe beim Wald.

Die vollzogene Integration der Donauschwaben – so könnte man sagen – hat das Adam-Müller Guttenbrunn Denkmal an seinem ursprünglichen Platz unnötig gemacht. Dass ihm nun aber als „heimatsuchendes Denkmal“ mit der Verlegung hierher zur Heimatstube Neu-Pasua (und somit deutlich stärker im Reutlinger Stadtzentrum gelegen) eine neue Heimat zugewiesen und somit eine kleines „Erinnerungs-Zentrum“ an die Geschichte der Donauschwaben geschaffen wurde, finde ich richtig und wichtig – und will dies doch auch noch kurz zum Abschluss begründen. Denn will das Denkmal nicht sofort wieder unsichtbar werden, dann bedarf es einer neuen, einer unserer Gegenwart angepassten Bedeutung. Worin könnte diese aber liegen und für wen könnte sie wichtig sein?

Ich gebe zwei kurze Antworten und dann ein zusammen fassendes Resümee.

Die dem Denkmal 1959 beigefügte Urkunde bezeichnet genau diese Intention. Aber in der Urkunde ist bereits auch von „anderen Aufgaben in der Gegenwart“ die Rede. Es sind dies die Aufgaben in der dritten Periode von Integration – in denen das Leben nach Bausinger „normaler“ wurde und dies auch darum, weil das neue „Daheim“ zunehmend gefunden wurde. Dies aber bedeutete, dass die Donauschwaben – v.a. in den folgenden Generationen – sich zunehmend integriert fühlen, daher auch die „Neuen Siedlungen“ der 1950iger Jahre verlassen konnten und Adam Müller-Guttenbrunn somit an seinem Platz ein weitgehend unbekanntes Denkmal wurde – zu einem unerkannten „Dichter“ eben, der verlassen – und damit unsichtbar geworden – im „Walde“ stand.

Die erste Antwort: Das Adam-Müller-Guttenbrunn-Denkmal ist ursprünglich von den vertriebenen Deutschen aus Jugoslawien errichtet worden; seine Neuaufstellung hingegen wurde primär von den Banater Schwaben vorangetrieben. Dies kann auch als Zeichen einer gemeinsamen Herkunft – und einer recht ähnlichen – Geschichte genommen werden. Für Adam-Müller-Guttenbrunn waren die geographischen Trennungen, die wir heute so wichtig nehmen, sowieso noch kaum von Bedeutung. Vielleicht sollten wir unsere Arbeit daher hin und wieder auch stärker an ihm und der von ihm beschriebenen Welt orientieren.

Meine zweite Antwort zielt nicht auf die Landsmannschaften, sondern auf die Stadt Reutlingen: Dadurch nämlich, dass Adam Müller-Guttenbrunn vom Rand näher ins Zentrum rückt und damit seinen Weg von der Donauschwaben-Siedlung in Stadt nimmt, wird Flucht und Vertreibung – werden somit die Donauschwaben insgesamt – zum selbstverständlichen Teil des städtischen kulturellen Erbes. Ein ursprünglich „fremder Dichter“ wird somit einheimisch. Diese Beheimatung aber passt m. E. bestens auch zu den Zielen der „Heimattage“, die vor kurzem in Reutlingen zu Ende gegangen sind. Die Reutlinger „Heimat“ schließt nämlich viele Zuwanderer mit ein.

Ich komme damit zum abschließenden Resümee: Vom Schweizer Architekturhistoriker Siegfried Giedion stammt die Beobachtung, dass sich in jedem noch so unbedeutenden Kaffeelöffel die Sonne spiegle, dass also im Kleinen auch das Große enthalten sei. Für das Adam-Müller-Guttenbrunn-Denkmal in Reutlingen trifft dies jedenfalls zu. Denn in ihm spiegelt sich die Reutlinger Geschichte – zu ihr habe ich bereits Stellung bezogen –, aber auch die europäische Geschichte von Flucht und Vertreibung, von Neu-Beheimatung, Wiederentdeckung des Verlorenen und neuem europäischen Zusammenfindens. Es zeigt – schon wegen des Sterbens der Erlebnisgeneration – die „Anwesenheit des Abwesenden“, es veranschaulicht zudem das „Hier“ in Baden-Württemberg und das „Dort“ in Südostmitteleuropa, und es lässt und letztlich auch das „Gestern“, das „Heute“ und das „Morgen“ vor unsere Augen treten.

Das ist nicht wenig! Und dafür lohnt es hier zu sein.

Blechbläserquintett

Alter Standort Madach-Siedlung
Zwischenlager: Bauhof
Bauhof
Einweihung: Adam Müller-Guttenbrunn Denkmal am neuen Standort













Denkmal A M-G am neuen Standort 72760 Reutlingen, Rommelsbacher Str. 7

Spender für die Umsetzung der Adam Müller-Guttenbrunn Büste

Neuer Gedenkstein für die Mahdach-Siedlung in Ohmenhausen feierlich eingeweiht

            Von Norbert Merkle

Nachdem im Januar 2009 der Bezirksgemeinderat Ohmenhausen dem Wunsch der Vertriebenenverbände um die Verlegung des Adam-Müller-Guttenbrunn-Denkmales nachgekommen ist, haben diese nun die Bitte Ohmenhausens mit der Erstellung eines Gedenksteines für die Mahdach-Siedlung eingelöst. Gemeinsam mit dem Bezirksgemeinderat mit seiner Bezirksbürgermeisterin Heide Schnitzer wurde von den beiden verantwortlichen Verbänden, der Heimatortsgemeinschaft Sackelhausen, Landsmannschaft der Banater Schwaben und dem Ortsverband Reutlingen der Landsmannschaft der Donauschwaben der freie Platz an der Endhaltestelle der Stadtbuslinie 7 am Jungholzweg als geeigneter Standort auserkoren.

Am Samstag, den 17.07.2010 war es soweit. Eine große Gästezahl fand den Weg zur Einweihung. Der Vorsitzende des Ortsverbandes begrüßte im Namen der beiden Veranstalter zu Beginn die Teilnehmer, darunter Frau Bezirksbürgermeisterin Schnitzer und die Mitglieder des Bezirksgemeinderates, sowie auch Gäste von den anderen Landsmannschaften aus Schlesien, Siebenbürgen, Sudetenland, Pommern, Ost- und Westpreußen. Dazu auch die Einwohner aus Ohmenhausen. Zu der Zeremonie passte das Trachtenpaar von der Leitung der Donauschwäbischen Tanz- und Folkloregruppe.

Ein besonderer Dank wurde den Partnerverbänden ausgesprochen, die immer in vielen Formen unterstützend mitgewirkt haben: Kreisverbände Reutlingen der Landsmannschaften der Banater Schwaben und der Donauschwaben, Franzfelder Kulturelle Interessen-Gemeinschaft, Stiftung Neu-Pasua und Heimatortsgemeinschaft Tscheb.

Immer wieder hatten in den vergangenen Jahren verschiedene Personen und Organisationen Anträge an den Bezirksgemeinderat Ohmenhausen wegen der Verlegung des Adam-Müller-Guttenbrunn-Denkmales gestellt. Durch die Initiative und Fürsprache von Staatssekretär Dieter Hillebrand und des Einsatzes von Kulturbürgermeister Robert Hahn konnte der große Wunsch um die Denkmalsverlegung in den kleinen Park beim Bürgerspital in Reutlingen erfüllt werden. „Deshalb gilt der herzliche Dank den Mitgliedern des Bezirksgemeinderates Ohmenhausen unter dem damaligen Bezirksbürgermeister Lutz, dass sie im Januar des vergangenen Jahres 2009 der Verlegung zugestimmt haben. Aber ein ganz wichtiges Argument für die Verlegung war, dass zum ersten Mal unsere bereits genannten Organisationen, bei allen sonstigen Differenzen, sich endlich einmal einig waren und diesen Antrag unterstützt haben. Ein wunderschöner Beweis für den Zusammenhalt“, so der Ortsvorsitzende weiter.

Anschließend wurde noch einmal auf die Zeit der Entstehung zurückgeblickt. Die Zeit, wenige Jahre nach dem Krieg mit dem Verlust von Familienangehörigen, der Not, dem Hunger, der Armut der vielen Ankommenden und selbstverständlich auch der einheimischen Bevölkerung. Auf die Verwaltung kam die riesige Aufgabe zu, für die vielen neu angekommenen Flüchtlinge und Heimatvertriebenen ebenfalls noch Sorge tragen zu müssen. So entstand der Gedanke für diese Siedlung.

„Für die beiden Verbände stellt die Mahdach-Siedlung einen wichtigen Teil ihrer Geschichte in der neuen Heimat dar. Sie ist etwas was bleibt, was an uns hier in Reutlingen erinnert. Wie unsere Literatur oder das Denkmal. Genau dies tut auch dieser neue Gedenkstein. Er erinnert an die Entstehung dieser Siedlung für Ohmenhausen und an unsere Verbände, auch wenn es uns irgendwann einmal nicht mehr gibt“, so der Ortsverbandsvorsitzende. Darauf wurde der Bezirksbürgermeisterin für die gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit in den vergangenen zwei Jahren gedankt.

Mit dem Vortrag des selbstverfassten Liedtextes „Heimat Banater Land“ für das Gesangsduo Mathias Wanko und Fritz Stanger, dass sich für diesen Anlass eignete, schloss der erste Teil.

Es folgte die Ansprache der Bezirkbürgermeisterin von Ohmenhausen, Heide Schnitzer. Das zentrale Thema ihrer Ansprache war das Entstehen der Mahdach-Siedlung und des Gedenksteines. Die Idee für eine Tafel oder diesen Gedenkstein hatte Bezirksgemeinderat Rudi Lorenz bei der Sitzung des Bezirksgemeinderates im Januar 2009 eingebracht. Die beiden Verbände hätten diesen Gedanken gerne aufgenommen und am 03.05.2010 wurde der Standort an der Bushaltestelle Mahdach für geeignet befunden.

Die Bezirksbürgermeisterin erinnerte ebenfalls an die Zeit nach dem Krieg, als über 200 Flüchtlinge und Heimatvertriebene Donauschwaben hier in der größten geschlossenen Donauschwäbischen Siedlung des Bundesgebietes eine neue Heimat fanden. „Die vom Schicksal schwer geprüften Menschen haben unter Mithilfe der Stadt Reutlingen ihre Häuser gebaut und fühlten wieder festen Grund unter den Füssen“, so Frau Schnitzer. Immerhin stammten rund 70% der damaligen Bewohner aus dem ehemaligen Jugoslawien, Rumänien und Ungarn. Auch der zunächst landwirtschaftliche Nebenerwerbszweck wurde erwähnt. Mit viel Fleiß und Hartnäckigkeit wurde die heutige Mahdach-Siedlung aufgebaut.

Weiter wurde erwähnt, dass man bei den Einwohnern von Ohmenhausen auf nicht geringen Widerstand stieß. „Das es trotzdem gelang den Bauern das nötige Land abzukaufen, lag wohl daran, dass der Verkauf ein gutes Geschäft versprach.“ Und dies trotz des bekanntermaßen schlechtesten Boden in der Gegend. Doch davon sei heute nichts mehr zu sehen. Es entstanden schöne Blumen und Obstgärten.

Die Bezirksbürgermeisterin schloss mit dem Satz: „ Ohmenhausen kann stolz darauf sein, Sie als Mitbürgerinnen und Mitbürger hier zu haben, denn Sie sind eine kulturelle Bereicherung und angenehme Nachbarn.“

Im Anschluss wurde der Gedenkstein von Frau Bürgermeisterin Schnitzer, Herrn Bezirksgemeinderat Orendi für Ohmenhausen und von den beiden Vorsitzenden der Veranstalter Frau Ortinau und Herrn Merkle enthüllt.

Heimatortsgemeinschaft Sackelhausen, Landsmannschaft der Banater Schwaben e.V. und Ortsverband Reutlingen der Landsmannschaft der Donauschwaben in Baden-Württemberg e.V.